01.07.2010
Experiment
"Welt Kompakt" scheitert: Blogger, bleibt bei Euren Leisten!
Wo liegen die Chancen für Print? Diese Frage nehmen Blogger ja immer mal wieder gerne zum Anlaß, den schreibenden Kollegen der vermeintlich toten Holzindustrie gut gemeinte Ratschläge zu erteilen. Bei der Lektüre der „Welt Kompakt" von heute muss man leider bedauernd feststellen: Die Elite der deutschen Blogger und Twitterer kann Print keine Impulse geben, im Gegenteil.
Das Axel Springer unter den deutschen Verlagen ein Vorreiter ist, wenn es um Innovationen im Digitalbereich geht, habe ich immer wieder betont. So war auch die Vorfreude auf die „Welt Kompakt" von heute entsprechend groß: Eine Tageszeitung - gemacht von Bloggern und Twitterern - da hatte sich nicht nur Off-the-Record-Blogger und HORIZONT-Kollege Olaf Kolbrück einiges von versprochen.
Was wir stattdessen zu lesen bekommen ist - gedrucktes Allerlei. Oder wie der Kollege aus dem Layout ausrief: „Kokolores". Warum?
1) Der Anspruch
„Hilfe, wir drucken das Internet" - so die Headline auf Seite 1. Liebe Blogger-Kollegen: Mehr Print lesen. Die Vorstellung, dass Print das Netz abbilden müsse, gab es vielleicht einmal in den Boom-Phasen der New Economy - aber seitdem ist diese Diskussion gegessen. Zu Recht schreibt Christian Meier in Kress.de: „Das ist, neben einem gefühlten Schülerzeitungs-Duktus, 90er Jahre pur. Ich dachte immer, Blogger seien der Zeit voraus. Jetzt muss ich feststellen: Print wird zum Medium, um Schnee von gestern zu verbreiten.
2) Das Format
Die „Welt Kompakt" ist eine „Scroll-Edition". Die Zeitungseiten werden nicht von rechts nach links umgeschlagen, sondern im Querformat von unten nach oben aufgeschlagen. Sorry Leute, so kann man leider keine Zeitung lesen - zumal die Zeilenspalten bis zu 170 Zeichen lang sind!!!!! (Zum Vergleich: eine HORIZONT-Spalte hat 34 Anschläge). Wie lautete die Helmut-Markwort-Parole: Immer an die Leser denken. Ist bei den Kollegen von der Bewegung 1. Juli leider nicht angekommen.
3) Die Ordnung
Die gibt es nicht. Ressorts, Strukturen, Hierarchien sind nicht erkennbar, wenn man von der Nummerierung der Artikel mal absieht. Stattdessen wird munter drauf los geschrieben - und suggeriert, dass Journalismus/Blogs im Netz ohne Struktur auskommen, weil die Leser keine Strukturen brauchen. Das Gegenteil ist doch der Fall. So wie jeder Individual-Blog versucht, aus seiner Sicht die Welt für die Leser zu einzuordnen, strukturiert auch die Huffington Post ihre Geschichten. Und der Erfolg mancher Blogs, aber auch von Nachrichtenportalen wie Spiegel Online liegt darin, dass sie die Welt für ihre Leser nachvollziehbar ordnen.
4) Inhalt
Überhaupt die Welt. Die gibt es in der „Welt Kompakt" kaum, zumindest die jenseits des Digitalen. Es scheint als hätten sich die Kollegen nicht getraut, auch über das aktuelle Geschehen außerhalb des eigenen Bit-Universums und der eigenen Befindlichkeit zu schreiben. Oder spielen Aktualität keine Rolle mehr in den Gedankengängen der „Welt Kompakt"-Macher? Das wäre schade, denn es gibt soviel über das wirkliche Leben in Politik, Wirtschaft und Kultur zu berichten, gerade für eine Tageszeitung wie die „Welt Kompakt".
5) Fazit
Siehe Punkte 1 bis 4. Axel Springer hatte eine gute Idee. Aber was nutzt die beste Idee (der ADC lässt grüßen), wenn die Umsetzung daneben geht. vs
Bob Draper sagte am 01.07.2010 um 12:55
Groll-Edition
Wenn Blogger Zeitung machen mutieren sie zu Blockern. So jedenfalls sieht das Layout aus. Dicke, fette Textblöcke! Habe trotzdem Textblock 19 "Berater Zombies - der neue Markenauftritt der Commerzbank verbreitet Endzeitstimmung" gelesen und schmunzeln müssen!
