HORIZONT.NET HORIZONTJobs
HORIZONT.NET

Kreativfestival

Exklusiv: Ralf Schmerberg bloggt für HORIZONT.NET aus Cannes

Seite 1/5
24.06.2012


 

Er ist einer der bekanntesten Werbefilmer Deutschlands und drehte unter anderem für Levi's und Nike. Aber er ist auch Künstler, macht Fotos und dreht Musikvideos und Dokus. In diesem Jahr sitzt Ralf Schmerberg in der Cannes-Jury der Wettbewerbssparte Film Craft. Exklusiv für HORIZONT.NET bloggt Schmerberg von seinem Juryalltag und seiner Zeit in Cannes.

Freitag, 22. Juni

Endlich mal ein paar Stunden Schlaf gefunden und den Wecker überhört. Ich wache auf und die Uhr sagt, dass ich eigentlich schon im Palais sein müsste. Wie in einem Commercial versuche ich also in 60 Sekunden zu duschen, mich anzuziehen etc. Ich renne runter zum Buffet, streiche mir zwei Brötchen, die ich in die Tasche stecke, renne die Croisette runter und rauch dabei eine schnelle Zigarette.
 

 
Ich glaubs nicht, seit dem ich hier bin, ist alles nur noch Hektik. Schnaufend angekommen, bekomme ich einen strafenden Blick fürs unpünktlich sein vom Craft-President Espen Horn. Na ja, wenigstens demontiere ich den deutschen Stereotypen der Pünktlichkeit auf diesem Festival.
 
Heute gehts endlich ums Ganze. Wir wollen endlich Facts schaffen und die Preise vergeben. Grundlage dafür ist die bisher erarbeitete Shortlist, die je nach Kategorie so 10 bis 20 arbeiten umfasst. Das werden wir in mehreren Runden machen. Regel eins: Einmal etwas beschlossen, können wir es nicht mehr downgraden, upgraden ist später aber weiterhin möglich. Also wird Gold erstmal mit viel Zurückhaltung vergeben.
 
Um 10 Uhr  beginnen wir in Art Direction die Medaillen zu vergeben und sind zu dem Zeitpunkt noch extrem geizig, was an der allgemeinen Übermüdung liegt. Müde Leute sind einfach nicht großzügig, was sich aber von nun an Stunde für Stunde bessert. Generell hatten sich in unserer gesamten Shortlist ca. drei Filme mehrmals weit oben positioniert. Das sind „Three Little pigs" für den Guardian sowie „Best Job" für Procter & Gamble - ich nenn ihn den „Muttifilm" - und für Canal+ der herzzereißende Film „Bear".
 
Diese drei Filme sind die wirklichen Abräumer der Craft-Einsendungen: oft eingereicht über alle Disziplinen und überall als handwerklich hochwertig wahrgenommen, dazu viele tolle Einzelleistungen. Mein persönlicher Liebling ist „I am Mumbai" für die Times of India.
 
Es wird gelabert, gestritten, diskutiert und immer wieder abgestimmt. Manchmal sind alle Hände oben, manchmal bleiben ganz überraschend viele Hände unten. Gold hier, Silber da, die Löwen kommen aus dem Käfig und finden ihre Filme. Im Ganzen sind wir uns sehr schnell einig, was Gold, was Silber und was Bronze verdient.
 
Wir stimmen ab für die Kategorie Direction und ich schaffe es mit einem Plädoyer „I am Mumbai" mit Gold zu beglücken. Mehr darf ich heute und hier noch nicht so richtig verraten. Schweigepflicht. Im Laufe des Tages bekomme ich mehrere SMS aus Deutschland und anderswo, ich möge doch bitte hier und dort etwas für die Filme tun. Ja hallo! Was soll das denn!! Schieberei ist nicht, wir sind Künstler hier in der Craft-Jury und keine Vertreter von Werbeagenturen, die versuchen, durch Connections was zu ergattern.
 
Das muss ich ehrlich mal sagen: Es gibt da ja viele Gerüchte, an denen bestimmt viel dran ist. Hier in der Craft-Jury aber wurde, soweit ich es sehe, nix gemogelt. Immer wenn eine Arbeit dran ist, mit der jemand direkt zu tun hat, muss er den Raum verlassen. In meinem Fall für Levi's und Hornbach. Wir nennen es den „Walk of Bronze", da bei jedem von uns, der draußen war, immer nur Bronze rauskommt. Und das ist ungefähr zehnmal der Fall. It becomes our running gag.
 
