HORIZONT.netHORIZONTjopsHORIZONTpeoplewww.HORIZONTstats.de
HORIZONT.NET
29.07.2009

Interview

Otto-Sprecher Thomas Voigt: "Netzwerke verändern die Unternehmenskultur"


Thomas Voigt 

Thomas Voigt

Die Präsenz im Social Web bleibt nicht ohne Folgen für die Unternehmenskultur. Wenn der Dialog mit der "Generation Upload" gelingen soll, muss sich auch das Unternehmen kulturell und meist auch im Führungsverhalten wandeln. Die Veränderung wird dabei allerdings nicht nur von außen aufgezwungen. Sie ist auch das Ergebnis interner Prozesse. "Wenn die Kolleginnen und Kollegen privat zunehmend gewohnt sind, Meinungen und Wissen in einem Netzwerk auszutauschen, verändert das die Kommunikation und damit die Kultur in einem Unternehmen zwangsläufig", sagt Thomas Voigt, Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation bei der Otto Group. Das Unternehmen zählt mit Fashions-Blog und der dialogorientierten Nutzung von Twitter zu den Vorreitern beim Social-Media-Einsatz im deutschen Handel. Im Gespräch mit HORIZONT.NET erklärt Voigt die Begleitung des Wandels zu Chefsache.
 
Warum muss sich die Unternehmenskultur wandeln, wenn sich ein Unternehmen im Social Web bewegt?
Thomas Voigt: Zwei Grundgedanken dazu. Erstens: Die Unternehmenskultur wird von den Menschen gemacht, die in einem Unternehmen arbeiten. Wenn die Kolleginnen und Kollegen privat zunehmend gewohnt sind, Meinungen und Wissen in einem Netzwerk auszutauschen, verändert das die Kommunikation und damit die Kultur in einem Unternehmen zwangsläufig. Es fordert und fördert eine offene Kommunikation über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg und wird damit Treiber einer Kultur, die wir in der Wirtschaft zunehmend brauchen. Die offene Frage ist, inwieweit in einem Unternehmen Social Media simuliert werden kann und sollte, schließlich bleibt ein Unternehmen ein Ort zweckgerichteter Kommunikation in definierten Rollengrenzen.
Zweitens: Wenn sich ein Unternehmen im Social Web bewegt, bewegt sich nicht das Unternehmen, sondern einzelne Mitarbeiter. Deshalb scheitern jene Versuche kläglich, Unternehmensbotschaften vertrieblich, werblicher oder PR-mäßiger Art als individuelle Message oder gar als Social Media zu kaschieren. Das offenbart sich selbst. Der Mitarbeiter aber, der sich im Namen eines Unternehmens - bitte mit offenem Visier - im Social Web bewegt, kommt automatisch in Zielkonflikt zwischen dem Anspruch des Unternehmens und der Community.
 
 Inwiefern verändert die Nutzung offener Dialogmöglichkeiten durch ein Unternehmen im Social Web schon die Unternehmenskultur?
Die Mitarbeiter und die Unternehmensorganisation werden im besten Fall wacher für die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden. Das schafft mehr Transparenz und Diskussion über die Leistung des Unternehmens und bestärkt die Innovationskraft.

Thomas Voigt

Thomas Voigt wurde jungst als PR-Professional des Jahres 2009 geehrt. Mit dieser Auszeichnung würdigte die 25-köpfige Jury des PR-Reports die Leistungen Voigts. Der Direktor Wirtschaftskommunikation kam 2004 zur Otto Group in Hamburg und trägt seitdem zur Öffnung des Konzerns bei. Längst gilt das früher verschlossene Familienunternehmen als kommunikative Benchmark im Handel. Vor seinem Wechsel zu Otto war Voigt unter anderem Chefredakteur von HORIZONT und "Impulse".


 
Wie schnell erfolgt der Wandel?
Das ist ein mittelfristiger Prozess. Langfristig stellt es die One-Voice-Policy eines Unternehmens insofern infrage, als dass sie die Aura eines unverbrüchlichen Comments aller Mitarbeiter verliert. Unternehmensbotschaften werden in Zukunft stärker als das betrachtet, was sie sind: Ausdruck des auch in Zukunft notwendigerweise artikulierten Willens der Unternehmensführung - authentischer und selbstkritischer als bisher.
 
