Zeitungen
28.10.2011
Warum die Schweizer "Tageswoche" ein Modell für die Zukunft ist
Das Projekt hat über die Grenzen der Schweiz hinaus für Aufsehen gesorgt: Am heutigen Freitag erscheint in Basel zum ersten Mal die "Tageswoche". Die Wochenzeitung mit der dazugehörigen Website Tageswoche.ch will die traditionelle Zeitung und das Internet auf neuartige Weise miteinander verknüpfen und könnte mit ihrem Ansatz zur Blaupause für eine neue Arbeitsteilung von Print und Online werden. Auch die Finanzierung des ambitionierten Projekts taugt womöglich als Vorbild für die in ihrer Vielfalt bedrohte Gattung Zeitung.
"Die 'Tageswoche' ist weder eine Zeitung mit Website noch eine Website, die einmal pro Woche in Papierform gegossen wird. Die Tageswoche ist ein Medium, das für jede Geschichte den Kanal wählt, wo sie am besten zur Geltung kommt. Die Übergänge zwischen den beiden Medien sind fliessend, in vielerlei Hinsicht", erklärt Tageswoche-Redakteur David Bauer das Konzept.
Das alles ist noch nicht wirklich revolutionär neu - die "Tageswoche" geht in Sachen Transparenz und Einbindung der Leser aber noch einen Schritt weiter: Jeder Artikel hat eine "Rückseite", in der der User nicht nur Informationen über den Autor, sondern auch über verwendete Quellen und Dokumente findet und Änderungen nachvollziehen kann. Darüberhinaus fordert die "Tageswoche" ihre Leser ausdrücklich dazu auf, sich auch inhaltlich einzubringen: In der Rubrik "Storyboard" weist die Redaktion auf Themen hin, an denen sie aktuell arbeitet - Leser können die Recherche aktiv untersützen, indem die Tipps geben oder selbst Hintergrundinformationen liefern. Auch hier setzt die Redaktion also auf größtmögliche Offenheit und eine enge Vernetzung mit ihren Lesern. Eine Reihe von Blogs zu Themen wie Fotografie, Film oder Gastronomie ergänzen die klassichen Ressorts.
Das Geschäftsmodell der "Tageswoche" beruht auf einer Mischkalkulation: Die gedruckte Zeitung kostet im Abo 220 Schweizer Franken (ca. 180 Euro) im Jahr, das Portal ist dagegen frei zugänglich. Wer will, kann die Arbeit der Redaktion auch online honorieren. Ob die "Tageswoche" mit diesem zum Teil auf Freiwilligkeit und der Einsicht der Leser basierenden Modell in die schwarzen Zahlen kommt, wird sich zeigen. Vier Jahre lang müssen sich die Macher um Geld aber keine Sorgen machen: So lange finanziert Beatrice Oeri, eine Erbin des Basler Pharma-Konzerns Roche die "Tageswoche". Ihr gehe es um die Meinungsvielfalt in der Stadt, versicherte "Tageswoche"-Chefredakteur Urs Buess der "Süddeutschen Zeitung".
Die Gründung der neuen Wochenzeitung war eine Reaktion auf den Verkauf der traditionell links-liberalen "Basler Zeitung" an Investoren, hinter denen man die rechts-populistische Schweizerische Volkspartei vermutete. Womöglich ist auch das ein Modell, das auf lange Sicht zur Sicherung der Zeitungsvielfalt beitragen kann. dh
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