Interview
Otto-Sprecher Thomas Voigt: "Netzwerke verändern die Unternehmenskultur"
Die Präsenz im Social Web bleibt nicht ohne Folgen für die Unternehmenskultur. Wenn der Dialog mit der "Generation Upload" gelingen soll, muss sich auch das Unternehmen kulturell und meist auch im Führungsverhalten wandeln. Die Veränderung wird dabei allerdings nicht nur von außen aufgezwungen. Sie ist auch das Ergebnis interner Prozesse. "Wenn die Kolleginnen und Kollegen privat zunehmend gewohnt sind, Meinungen und Wissen in einem Netzwerk auszutauschen, verändert das die Kommunikation und damit die Kultur in einem Unternehmen zwangsläufig", sagt Thomas Voigt, Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation bei der Otto Group. Das Unternehmen zählt mit Fashions-Blog und der dialogorientierten Nutzung von Twitter zu den Vorreitern beim Social-Media-Einsatz im deutschen Handel. Im Gespräch mit HORIZONT.NET erklärt Voigt die Begleitung des Wandels zu Chefsache.
Warum muss sich die Unternehmenskultur wandeln, wenn sich ein Unternehmen im Social Web bewegt?
Thomas Voigt: Zwei Grundgedanken dazu. Erstens: Die Unternehmenskultur wird von den Menschen gemacht, die in einem Unternehmen arbeiten. Wenn die Kolleginnen und Kollegen privat zunehmend gewohnt sind, Meinungen und Wissen in einem Netzwerk auszutauschen, verändert das die Kommunikation und damit die Kultur in einem Unternehmen zwangsläufig. Es fordert und fördert eine offene Kommunikation über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg und wird damit Treiber einer Kultur, die wir in der Wirtschaft zunehmend brauchen. Die offene Frage ist, inwieweit in einem Unternehmen Social Media simuliert werden kann und sollte, schließlich bleibt ein Unternehmen ein Ort zweckgerichteter Kommunikation in definierten Rollengrenzen.
Zweitens: Wenn sich ein Unternehmen im Social Web bewegt, bewegt sich nicht das Unternehmen, sondern einzelne Mitarbeiter. Deshalb scheitern jene Versuche kläglich, Unternehmensbotschaften vertrieblich, werblicher oder PR-mäßiger Art als individuelle Message oder gar als Social Media zu kaschieren. Das offenbart sich selbst. Der Mitarbeiter aber, der sich im Namen eines Unternehmens - bitte mit offenem Visier - im Social Web bewegt, kommt automatisch in Zielkonflikt zwischen dem Anspruch des Unternehmens und der Community.
Inwiefern verändert die Nutzung offener Dialogmöglichkeiten durch ein Unternehmen im Social Web schon die Unternehmenskultur?
Die Mitarbeiter und die Unternehmensorganisation werden im besten Fall wacher für die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden. Das schafft mehr Transparenz und Diskussion über die Leistung des Unternehmens und bestärkt die Innovationskraft.
Thomas Voigt
Thomas Voigt wurde jungst als PR-Professional des Jahres 2009 geehrt. Mit dieser Auszeichnung würdigte die 25-köpfige Jury des PR-Reports die Leistungen Voigts. Der Direktor Wirtschaftskommunikation kam 2004 zur Otto Group in Hamburg und trägt seitdem zur Öffnung des Konzerns bei. Längst gilt das früher verschlossene Familienunternehmen als kommunikative Benchmark im Handel. Vor seinem Wechsel zu Otto war Voigt unter anderem Chefredakteur von HORIZONT und "Impulse".
Wie schnell erfolgt der Wandel?
Das ist ein mittelfristiger Prozess. Langfristig stellt es die One-Voice-Policy eines Unternehmens insofern infrage, als dass sie die Aura eines unverbrüchlichen Comments aller Mitarbeiter verliert. Unternehmensbotschaften werden in Zukunft stärker als das betrachtet, was sie sind: Ausdruck des auch in Zukunft notwendigerweise artikulierten Willens der Unternehmensführung - authentischer und selbstkritischer als bisher.
Wo sehen sie die größten Hindernisse?
Das größte Hindernis besteht darin, von der Vorstellung zu lassen, dass Unternehmensbotschaften im Netz keine Vielfalt und Diskussion vertragen.
