Debatte
27.08.2010
Ergo vs. High Fidelity: 4 Gründe, warum Ergo gut daran tat, sich von High Fidelity inspirieren zu lassen
Original oder Fälschung - in der Redaktion diskutieren wir immer gerne darüber, wie weit Werbung sich inspirieren lassen darf und wann der Ideenklau beginnt. Mit Spießer Alfons haben wir dazu noch eine deutschlandweit bekannte Koryphäe in Sachen Plagiat und geklaute Werbung vorzuweisen. Und weil wir wissen, dass Debatten über die vermeintlich „geniale, einzigartige Idee" zum Kreativen genauso gehören wie schwarze Hemden und das iPhone, greifen wir sie selbstverständlich auch auf. Warum ich der Meinung bin, dass Ergo gut daran tat, sich von High Fidelity inspirieren zu lassen - und warum dieses netztypische Dissen von Kampagnen und ihren Machern diesmal übers Ziel hinaus geht: 4 Gründe, warum Ergo gut daran tat, sich von „High Fidelity" inspirieren zu lassen.
Wo Werbung sich inspirieren lässt
Heiss diskutiert wird auch außerhalb von HORIZONT.NET. Auf der Facebook-Seite von Beef, dem gemeinsamen Kreativmagazin von HORIZONT und ADC, sammeln die Fans Beispiele, wo Werbung sich von Vorbildern hat inspirieren lassen. Und auch Off-The-Record widmet sich der Frage, wann das Zitat aufhört und das Plagiat beginnt.
3. Der von den Publikumsmedien (und von manchen Kreativen) immer wieder gern kolportierte Kreationsprozeß geht ungefähr so: Gute Kreation zeichnet sich durch eine „einzigartige, originäre Idee" aus. Die bekommt der Kreative entweder auf dem Klo, beim Duschen, nach Einnahme illegaler bewusstseinserweiternder Substanzen, im agentureigenen Ruheraum oder im War Room. Nur hinterhältige oder gar ideenlose Kreative bekommen ihre Ideen aus Lürzer's Archiv. Was das Einzigartige an einer originären Idee sein kann in einer Welt, in der permanent Informationen und Ideen ausgetauscht werden und wurden, ist mir seit jeher ein Rätsel und ein Fall fürs Hauptstudium in Philosophie. Was aber noch befremdlicher ist: Beim Dissen von Ergo implizit so zu tun, als solle und dürfe sich Werbung nicht vom Leben außerhalb der Werbung inspirieren lassen. Werbung ist definitiv keine Kunst, aber immer noch Bestandteil der Popkultur. Und gute Werbung darf, kann und muss sich - beispielsweise - von Kunst inspirieren lassen (die Cannes-Gewinner machen das jedes Jahr aufs Neue vor). Und als Teil der Popkultur hätte sich Ergo kein besseres Vorbild aussuchen können als „High Fidelity".
4. Es darf also nicht geächtet werden, was in anderen kreativen Sparten gang und gäbe und eine Selbstverständlichkeit ist: Ideen aufgreifen, Bekanntes in neue Zusammenhänge stellen. Im Gegenteil: Wir hätten gerne mehr davon - statt irgendwelcher kreativer Kopfgeburten, die den Werbeblock versauen.
Nachbemerkung. Nicht der Spot ist also das Problem im Falle Ergo. Wohl aber die Kommunikation der Agentur zur Kampagne: Ein Regisseur, der behauptet, alle Freiheiten gehabt zu haben; eine Agentur, die schamvoll verschweigt, dass sie bei Nick Hornby und John Cusack abgeschaut hat - und sich nun wundert, dass sich ganz Werbedeutschland über die „Hauptstadtkreativen" aufregt - das hätte man anders machen können/müssen. „High Fidelity" gibt's übrigens bei Amazon für 9,99 Euro zu kaufen: Viel Spaß damit.
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