HORIZONT.NET
15.11.2007

Spiegel-Verlag

von Roland Pimpl,
Redakteur / Korrespondent Hamburg

Chefredakteur Stefan Aust muss vorzeitig gehen


Wird abgeschoben: Stefan Aust 

Wird abgeschoben: Stefan Aust

Völlig unerwartete Wende beim Spiegel-Verlag: Anders als von den weitaus meisten internen und externen Beobachtern erwartet, ziehen die Gesellschafter die Option einer vorzeitigen Kündigung des langjährigen Chefredakteurs Stefan Aust.

Wie der Verlag in einer knappen Aussendung mitteilt, wird Austs Vertrag nicht über den 31. Dezember 2008 hinaus verlängert. Über eine Nachfolge werde zu gegebener Zeit informiert.

Der "Spiegel" gehört seinen Mitarbeitern (50,5 Prozent), Gruner + Jahr (25,5 Prozent) sowie den Augstein-Erben (24 Prozent). Die vorzeitige Kündigung würde bedeuten: Aust, der derzeit im Urlaub weilt, muss den "Spiegel" Ende 2008 verlassen - wenn er nicht bereits eher freigestellt wird. Ansonsten wäre der Vertrag bis Ende 2010 gelaufen.
 
Wer Aust nachfolgt - unklar. Bisher kursiert in diesem Zusammenhang der Name Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit". Von diesem hieß es bisher allerdings immer, er sei von der "Zeit" nicht wegzubewegen. Auch Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von Spiegel Online, werden Chancen nachgesagt. Bisher bezogen sich diese Planspiele allerdings auf die Zeit nach 2010.
 

Reaktionen

Michael Bohn, CEO und Chairman der Mediaagenturgruppe ZenithOptimedia, kritisiert öffentlich die Entscheidung des Spiegel-Verlags, den Vertrag von Chefredakteur Stefan Aust nicht über den 31. Dezember 2008 hinaus zu verlängern. „Aust ist einer der renommiertesten Köpfe der Medienbranche und einer der letzten Journalisten, die nicht nur die Redaktion eines Mediums führen, sondern auch die Geschäfte. Darüber hinaus genießt er das Vertrauen der Wirtschaft", so Bohn. Die vorzeitige Kündigung setze eine Reihe von Entscheidungen fort, die aus Media-Sicht schwer nachvollziehbar seien. Der Zenith-Optimedia-Chef verweist dabei auf den Verkauf des TV-Senders XXP und die Debatte um eine 50-Prozent-Übernahme der „Financial Times Deutschland". cam

Die Nachricht, dass Aust nun eher gehen muss, kommt zu diesem Zeitpunkt überraschend. In den vergangenen Wochen hatte sich im Gegenteil angekündigt, dass Aust seinen Vertrag bis zum Ende erfüllen kann. Damit, so hieß es bisher, hätten die Gesellschafter Ruhe in die seit Monaten schwelenden Personaldiskussionen bringen wollen. Auch "Spiegel"-Geschäftsführer Mario Frank steht seit seinem Amtsantritt im Januar dieses Jahres im Zentrum der Diskussionen.
 
Aust und Frank gelten als erbitterte Gegner; auf den ersten Blick hat sich Frank nun gegen Aust durchgesetzt. Allerdings schließen manche Mitarbeiter - und Stillen Gesellschafter - nicht aus, dass es auch für die Position des umstrittenen Geschäftsführers Frank, dessen Vertrag bis 2011 läuft, eine vorzeitige alternative Lösung geben könnte. Manche vermuten hinter der Personalie Aust gar einen Deal innerhalb der fünfköpfigen KG-Geschäftsführung: Danach könnten die Aust-Gefolgsleute seiner Demission nur unter der Bedingung zugestimmt haben, dass man sich auch in absehbarer Zeit von Frank trennt. Für personelle Volten dieser Art war der "Spiegel" jedenfalls schon immer gut.


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