Next: Production Value, wo es nur sechs Shortlistplätze gab, geht relativ schnell. Zwei Gold, ein Silber, eine Bronze. Hornbach war leider kurz vor Schluss von der Shortlist geflogen. Sehr schade für Trigger Happy, da kann man halt nix machen. Ich fands trotzdem richtig ärgerlich, aber das ist was Persönliches. Wir gewinnen halt alle gerne.
 
Cinematography bekommt kein Gold dieses Jahr, weil wir der Meinung sind, dass alle zu klassisch, zu auf Sicherheit im Moment Filme machen, und das zeigt sich dann automatisch in der Visualität am meisten. „Progress" aus Deutschland hatte es zwar hier auf die Shortlist geschafft, aber bei weiterem Sezieren des Handwerks waren wir der Meinung, dass die Bilder in der Werbung zwar auffallen, aber wenn man es vergleicht mit dem, was die Wissenschaft heute an Bildern visuell erstellt, ist es halt doch nur durchschnittlich. Mir persönlich tat es leid. Für mein Land fand ich den Film schon außergewöhnlich.
 
Zum Mittagessen sind Zweidrittel der Preise vergeben, und  mittlerweile sind wir alle hellwach geworden und euphorisiert von der Macht, die man hier hat Preise zu vergeben. Wir sind mittlerweile auch viel großzügiger. Gold hier, Silber da, der kriegt nix oder vielleicht doch. Na gut, gib ihm ne Bronze.
 
Gold für Editing geht an einen wahninnig witzigen frischen Foodfilm für ein Stück Butter, den wir alle lieben und auch fast für den Grand Prix gewählt hätten. Ich werde rausgeschickt für meinen Levi's-Film „Go Forth" und der „Walk of Bronze" trifft auch mich. Na ja, at least a Lion. Am Ende der einzige aus Deutschland aus der Craft-Sektion.
 
Wir kommen zu Script, eine für mich sehr wichtige Kategorie, weil es der Geburtsmoment von jedem Film darstellt. Ein scheiss Script bleibt schlecht, ein gutes Script ist ein Geschenk für alle, die danach kommen. Der „Bear" punktet wieder und macht sein x-tes Gold. So auch die Schweine. Am Ende denkt man, es gibt hier nur Tierfilme, die was gewinnen. Auch Filme mit Außerirdischen haben gute Chancen wie der deutsche Beitrag „Going Home". Fast hätte er Silber bekommen. Doch dann hält ein Jurymitglied, das ich jetzt besser nicht nenne, ein vernichtendes Plädoyer und bums will keiner mehr dafür die Hand heben.
 
Es ist schon extrem, wenn zur Abstimmung ein Film kommt und unerwartet keiner dafür stimmt oder nur einer die Hand oben hat. Da sieht man dann immer a bisserl doof aus und nimmt den Arm wieder runter als wär nix gewesen.
 
Next: Best use of music - was immer das heißt.  Wir wurden uns nie ganz einig, was damit gemeint ist. Es heißt auf jeden Fall nicht Composition. Ich haue Lady Gaga für Google raus, weil ich sage, da kann ja jeder einen Promi mit einem bekannten Song einkaufen. Ich bin froh, dass mir
die anderen folgen. Gestern gab es noch einige GAGA-Fans in der Jury, die den ganz ganz doll fanden. Auch hier gibt es kein Gold, da sich niemand wirklich was Neues getraut hat.
 
Weiter mit Sound Design, wo „Progress" auch geshortlisted war, aber auch hier leider leider ist am Ende niemand dafür gewesen. Armes Deutschland! Man muss aber mal klar sagen, die Deutschen haben in Craft sehr wenig und sehr unnachvollziehbar ihre Arbeiten eingereicht, obwohl man hier wirklich richtig gut etwas gewinnen kann.
 
Visual Effects: Gold geht an den 7-Millionen Megabudget-Film „L`Odysse" von Cartier. Ein mega-schwülstiges, um-was-gehts-hier-eigentlich Kurzfilmchen, das bestimmt wo anders gar nix gekriegt hätte. Aber die Visual Effects sind einfach ein Novum und wir machen hier Craft also Handwerk.
 