Inwieweit sollte sich die Unternehmenskultur schon vor der Teilnahme im Social Web verändert haben?
Die Teilhabe am Social Web und die Unternehmenskultur sind miteinander kommunizierende Röhren. Sie verändern sich gegenseitig.
Gibt es Prozesse im Unternehmen, mit denen sich dieser Wandel gestalten lässt?
Ausprobieren.
Wer muss im Unternehmen diesen Wandel der Unternehmenskultur aktiv begleiten oder steuern?
Die aktive Begleitung muss Chefsache sein und in einem offenen Zusammenspiel aller Abteilungen, von der Unternehmensentwicklung über Vertrieb, Marketing bis hin zur Unternehmenskommunikation gestaltet sein. Dass der Vorstand selbst Beiträge, beispielsweise in einem Blog veröffentlicht, ist aber keine notwendige Bedingung.
Inwieweit bemerken Sie im Unternehmen durch die Social-Media-Aktivitäten bereits eine Wandel der Kultur?
Die Achtsamkeit der Mitarbeiter untereinander und gegenüber den Anspruchsgruppen wächst.
Mehr zum Thema lesen Sie in der HORIZONT-Ausgabe 31/2009 vom 30. Juli 2009.
Bingo
Ein lebender Gegenbeweis zum häufigen Urteil, große Unternehmen seien per se nicht fähig zur Social-Media-PR. Hinweis: PR macht nicht die PR-Abteilung sondern jeder Mitarbeiter. Ohne "Chefsache" setzt sich dieses Bewusstsein in der Hierarchie nur nicht nach unten durch.Anspruch & Wirklichkeit
Kommunikative Benchmark? Öffnung? Social Media? ...lesen Sie mal, wie das in der Praxis bei Otto aussieht: http://gutjahr.bizDisclosure
Stimmt es, dass Thomas Voigt der frühere Chefredakteur von ,Horizont? ist? Das sollten sie vielleicht nicht verschweigen.So ist es
Es gibt derzeit wenig schlaue Gedanken, die Unternehmen zum Thema Social Web publizieren. Die Äußerungen von Thomas Voigt bilden da eine bemerkenswerte Ausnahme. "Deshalb scheitern jene Versuche kläglich, Unternehmensbotschaften vertrieblich, werblicher oder PR-mäßiger Art als individuelle Message oder gar als Social Media zu kaschieren. Das offenbart sich selbst." So ist es! Web-Dialog und Kommunikationskultur von Unternehmen sind sehr fragile Konstrukte, die sich nur langsam annähern können. Manchmal auch gar nicht. Social Web ist die Kultur des Lernens - und das über einen längeren Zeitraum. @Alex: im Kasten zum Interview steht allesMeine Antwort zum Beitrag "Anspruch & Wirklichkeit"
Meine Antwort zum Beitrag "Anspruch & Wirklichkeit" Herrn Gutjahr habe ich soeben folgende Antwort geschickt: Sehr geehrter Herr Gutjahr, auf Ihrer Homepage berichten Sie über unser gestriges Telefonat. Dazu hatte ich Sie kurzfristig zurückgerufen und wollte Ihnen eigentlich unsere Position darstellen. Es muss uns vorbehalten bleiben, ob wir dies in Form eines O-Ton-Interview machen oder nicht. Es gäbe zu Ihrer Darstellung viel zu sagen, ich will mich auf einen Punkt konzentrieren: Sie zitieren mich mit dem Statement ?So what?. Damit habe ich ausdrücklich nicht den Fall oder den Umgang mit unseren Kunden gemeint. Dieser Halbsatz ist gefallen, als Sie sich zum ?Mediator? zwischen OTTO und unseren Kunden aufschwingen wollten und mir vorwarfen, ich würde über Sie gestellte Anfragen unserer Kunden nicht beantworten. Genau auf diesen Vorwurf entgegnete ich ?so what? . Denn OTTO hat Kundencenter, die alle Anfragen von Kunden direkt beantworten. Auch habe ich Ihnen nicht verbieten wollen, dieses Zitat zu veröffentlichen, sofern der Kontext gestimmt hätte. Wir sind gespannt, ob Sie die Größe haben, diesen Kommentar auf Ihrer Homepage zu veröffentlichen.Weitere Nachrichten aus Marketing vom 29.07.2009:
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