01.09.2009
Bilanz
G+J schreibt rote Zahlen / Werbeumsätze unter Vertriebserlösen / Verlagsumbau geht weiter
Die Wirtschafts- und Werbekrise drückt Europas größten Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr (G+J) in die Verlustzone - erstmals in der Konzerngeschichte. Fürs 1. Halbjahr 2009 weist G+J ein negatives Ebit (operatives Ergebnis vor Zinsen und Steuern minus Sonderaufwendungen wie Abfindungszahlungen und Firmenwertabschreibungen) in Höhe von 57 Millionen Euro aus. Im Vorjahr lag das Betriebsergebnis noch mit 106 Millionen Euro im Plus.
Grund für den Gewinneinbruch seien vor allem außerplanmäßige Abschreibungen bei der Druckereibeteiligung Prinovis, teilt G+J mit. Zudem waren bei den spanischen Verlagstöchtern hohe Abschreibungen fällig. Auch das Kerngeschäft Zeitschriften generell gibt Anlass zur Sorge: Die G+J-Werbeerlöse gingen im 1. Halbjahr um 23 Prozent auf 374 Millionen Euro zurück; die Vertriebsumsätze sanken um 4,8 Prozent auf 405 Millionen Euro. Somit überholen die Vertriebs- erstmals die Werbeerlöse - tragen jedoch, wohl anders als erhofft, bislang nur bedingt zur Stabilisierung des Gesamtumsatzes bei. Hier wird die Herausforderung mehr denn je darin liegen, das richtige Maß zwischen steigenden Copypreisen und oft sinkenden Auflagen zu finden.
Diese Zwischenbilanz ist umso prekärer, als G+J im 1. Halbjahr bereits massiv gespart hat: "Die um Sondereffekte bereinigte Kostenbasis wurde um mehr als 80 Millionen Euro gesenkt", teilt der Verlag mit. Die Personalkosten sanken weltweit um 8 Prozent, etwa durch Altersteilzeit und Einstellungsstopps. Dass all dies für die 2. Jahreshälfte nicht genügen wird, kündigt G+J schon jetzt an: Die seit dem 4. Quartal 2008 umgesetzten dezentralen Maßnahmen - etwa der Umbau der Wirtschaftsmedien - reichten nicht aus, „um die aus der weiter verschärften Krise und den beschleunigten strukturellen Veränderungen resultierenden Erlösverluste zu kompensieren", so der Verlag.
Mit anderen Worten: G+J erkennt noch kein Licht am Ende des Tunnels. „Derzeit sehen wir noch keine Anzeichen für eine Erholung in unseren Kernmärkten", sagt G+J-Vorstandschef Bernd Buchholz. Daher werde er weitere "Strukturanpassungen" vornehmen müssen: "Die nächsten Schritte des Konzernumbaus werden wir mit aller Konsequenz fortführen." Das klingt nicht danach, als wolle G+J im laufenden 2. Halbjahr hinter dem 80-Millionen-Euro-Sparvolumen der ersten sechs Monate zurückbleiben - eher im Gegenteil. Damit erscheint eine "Spiegel"-Meldung, wonach G+J bis Jahresende rund 200 Millionen Euro zum 900-Millionen-Sparpaket von Bertelsmann beitragen solle, nicht abwegig.
Seit Monaten ist es ein offenes und viel beschriebenes Geheimnis, dass G+J vor weiteren Einschnitten und wohl auch Stellenstreichungen steht: Im Gespräch - und teilweise bereits begonnen - sind Zentralisierungen und Outsourcing in Bereichen wie Vermarktung, Marketing, Redaktionen, Stabsstellen und Verwaltung. Ebenfalls Thema sind die Abschaffung von Führungsebenen sowie der Verkauf und die Einstellung einzelner Titel. Zudem sind Kurzarbeit sowie Verzicht und Stundung bei Gehaltsbestandteilen möglich.
Neben dem Umbau des Kerngeschäfts sucht G+J sein Wachstumsheil ("Ausbau") vor allem im Bereich Corporate Publishing, also der Auftragsproduktion von Print- und digitalen Kundenmedien inklusive Newsletter- und Intranetservices für Unternehmen. Auch die Online-Vermarktung soll zulegen. Zudem plant man neue Titel im In- und Ausland. In Deutschland bringt G+J bis Herbst fünf neue Nischenmagazine auf den Markt, teilweise zunächst als Test: "Nido", "Business Punk", "Gala" für Männer, "Beef" und "Geo Mini".
Fragt sich nur, inwieweit diese Projekte mehr als lediglich publizistische Achtungserfolge werden und die G+J-Bilanz signifikant aufpeppen können. Schon das viel zitierte „Expand your Brand"-Programm, die Weitervermarktung der Printmarken über digitale Kanäle, Events und weitere Projekte, funktioniert - aber eben nur auf ziemlich kleiner Flamme. Auch das angekündigte Mandantengeschäft bei der Printvermarktung nach dem Vorbild von Online und Vertrieb lässt weiter auf sich warten. Daher will Buchholz das für G+J neue Segment "Professional Publishing" aufbauen, das in den kommenden zwei bis fünf Jahren gar zum neuen Kerngeschäft avancieren könnte: B-to-B-Geschäfte mit Fachinformationen, Datenbanken, Messen und Marketing-Dienstleistungen.
Hierfür müsste G+J allerdings massiv investieren und akquirieren. Es wird spannend sein zu sehen, inwieweit der Hamburger Verlag als Tochterunternehmen des hoch verschuldeten Medienkonzerns Bertelsmann, der sich jetzt eine Art Investitionsstopp verordnet hat, dafür Geldmittel freimachen kann. Einen anspielungsreichen kecken Gruß schickt Buchholz jedenfalls schon mal öffentlich nach Gütersloh: "G+J ist weiterhin frei von Finanzschulden und mit einer komfortablen Cash-Position ausgestattet, insoweit finanziell kerngesund und investitionsbereit." rp
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- Medien 10. Juli 2009: Umbau bei G+J: Verhandlungen mit Betriebsrat beginnen
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