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"FTD": Doch noch Verkauf? / Der lange Abschied vom Prestigeprojekt


von Roland Pimpl,
Redakteur / Korrespondent Hamburg

Zappenduster: G+J zieht bei den Wirtschaftsmedien den Stecker

Zappenduster: G+J zieht bei den Wirtschaftsmedien den Stecker

Das war's jetzt wohl, leider: Der Aufsichtsrat von Europas - noch - größtem Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr (G+J) hat am Mittwoch wie erwartet den Plänen des Vorstands zugestimmt, sich von drei seiner vier Wirtschaftstitel zu trennen. Entsprechende Medienmeldungen decken sich mit Informationen von HORIZONT.NET aus Verlagskreisen. Doch G+J widerspricht offiziell.
 
Über die Zukunft der Wirtschaftstitel sei noch nicht endgültig entschieden, so G+J-Sprecher Claus-Peter Schrack am späten Mittwochabend via dpa: Richtig sei, dass der Aufsichtsrat den Vorstand ermächtigt habe, "einen Verkauf, Teilschließung oder Schließung der G+J-Wirtschaftsmedien vorzunehmen", so Schrack: "Es laufen aktuell letzte Gespräche zu einem potenziellen Verkauf der ,FTD', ein endgültiger Beschluss des Vorstandes ist damit noch nicht gefasst."
G+J-Vorstand Julia Jäkel 

G+J-Vorstand Julia Jäkel

Kaum einzuschätzen ist, wie realistisch ein Verkauf der "FTD" ist - und ob es dabei nur um Markenrechte und/oder die Abonnentendatei geht. Oder ob das Statement eher formaljuristischen Gehalt hat. Spiegel Online spekuliert, G+J wolle per Hinhalte-Taktik die Produktion der Freitagsausgabe nicht gefährden und plane die Verkündung für Freitag. Wie auch immer: Unter den endgültigen Beschluss muss sowieso noch der Bertelsmann-Aufsichtsrat seine Haken machen. Formvorschriften. Bis zum bitteren Ende bietet der Fall damit ein Maximum an Spekulations- und Meldungsanlässen, Schritt für Schritt, und dann alles wieder von vorne. Skurril für Beobachter, bitter für die 350 Betroffenen (250 Vollzeitstellen). Laut „FAZ" soll rund 320 von ihnen bis Ende Januar betriebsbedingt gekündigt werden. Indirekt könnten längerfristig weitere knapp 100 Vermarktungs-, Vertriebs- und sonstige G+J-Mitarbeiter betroffen sein, die für die Wirtschaftsmedien arbeiten.
 
Für die "FTD" läuft die Zeit ab 

Für die "FTD" läuft die Zeit ab

Laut den kursierenden Informationen wird die "Financial Times Deutschland" („FTD") eingestellt und auch digital nicht weitergeführt. Dem Vernehmen nach soll die Zeitung nur noch wenige Wochen erscheinen. Die Magazine „Impulse" und „Börse Online" (genauer: die Markenrechte und Abonnentenstämme) sollen möglichst verkauft - und wenn das nicht funktioniert: ebenfalls eingestellt - werden. Lediglich das Monatsmagazin „Capital" soll weiter bestehen. Damit G+J auch in Zukunft noch behaupten kann, in den Wirtschaftsmedien irgendwie präsent zu sein.
 
Die Entscheidung markiert den letzten Akt eines Abschiedsdramas, inszeniert auf der einen Seite von einer wankelmütigen G+J-Chefetage in wechselnder Besetzung - Julia Jäkel folgte CEO Bernd Buchholz als Deutschland-Vorstand -, hin und her gerissen zwischen publizistischer Verantwortung, immer neuen Szenarien, Sorge um den eigenen Ruf, ökonomischen Realitäten - der Werbemarkt drehte in der zweiten Jahreshälfte weiter ins Minus - und den Erwartungen der Gesellschafter. Und auf der anderen Seite von einer beispiellosen, zuletzt täglichen medialen Spekulationsschlacht zur Frage, wie nahe die „FTD" denn nun am Abgrund steht.
 