Wo sehen sie die größten Hindernisse?
Das größte Hindernis besteht darin, von der Vorstellung zu lassen, dass Unternehmensbotschaften im Netz keine Vielfalt und Diskussion vertragen.
 
Inwieweit sollte sich die Unternehmenskultur schon vor der Teilnahme im Social Web verändert haben?
Die Teilhabe am Social Web und die Unternehmenskultur sind miteinander kommunizierende Röhren. Sie verändern sich gegenseitig.
 
Gibt es Prozesse im Unternehmen, mit denen sich dieser Wandel gestalten lässt?
Ausprobieren.
 
Wer muss im Unternehmen diesen Wandel der Unternehmenskultur aktiv begleiten oder steuern?
Die aktive Begleitung muss Chefsache sein und in einem offenen Zusammenspiel aller Abteilungen, von der Unternehmensentwicklung über Vertrieb, Marketing bis hin zur Unternehmenskommunikation gestaltet sein. Dass der Vorstand selbst Beiträge, beispielsweise in einem Blog veröffentlicht, ist aber keine notwendige Bedingung.
 
Inwieweit bemerken Sie im Unternehmen durch die Social-Media-Aktivitäten bereits eine Wandel der Kultur?
Die Achtsamkeit der Mitarbeiter untereinander und gegenüber den Anspruchsgruppen wächst.
 
Mehr zum Thema lesen Sie in der HORIZONT-Ausgabe 31/2009 vom 30. Juli 2009.

Artikel posten bei:
Twitter Facebook Google LinkedIn

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (5)
Klaas Kramer sagte am 29.07.2009 um 18:59

Bingo

Ein lebender Gegenbeweis zum häufigen Urteil, große Unternehmen seien per se nicht fähig zur Social-Media-PR. Hinweis: PR macht nicht die PR-Abteilung sondern jeder Mitarbeiter. Ohne "Chefsache" setzt sich dieses Bewusstsein in der Hierarchie nur nicht nach unten durch.
Richard Gutjahr sagte am 29.07.2009 um 22:29

Anspruch & Wirklichkeit

Kommunikative Benchmark? Öffnung? Social Media? ...lesen Sie mal, wie das in der Praxis bei Otto aussieht: http://gutjahr.biz
Alex sagte am 30.07.2009 um 09:22

Disclosure

Stimmt es, dass Thomas Voigt der frühere Chefredakteur von ,Horizont? ist? Das sollten sie vielleicht nicht verschweigen.
Christian Faltin sagte am 30.07.2009 um 10:29

So ist es

Es gibt derzeit wenig schlaue Gedanken, die Unternehmen zum Thema Social Web publizieren. Die Äußerungen von Thomas Voigt bilden da eine bemerkenswerte Ausnahme. "Deshalb scheitern jene Versuche kläglich, Unternehmensbotschaften vertrieblich, werblicher oder PR-mäßiger Art als individuelle Message oder gar als Social Media zu kaschieren. Das offenbart sich selbst." So ist es! Web-Dialog und Kommunikationskultur von Unternehmen sind sehr fragile Konstrukte, die sich nur langsam annähern können. Manchmal auch gar nicht. Social Web ist die Kultur des Lernens - und das über einen längeren Zeitraum. @Alex: im Kasten zum Interview steht alles
Martin Schleinhege sagte am 30.07.2009 um 13:36

Meine Antwort zum Beitrag "Anspruch & Wirklichkeit"