Karl Gunkel sagte am 01.07.2010 um 15:08
Welt-Kompakt-Klamauk
Als bloggender Fachjournalist hatte ich schon mit Spannung die Rheinzeitung erwartet mit Sascha Lobo als Chefredakteur. Pure Entäuschung. Das gleiche bei Weltkompakt. Es reicht nicht, mal einen oder mehrere Blogger zusammenzutun und die auf die Zeitung loszulassen. Der Gedanke, mehrere Karnickel (Blogger, Verzeihung für den Vergleich) zusammenzusperren, in der Hoffnung, die würden sich paaren und es käme was neues raus, ist nun mal banal. Und dass viele Köche gwöhnlich den Brei verderben, wusste meine Großmutter schon. Zeitung machen ist mehr als paar lockere Texte, Print braucht ein Konzept, ein Layout, ein Team. Und weil in allen Zeitungen das gleiche steht (Wulf im 3. Wahlgang) liest man die Zeitung, wo das Konzept überzeugt ? und wird zum Abonnent. Wenn solche Experimente mehr als ein Marketinggag wären, könnte man die teuren Journalisten abschaffen und jeden Tag von der nächsten Uni 10 Studenten ankarren, die wenig kosten. Und die Fotografen mit dazu. Es sind ja überall genügend Gaffer mit der Handycam. Das Printmedien sich was einfallen lassen müssen, liegt auf der Hand. Was die Welt da macht, ist reine Travestie. Der Mann ?Zeitung? hat Akzeptanzprobleme, da zieht man dem halt die Weiberklamotten (Blogger) an. Eine Lösung? Das ist Klamauk.
Bob Hope sagte am 02.07.2010 um 09:54
Erfreuliche Reaktionen
Niedlich, wie die "Zunft" jetzt dankbar und befriedigt über dieses "Versagen" herfällt.... Ein Versuch ist gut, etwas "Neues" genauso, nicht gleich vollen Erfolg zu haben normal und danach an sich zu arbeiten ratsam, aber aufgeben sollte man deshalb bestimmt nicht.
Martin Grudzinski sagte am 02.07.2010 um 10:40
Operation misslungen, Patient lebt noch.
Schon vor Jahren hat Herr Döpfner die Devise ausgegeben, dass die Zukunft der Zeitungen im Internet liegt (!!) Kommentar eines Berliner Springer-Mannes: "Ausgerechnet! Davon verstehen wir am wenigsten." Und Sebastian Turner fügte hinzu: "Wenn man Online-Ausgaben kaputt machen will, lässt man Print-Redakteure ran." Jetzt beweisen die Internet-Spezies, dass umgekehrt das gleiche gilt: fachliche Ahnungslosigkeit! Schon an der Verknüpfung von Offline und Online scheitern die meisten, wie z.B. Springers Hamburger Abendblatt. Wo sind die Zeitungsmacher, die etwas von ihrem Kerngeschäft verstehen und auch den Mut haben und die Möglichkeit bekommen, es umzusetzen? Bestimmt nicht beim Axel Springer Verlag!
Alper Iseri sagte am 02.07.2010 um 11:46
Die Elite der deutschen Blogger?
Ich bin begeisterter Leser von HORIZONT aber durch solche Sätze wie "Die Elite der deutschen Blogger" begibt sich die Publikation auf den selben Holzweg wie leider die meisten anderen Medien auch. Weder war es "Die Elite" noch gibt es so etwas in der deutschen Blogosphäre überhaupt. Selbstverständlich gibt es Blogger mit etwas mehr Lesern als Andere aber mehr auch nicht. Weder ein Sascha Lobo repräsentiert eine Elite unter Bloggern noch tun das Andere. So lange dieses Thema so gehyped wird, ist es ein Leichtes, zu enttäuschen. Wer behauptet, Blogger wären die neuen Journalisten hat einfach keine Ahnung von der Materie. Und ich bin im übrigen Blogger und kein Journalist.Weitere Nachrichten aus Digital vom 01.07.2010:
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