„Eigentlich ist es doch jetzt schon egal, wie sie entscheiden", sagte ein Mitarbeiter vor ein paar Tagen, „wir sind eh schon tot geschrieben, diese Wertevernichtung könnten wir gar nicht mehr drehen". Und tatsächlich haben die wochenlange Hängepartie des Managements und die monatelangen Spekulationen im Markt, glaubt man den Sales-Leuten, den Titeln im Anzeigenmarkt immer mehr geschadet und sie zuletzt für 2013 quasi unvermarktbar gemacht.
 
"FTD"-Chefredakteur Steffen Klusmann 

"FTD"-Chefredakteur Steffen Klusmann

Entsprechende Spekulationen begleiten die publizistisch hoch angesehene „FTD" seit vielen Jahren. Jeder wusste, dass die lachsrosa Zeitung seit ihrer Premiere im Februar 2000 immer nur rote Zahlen geschrieben hat - mal mehr, mal weniger. So kursierten seit Jahren immer wieder in ermüdender Regelmäßigkeit Spekulationen, wonach G+J alle oder einzelne seiner vier Wirtschaftstitel einstellen oder verkaufen könnte. Genährt von Insidern, die, so läuft das Geschäft, vielleicht schon Fakten schaffen wollten. Oder die „FTD" bald nur noch einmal (oder zweimal?) pro Woche auf Papier und ansonsten täglich digital? Oder nur noch digital? Oder irgendwie? Anfang dieses Jahres hatte auch „FTD"-Chefredakteur Steffen Klusmann höchst selbst in HORIZONT kein Digital-Szenario mehr ausgeschlossen und laut über nur noch ein gedrucktes Wochenendheft und tägliche Tablet-Ausgaben nachgedacht.
 
Im Sommer allerdings wurden die Sorgenfalten tiefer - und im Herbst noch viel tiefer. Mittlerweile (bis Ende Oktober) stecken alle großen Wirtschaftstitel bei ihren Bruttowerbeumsätzen im Vergleich zum Vorjahr teils tief im Minus.
 
Vor diesem Hintergrund rückten in den vergangenen Wochen die Hoffnung des Managements und die Erwartungen der Gesellschafter, dass die G+J-Wirtschaftsmedien nach zwölf Verlustjahren, unzähligen Sparrunden und teils radikalen Umstrukturierungen (Ende 2008 etwa wurden die Redaktionen der vier Titel zusammengelegt) nun endlich 2012, spätestens 2013 die Gewinnzone erreichen, erneut in weite Ferne. Wenn nicht gar ins Niemals.
 
Selbst der frühere Verlagsboss Bernd Buchholz hatte seinen verlegerischen Impetus, mit dem er „FTD" und Co weiter subventioniert hatte, an die Überzeugung und die Bedingung einer „wirtschaftlichen Perspektive" geknüpft. Sprich: Dass die Finanzwerbung in die Medien zurückkehrt. Und wenn nicht? „Dann hätten wir ein echtes Problem", so Buchholz im Sommer 2010 im HORIZONT-Interview.
 
Das Problem war nun da - und Julia Jäkel, ganz frisch im hohen Amt, muss jetzt die Konsequenzen exekutieren. Lagen die G+J-Wirtschaftsmedien bis Ende 2011 mit „nur" noch 5 Millionen Euro Verlust im Plan, lief es wegen der neuerlichen Einbrüche im Anzeigenmarkt für 2012 wieder auf heftige 15 Millionen Euro Verlust hinaus, davon 10,5 Millionen bei der „FTD" und 2,5 Millionen Euro bei „Börse Online". Seit der Gründung der „FTD" sei bei den G+J-Wirtschaftsmedien ein Verlust von 250 bis 300 Millionen Euro angefallen, heißt es. rp
     
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