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Digital-Strategie

von Roland Pimpl,
Redakteur / Korrespondent Hamburg

G+J plant Offensive gegen Apples iPad / Teilnahmebedingung für Online-Kiosk gelockert


Das WePad von Neofonie 

Das WePad von Neofonie

Der Zeitschriftenkonzern Gruner + Jahr will mit einem eigenen Tablet-Angebot anderen Herstellern und Plattformen, allen voran dem US-Konzern Apple mit seinem iPad, die digitale Stirn bieten. So kooperiert G+J mit dem Berliner Unternehmen Neofonie, das jüngst ein
Gerät namens WePad vorgestellt und bereits für etliche Verlage Websites und Suchtechnologie programmiert hat. Konkret: G+J ist Auftraggeber einer Software zur Darstellung von E-Magazinen auf Tablet-Rechnern.
 
Diese Software, ebenfalls entwickelt von Neofonie, will G+J an andere Verlage lizenzieren. Sie soll aber nicht nur auf dem WePad laufen, sondern plattformunabhängig auf allen Geräten und Benutzeroberflächen, inklusive iPad und auch übers "klassische" Internet.
G+J-Vorstandschef Bernd Buchholz 

G+J-Vorstandschef Bernd Buchholz

All dies kündigte G+J-Vorstandschef Bernd Buchholz auf der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag an - und präsentierte das neue E-Magazin des „Stern", das in den kommenden Wochen an den Start gehen soll, in einer Vorab-Version. In Zukunft will G+J alle seine Titel auf diese neue Plattform stellen - und weitere Verlage dafür gewinnen. Beim Vertrieb setzt G+J auf den Online-Kiosk, an dem die Tochter Deutscher Pressevertrieb (DPV) und der Bertelsmann-Buchhandelszweig Direct Group seit Monaten zimmern.
 
Das E-Magazin des „Stern" soll maximal multimedial daherkommen, mit Video- und Audio-Streams, Flash-Anwendungen (anders als Apples iPad), individuellen Sortierfunktionen für alle Inhalte und Rubriken, Schnittstellen und Suchfunktionen fürs „Stern"-Archiv und fürs Web inklusive Twitter - und den entsprechenden Angeboten für Werbekunden. Das „Stern"-E-Mag sei ein „komplett anderes Produkt als das gedruckte Heft", schwärmt Buchholz. Der digitale Copypreis solle „nicht weit vom Print-Magazin entfernt liegen, vielleicht ein wenig darunter". Der gedruckte „Stern" kostet derzeit 3,20 Euro - mit Option in Richtung 3,50 Euro.
 
Der strategische Hintergrund der Offensive - oder auch nur ihrer Ankündigung - ist der gleiche wie beim erwähnten Online-Kiosk: Es geht um die Verhandlungsposition gegenüber den Geräteherstellern und Telkos, die ebenso wie die Verlage um ihre Rolle im digitalen und mobilen (Medien-) Vertrieb der Zukunft ringen. Konkret: Es geht um die Hoheit über die Copy- und Abopreise (die bei Büchern und Musik bisher Apple und Amazon bestimmen), die Inhalte (die Apple bei Apps gerne mal zensiert), die Vermarktung und Auslieferung der Werbung inklusive Targeting sowie übers Cross-Selling (andere Plattformen könnten die Verlagswerbung nicht ausliefern, oder stattdessen eigene Werbung einspielen). Und es geht um die direkte (Abrechnungs-) Beziehung zu den Endkunden, die etwa bei der jüngsten Kooperation zwischen Telekom, „Spiegel" und „Bild" nicht die Verlage halten - sondern die Telekom. Vielleicht meinte Buchholz auch dies, als er sagte: „Ich halte es für nicht unkritisch, was manche Wettbewerber von uns machen." Abgesehen davon machte Buchholz aber „zwischen den Verlagen einen breiten Konsens" aus, diese Prinzipien gemeinsam durchzusetzen.
 
Das WePad von Neofonie 

Das WePad von Neofonie

Für ihren E-Kiosk für digitale Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchinhalte suchen G+J und Bertelsmann seit Monaten Mitstreiter. Das erste (zumindest offiziell geäußerte) Echo changierte zwischen Zustimmung, Skepsis und radikaler Ablehnung. Unklar ist nur, wie viel taktische Rhetorik dabei war und ist - vielleicht, um den Preis fürs eigene Mitmachen zu erhöhen. Buchholz sagte hierzu auf dem PK-Podium: „Entgegen manchen ersten Reaktionen sind wir aktuell mit fast allen großen und auch kleineren Verlagen in Gesprächen, auch mit Springer und Burda."
 
In einem entscheidenden Punkt haben G+J/Direct Group jedoch mittlerweile nachgegeben: Für eine gesellschaftliche Beteiligung an der Betreiberfirma des E-Kiosks ist Exklusivität keine Bedingung mehr. Das heißt: Verlage, die sich neben DPV und Direct Group an der noch zu gründenden Servicefirma (deren künftige Mitarbeiter am geplanten Sitz in Hamburg im Mai ihre Arbeit aufnehmen sollen) beteiligen wollen, können ihre Inhalte also auch noch auf anderen Plattformen anbieten. Das erklärte Buchholz am Rande der Pressekonferenz gegenüber HORIZONT.NET. Ursprünglich war geplant, nur den „normalen" Kooperationspartnern auch alternative digitale Vertriebswege zu gestatten. Das dürfte jetzt die Chancen auf breitere Verlagsbeteiligungen erhöhen. rp
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