HORIZONT Award
17.12.2009
"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann im Interview: "Starke Printmarken haben eine fantastische Zukunft"
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17.12.2009
Herr Diekmann, wie gefällt es dem Journalisten Diekmann, selbst zunehmend Objekt der Berichterstattung zu sein?
Schon richtig, aber dass der "Spiegel" Ihnen drei Seiten widmet und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" eine ganzseitige Eloge auf den Chefredakteur Diekmann bringt, ist dann doch noch mal etwas anderes.
Diekmann: Klar, davon kann ich gar nicht genug haben und ich sehe es auch als Kompliment für die Arbeit der gesamten Redaktion. Aber langsam werde ich misstrauisch. Wenn man als Chefredakteur von "Bild" kurz vor der Seligsprechung steht, ist das schon fast etwas unheimlich. Im Moment wird mir eindeutig zu viel Weihrauch geschwenkt.
Sie haben ja nicht nur Anhänger, sondern müssen bisweilen auch ziemlich einstecken.
Diekmann: Das ist schon in Ordnung so. Die Marke "Bild" polarisiert und provoziert. Wenn das auch auf den Chefredakteur zutrifft, dann kann ich damit gut leben.
Lassen Sie uns über die Positionierung von "Bild" sprechen. Ihr Star-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb kürzlich, "Bild" habe keine Farbe, weder schwarz, rot, grün noch gelb. Funktioniert Boulevard heute nicht mehr parteipolitisch, sondern nach dem populistischen Motto "Ihr da oben, wir da unten"?
Diekmann: Nein, überhaupt nicht. "Bild" sollte den Menschen zwar aufs Maul schauen - aber nach dem Mund reden dürfen wir ihnen nicht. Wir gehören nicht zu denen, die heute laut nach höheren Renten rufen und sich morgen darüber beklagen, dass die Rentenbeiträge steigen. Und wir veröffentlichen auch nicht diese berühmten Listen über "Die 100 reichsten Deutschen". Das besorgen schon die Zentralorgane der Hochfinanz, die dann mit goldener Titelseite am Kiosk liegen. Das Spielchen "Ihr da oben, wir da unten" machen wir ganz bewusst nicht mit.
Dass Sie nicht der Versuchung erlegen sind, lautstark die Rettung von Opel zu fordern, fanden wir schon bemerkenswert für eine Boulevardzeitung.
Diekmann: Natürlich wäre es für ein Boulevardblatt hoch attraktiv gewesen, einfach zu fordern: Das muss alles gerettet werden! Aber das haben wir ganz bewusst nicht getan - weil wir es schlicht nicht geglaubt haben. Wir haben deshalb nicht nur bei Opel, sondern auch bei Arcandor sehr differenziert berichtet und klar gesagt, dass es falsch wäre, alles beim Steuerzahler abzuladen.
Wie sehr suchen Politiker Ihre Nähe und versuchen, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen?
Diekmann: Dass Politiker die Nähe zu "Bild" suchen, ist relativ einfach zu erklären: Wer in Deutschland gehört werden will, muss sich zuallererst in "Bild" äußern. Es gibt kein anderes Medium mit einer vergleichbaren Reichweite: 12 Millionen Leser und mehr als 6 Millionen Online-User. Bei aller angestrebten Nähe wissen Politiker aber auch, dass es überhaupt nichts bringt, Einfluss auf unsere Berichterstattung nehmen zu wollen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Bundeswehr war für "Bild" schon immer ein wichtiges Thema, außerdem halte ich persönlich Franz Josef Jung für einen absolut honorigen Mann. Das alles hat uns aber nicht daran gehindert, zu berichten, was in Kunduz falsch gelaufen ist. Keine 48 Stunden später trat Minister Jung zurück. Wir lassen uns nicht beeinflussen.
Dass "Bild" enorm einflussreich ist, wird niemand ernsthaft bestreiten. Dennoch: Die Rolle des Meinungsführers gebührt doch nach wie vor dem "Spiegel".
