Kommentar
08.02.2010
Warum der "Spiegel" seine App kostenpflichtig macht
In wenigen Wochen launcht der "Spiegel" seine lang erwartete iPhone-App. Die auf das Apple-Handy (und wahrscheinlich auch das iPad) optimierte Vollversion des gedruckten Nachrichtenmagazins kostet den Leser annähernd soviel wie die Printausgabe (3,80 Euro). Fünf Gründe, warum dieser mutige Schritt auch der richtige ist und was die Medienhäuser von Steve Jobs einfordern müssen.
1. Wie alles anfing. Nicht Google hat das Internet groß gemacht, sondern der Irrglaube der Inhalte-Anbieter, Werbung würde professionell aufbereiteten Content refinanzieren, sofern dieser Content über entsprechende Reichweite verfügt. Entsprechend vehement haben die Medienhäuser Inhalte lange Zeit nur unter quantitativen Gesichtspunkten digitalisiert - ohne sich Gedanken über den Aufbau eines qualitativ erfolgversprechenden Geschäftsmodells zu machen. Diese - für Medienunternehmen - prekäre Situation lässt sich im World Wide Web nur noch in Teilbereichen rückgängig machen. Umso wichtiger ist es, dass sich dieser Kardinalfehler im Mobile- und Tablet-Bereich nicht wiederholt.
3. Wundertüte iPad. Wenn ab März auch in Deutschland das iPad vertrieben wird, ist es möglich, dass Nutzer unterschiedliche digitale Varianten eines Angebots lesen können: Die Website, die iPhone-App und/oder eine auf das iPad optimierte Applikation eines multimedialen eMagazines. Hier droht nun die große Kannibalisierung. Wenn die Website inhaltlich nahezu deckungsgleich ist mit der(kostenpflichtigen) App, wird kaum ein Leser Geld für die Apple-Anwendung bezahlen. Die Website muss also entweder auch kostenpflichtig sein - oder inhaltlich zur „free version" der kostenpflichtigen App abgespeckt werden. Allerdings stellt sich auch die Frage, warum ein Nutzer beispielsweise der kostenpflichtigen „Spiegel"-App noch Geld für die gedruckte Version hinlegen soll. Mit anderen Worten: Wozu brauchen die Digital Natives künftig eigentlich noch gedruckte Zeitungen und Magazine, wenn diese irgendwann als ansprechende Multimedia-Version auf einem Tablet-PC gelesen werden können?
4. Megamacht Apple. Ganz klar: Apple versucht, die Machtverhältnisse der digitalen Wirtschaft und den Medienkonsum der Menschen zu verändern. Aber selbst Apple, Amazon & Co sind auf die Inhalte der Medien angewiesen - dass Amazon im Preiskampf gegenüber dem Holtzbrinck-Verlag (nicht: US-Verlag, der Autor) Macmillan eingeknickt ist, zeigt, dass auch die vermeintlichen Supermächte des Netzes eben nicht allmächtig sind. Die zunehmende Konkurrenz der Plattform-Betreiber und Tablet-Hersteller müssen die Zeitschriften- und Zeitungsverlage viel stärker für sich nutzen. Es gibt ein iTunes für Musik und Video, es gibt einen iBookstore für Bücher - warum stellt Apple keine entsprechende Plattform für Zeitungen und Zeitschriften vor? Die Branche braucht ein iKiosk - dies sollten die Murdochs, Burdas und Döpfners dieser Welt einfordern.
5. Von „Bild" und „Spiegel" lernen, heißt siegen lernen. „Focus", „FTD" und „Handelsblatt" beispielsweise müssen sich fragen lassen, warum sie hasenherzig ihre Apps derzeit noch verschenken. Denn nur den Mutigen gehört bekanntlich die Welt. vs
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