Meine Antwort zum Beitrag "Anspruch & Wirklichkeit" Herrn Gutjahr habe ich soeben folgende Antwort geschickt: Sehr geehrter Herr Gutjahr, auf Ihrer Homepage berichten Sie über unser gestriges Telefonat. Dazu hatte ich Sie kurzfristig zurückgerufen und wollte Ihnen eigentlich unsere Position darstellen. Es muss uns vorbehalten bleiben, ob wir dies in Form eines O-Ton-Interview machen oder nicht. Es gäbe zu Ihrer Darstellung viel zu sagen, ich will mich auf einen Punkt konzentrieren: Sie zitieren mich mit dem Statement ?So what?. Damit habe ich ausdrücklich nicht den Fall oder den Umgang mit unseren Kunden gemeint. Dieser Halbsatz ist gefallen, als Sie sich zum ?Mediator? zwischen OTTO und unseren Kunden aufschwingen wollten und mir vorwarfen, ich würde über Sie gestellte Anfragen unserer Kunden nicht beantworten. Genau auf diesen Vorwurf entgegnete ich ?so what? . Denn OTTO hat Kundencenter, die alle Anfragen von Kunden direkt beantworten. Auch habe ich Ihnen nicht verbieten wollen, dieses Zitat zu veröffentlichen, sofern der Kontext gestimmt hätte. Wir sind gespannt, ob Sie die Größe haben, diesen Kommentar auf Ihrer Homepage zu veröffentlichen.

Weitere Nachrichten aus Marketing vom 29.07.2009:

Durex vergibt Hauptrolle im TV-Spot
BMW steigt aus der Formel 1 aus
Reckitt Benckiser wirbt erstmals fürs Unternehmen
L'Tur: Werbe-Spaß mit der Schweinegrippe

Zur Übersicht
Nachrichten
HORIZONTstats.de
stats.jpg
HORIZONTstats.de - Statistiken aus Marketing, Werbung und Medien
HORIZONTstats.de bietet weit über 1 Million relevante Statistiken rund um Marketing, Werbung, Medien und Internet. Das kostenpflichtige Angebot von HORIZONT und Statista richtet sich insbesondere an Nutzer und Entscheider in der werbungtreibenden Industrie, Agenturen und Medien. Zu Horizontstats
HORIZONT Award: Die Männer des Jahres 2009
horizontaward_trophaevorschriftzug.jpg
HORIZONT Award: Alle Videos, Bilder und Hintergründe auf einen Blick
Am 18. Januar 2010 trafen sich die Top-Entscheider der deutschen Kommunikationsbranche beim 27. HORIZONT Award. HORIZONT.NET präsentiert alle Videos und Bilder von Award-Zeremonie und Party sowie weitere Hintergründe, Video-Porträts und Interviews mit den Preisträgern des Jahres 2009. Zum Special
News-Archiv

Januar 2010

MODIMIDOFRSASO
    123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Februar 2010

MODIMIDOFRSASO
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
 
HORIZONT-Kreativranking
kassaei_zigarette_aufmacher.jpg
Kreativranking: Alle Fakten und Hintergründe auf einen Blick
Das HORIZONT-Kreativranking des Jahres 2009 ist erschienen. HORIZONT.NET präsentiert alle Ergebnisse, die wichtigsten Charts, die Statements der Top-Kreativen und die besten Kampagnen gebündelt in einem umfangreichen Online-Special. Zum Special
Kreation

Käserei Loose
Die Düsseldorfer Agentur Ogilvy bringt die Käserei Loose ins Werbefernsehen. Der 25-Sekünder folgt dem neuen Internetauftritt und diversen Printmotiven. Er ist seit dieser Woche auf reichweitenstarken Privatsendern zu sehen und wurde von Made in Munich unter der Regie von Wiebke Berndt produziert.

Event-Special
kongress.jpg
Deutscher Medienkongress 2010: Alle News und Bilder auf einen Blick
Zum zweiten Mal findet am 19. und 20. Januar der Deutsche Medienkongress statt. HORIZONT.NET präsentiert an dieser Stelle alle News und Bilder von der Veranstaltung. Video-Interviews und -Reportagen runden im Lauf der Woche die Berichterstattung ab. Zum Special
Neueste Leserkommentare

Nachrichten: Warum der "Spiegel" seine App kostenpflichtig macht
Hüsker: Macmillan

Nachrichten: Warum der "Spiegel" seine App kostenpflichtig macht
Günter Haaf: Redaktionsdirektor

Nachrichten: Warum der "Spiegel" seine App kostenpflichtig macht
Christian Schaefer: Das Heft ist tot!