G+J
22.11.2012
"FTD": Doch noch Verkauf? / Der lange Abschied vom Prestigeprojekt

Zappenduster: G+J zieht bei den Wirtschaftsmedien den Stecker
Über die Zukunft der Wirtschaftstitel sei noch nicht endgültig entschieden, so G+J-Sprecher Claus-Peter Schrack am späten Mittwochabend via dpa: Richtig sei, dass der Aufsichtsrat den Vorstand ermächtigt habe, "einen Verkauf, Teilschließung oder Schließung der G+J-Wirtschaftsmedien vorzunehmen", so Schrack: "Es laufen aktuell letzte Gespräche zu einem potenziellen Verkauf der ,FTD', ein endgültiger Beschluss des Vorstandes ist damit noch nicht gefasst."
Laut den kursierenden Informationen wird die "Financial Times Deutschland" („FTD") eingestellt und auch digital nicht weitergeführt. Dem Vernehmen nach soll die Zeitung nur noch wenige Wochen erscheinen. Die Magazine „Impulse" und „Börse Online" (genauer: die Markenrechte und Abonnentenstämme) sollen möglichst verkauft - und wenn das nicht funktioniert: ebenfalls eingestellt - werden. Lediglich das Monatsmagazin „Capital" soll weiter bestehen. Damit G+J auch in Zukunft noch behaupten kann, in den Wirtschaftsmedien irgendwie präsent zu sein.
Die Entscheidung markiert den letzten Akt eines Abschiedsdramas, inszeniert auf der einen Seite von einer wankelmütigen G+J-Chefetage in wechselnder Besetzung - Julia Jäkel folgte CEO Bernd Buchholz als Deutschland-Vorstand -, hin und her gerissen zwischen publizistischer Verantwortung, immer neuen Szenarien, Sorge um den eigenen Ruf, ökonomischen Realitäten - der Werbemarkt drehte in der zweiten Jahreshälfte weiter ins Minus - und den Erwartungen der Gesellschafter. Und auf der anderen Seite von einer beispiellosen, zuletzt täglichen medialen Spekulationsschlacht zur Frage, wie nahe die „FTD" denn nun am Abgrund steht.
„Eigentlich ist es doch jetzt schon egal, wie sie entscheiden", sagte ein Mitarbeiter vor ein paar Tagen, „wir sind eh schon tot geschrieben, diese Wertevernichtung könnten wir gar nicht mehr drehen". Und tatsächlich haben die wochenlange Hängepartie des Managements und die monatelangen Spekulationen im Markt, glaubt man den Sales-Leuten, den Titeln im Anzeigenmarkt immer mehr geschadet und sie zuletzt für 2013 quasi unvermarktbar gemacht.
Entsprechende Spekulationen begleiten die publizistisch hoch angesehene „FTD" seit vielen Jahren. Jeder wusste, dass die lachsrosa Zeitung seit ihrer Premiere im Februar 2000 immer nur rote Zahlen geschrieben hat - mal mehr, mal weniger. So kursierten seit Jahren immer wieder in ermüdender Regelmäßigkeit Spekulationen, wonach G+J alle oder einzelne seiner vier Wirtschaftstitel einstellen oder verkaufen könnte. Genährt von Insidern, die, so läuft das Geschäft, vielleicht schon Fakten schaffen wollten. Oder die „FTD" bald nur noch einmal (oder zweimal?) pro Woche auf Papier und ansonsten täglich digital? Oder nur noch digital? Oder irgendwie? Anfang dieses Jahres hatte auch „FTD"-Chefredakteur Steffen Klusmann höchst selbst in HORIZONT kein Digital-Szenario mehr ausgeschlossen und laut über nur noch ein gedrucktes Wochenendheft und tägliche Tablet-Ausgaben nachgedacht.
Im Sommer allerdings wurden die Sorgenfalten tiefer - und im Herbst noch viel tiefer. Mittlerweile (bis Ende Oktober) stecken alle großen Wirtschaftstitel bei ihren Bruttowerbeumsätzen im Vergleich zum Vorjahr teils tief im Minus.
Vor diesem Hintergrund rückten in den vergangenen Wochen die Hoffnung des Managements und die Erwartungen der Gesellschafter, dass die G+J-Wirtschaftsmedien nach zwölf Verlustjahren, unzähligen Sparrunden und teils radikalen Umstrukturierungen (Ende 2008 etwa wurden die Redaktionen der vier Titel zusammengelegt) nun endlich 2012, spätestens 2013 die Gewinnzone erreichen, erneut in weite Ferne. Wenn nicht gar ins Niemals.
Selbst der frühere Verlagsboss Bernd Buchholz hatte seinen verlegerischen Impetus, mit dem er „FTD" und Co weiter subventioniert hatte, an die Überzeugung und die Bedingung einer „wirtschaftlichen Perspektive" geknüpft. Sprich: Dass die Finanzwerbung in die Medien zurückkehrt. Und wenn nicht? „Dann hätten wir ein echtes Problem", so Buchholz im Sommer 2010 im HORIZONT-Interview.
Das Problem war nun da - und Julia Jäkel, ganz frisch im hohen Amt, muss jetzt die Konsequenzen exekutieren. Lagen die G+J-Wirtschaftsmedien bis Ende 2011 mit „nur" noch 5 Millionen Euro Verlust im Plan, lief es wegen der neuerlichen Einbrüche im Anzeigenmarkt für 2012 wieder auf heftige 15 Millionen Euro Verlust hinaus, davon 10,5 Millionen bei der „FTD" und 2,5 Millionen Euro bei „Börse Online". Seit der Gründung der „FTD" sei bei den G+J-Wirtschaftsmedien ein Verlust von 250 bis 300 Millionen Euro angefallen, heißt es. rp
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