Diekmann: Finden Sie? Lassen Sie mich jemanden zitieren, der unverdächtig ist, ein großer Fan von "Bild" zu sein, nämlich Klaus Staeck, den Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin. Der hat es als Skandal für den gesamten Berufsstand bezeichnet, dass es "Bild" gelungen ist, die unumstrittene Meinungsführerschaft zu erringen. Und Sie kennen sicherlich auch das saloppe Zitat von Gerhard Schröder: "Zum Regieren brauche ich nur Bild, BamS und Glotze." Das hat natürlich auch viel mit unserer hohen Reichweite in Print und Online zu tun. Wir sind eine publizistische Kraft. Unsere Seite 2 setzt jeden Tag einen wichtigen Akzent für die politische Agenda in Deutschland.
Zweiseitige Interviews mit Kanzlerin Angela Merkel oder 60 Folgen mit zeitgenössischer Kunst sind nicht gerade das, was man sich unter Boulevardjournalismus vorstellt.
Diekmann: Ich bin der festen Überzeugung: Zu anspruchsvollem Boulevard gehört heute zwingend dazu, sich auch mit Themen zu beschäftigen, die man dort nicht erwarten würde. Nehmen Sie unsere große Aktion 60 Jahre - 60 Kunstwerke, zum Geburtstag der Bundesrepublik. Die Idee war: Bilder sind eine Kernkompetenz von "Bild", also lasst uns für jedes Jahr ein Kunstwerk definieren, das für die Republik am wichtigsten gewesen ist. Das ist einerseits ein zutiefst boulevardesker Ansatz à la "Deutschland sucht den Superstar". Andererseits ist es aber eben auch ein hoher Anspruch. Über 60 Tage in jeder Ausgabe ein zeitgenössisches Werk zu drucken und es in einer Sprache, sprich erklärenden Texten, zugänglich zu machen, die von Millionen Lesern verstanden wird - so etwas durchzuhalten, darauf sind wir schon stolz.
Wir fragen uns nur, ob auch Ihre Leser das goutiert haben - oder das Ganze nicht doch eher eine Imageaktion in eigener Sache war.
Diekmann: Selbstverständlich zahlt so etwas auch auf das Image von "Bild" ein, das will ich gar nicht abstreiten. Der tiefere Grund ist aber ein anderer: Wir müssen sehr aufpassen, dass wir uns als Boulevardzeitung nicht zu Tode siegen. Es ist ja wunderbar, dass Boulevard inzwischen gesellschaftlich akzeptiert ist - die Gefahr ist nur, dass uns dadurch etwas von unserem Alleinstellungsmerkmal verloren geht. Wir haben eben nicht mehr das Monopol auf die Berichterstattung über Britney Spears, Tatjana Gsell oder DSDS. Das findet heute selbstverständlich auch im "Spiegel", in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" oder der "Süddeutschen Zeitung" statt. Die "FAZ" hat kein Problem mehr mit einer Schlagzeile wie "Sorge um Ballacks Wade". Vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen.
So eine Headline ist doch okay. Oder finden Sie, dass die "FAZ" mit solchen Geschichten ihre Seele verliert?
Diekmann: Nein, absolut nicht. Ich finde toll, was die Kollegen machen. Nehmen wir zum Beispiel das Foto auf Seite 1 der "FAZ". Das ist eine Bereicherung. In den besten Momenten am Rande des anspruchsvollen Politkabaretts. Aber natürlich ist es auch ein Schritt in unsere Richtung. Und die "SZ" übt noch. Wenn sie sich zum Beispiel in einem Artikel über Britney Spears erst bitter über die bösen Paparazzi beschwert, um dann auf 150 Zeilen alle Gerüchte genussvoll auszubreiten. Das ist Boulevard nach dem Motto: "Solche Fotos wollen wir nie wieder sehen" oder "Schlimme Lügen über...".
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