Letzte Kategorie ist Animation, wo wir Gold an „Back to the Start" vergeben. Das halte ich für völlig übertrieben und für ne Weile die ganze Jury aufhalte, um sie zu überzeugen, dass die Animation doch Kinderkram ist. Aber alle anderen lassen sich von Mrs. Jackson überzeugen, dass der Film
für Amerika eine ganz wichtige politische Message hat. Ja ok, seh ich auch so, hatte aber bisher null Relevanz.
 
Wir sind einmal durch und jetzt nach einer ersten Zigarettenpause wird noch mal aufgewertet. Einzelne Filme kommen eine Treppe höher. Unser Favorit „Three Pigs" hat so schlecht abgeschnitten, dass wir ihm statt zwei Silber zwei Gold geben. Wir diskutieren lange, warum eine Kategorie kein Gold hat und schauen und diskutieren noch mal genauer. Bei Cinematography bleibt es dabei. Ich glaub, das ist meine Schuld. Am Ende sagen alle, dass wenn ich etwas diskutiere man kaum dagegen sein kann. Ist das ein Kompliment oder eine Kritik?
 
Wir kommen zum Ende und der Stress der letzten Tage fällt von uns allen. Jetzt nur noch der Grand Prix und der geht an die Franzosen mit ihrem Tierfilmchen „The Bear". Why not? Es gab auch kaum Konkurrenz außer die Pigs und der Mamafilm. Die Box ist zu, die Arbeit getan. Unerwarteterweise gibt es dann sogar vom Festival eine Flasche billigen lauwarmen Champagner für neun erwachsene Menschen zur Belohnung.
 
Ich bin gottfroh, das Palais zu verlassen. Hab in fünf Tagen nix vom Festival gesehen, war auf keiner Party, einmal zum Essen, nie in der Sonne. Hat es sich gelohnt? Ja, denke schon. Ich weiß jetzt, wie die Mühle sich
dreht, das man das ganze niemals zu ernst nehmen sollte. Habe viele Commercials gesehen, was ich eigentlich nie tue. Hab meinen eigenen kleinen Bronze-Löwen und werde nächstes Jahr eine Beratungsstelle für Einreichungen aufmachen.
 
Nach einer Dusche geh ich endlich mit meiner Freundin raus auf die Croisette. Radical Media gibt ein großes Dinner und endlich kann ich mal damit angeben, dieses Jahr in der Jury gewesen zu sein. Deutschland hat zwar nix groß gewonnen, aber immerhin war ich das erste deutsche Jurymitglied in der Craft-Jury. Das heißt ja auch was. Oder Leute?
 
Ich verplemper die Nacht auf der Croisette und betrinke mich standesgemäß. Am frühen morgen treffe ich auf ein Mädchen von der Produktion von „Progress". Sie kommt schüchtern zu mir und fragt, ob sie was gewonnen hätten, nachdem schon ihre Party verboten wurde. Schluck, was sag ich der jetzt? Am besten die Wahrheit: leider NIX. Ich nehme sie tröstend in den Arm und sag ihr, dass für Deutsche ein Shortlistplatz schon immer eine Ehre war, da es anderen oft auch so ging.
 

Weiter zu den vorherigen Blog-Einträgen


 


Drucken Email
Kommentar(e)

Kommentare

Mehr zum Thema

Zur Übersicht
HORIZONTJobs
Stellenmarkt

2.737 Stellenangebote und 980 Bewerberprofile


Spiesser Alfons
Spiesser Alfons

Das Spießer Alfons-Thema der Woche:
Reifeprüfung für unreife Anzeigenleser

News-Archiv

April 2013

MODIMIDOFRSASO
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930

Mai 2013

MODIMIDOFRSASO
  12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031
 
Galerie

ADC 2013: Der Kongress und die Preisverleihung
Die feierliche Verleihung der Goldenen, Silbernen und Bronzenen Nägel ist der traditionelle Höhepunkt des ADC-Festivals. HORZONT.NET präsentiert die besten Fotos vom Kongress und der Preisverleihung 2013.

XAD
 

Jetzt kostenlos abonnieren!

Der HORIZONT-Newsletter


Die Informationen zum Datenschutz habe ich zur Kenntnis genommen.