Kommentar
Warum der "Spiegel" seine App kostenpflichtig macht
In wenigen Wochen launcht der "Spiegel" seine lang erwartete iPhone-App. Die auf das Apple-Handy (und wahrscheinlich auch das iPad) optimierte Vollversion des gedruckten Nachrichtenmagazins kostet den Leser annähernd soviel wie die Printausgabe (3,80 Euro). Fünf Gründe, warum dieser mutige Schritt auch der richtige ist und was die Medienhäuser von Steve Jobs einfordern müssen.
1. Wie alles anfing. Nicht Google hat das Internet groß gemacht, sondern der Irrglaube der Inhalte-Anbieter, Werbung würde professionell aufbereiteten Content refinanzieren, sofern dieser Content über entsprechende Reichweite verfügt. Entsprechend vehement haben die Medienhäuser Inhalte lange Zeit nur unter quantitativen Gesichtspunkten digitalisiert - ohne sich Gedanken über den Aufbau eines qualitativ erfolgversprechenden Geschäftsmodells zu machen. Diese - für Medienunternehmen - prekäre Situation lässt sich im World Wide Web nur noch in Teilbereichen rückgängig machen. Umso wichtiger ist es, dass sich dieser Kardinalfehler im Mobile- und Tablet-Bereich nicht wiederholt.
2. Bye, bye, Kostenlos-Kultur. Axel Springer hat Ende vergangenen Jahres den Anfang gemacht und seine „Bild"- und „Welt"-App von vorneherein kostenpflichtig angeboten. Dies war unter zweifachen Gesichtspunkten wichtig: Zum einen als Signal an die eigene Branche, den Mut aufzubringen, auch im Digitalbereich Geld für Content zu verlangen; zum anderen, um Leser mit Paid Content vertraut zu machen. Mit 1,59 Euro monatlich (beziehungsweise 3,99 Euro pro Monat inklusive PDF der „Bild") fällt die Preisgestaltung allerdings moderat aus. Der „Spiegel" ist hier mutiger: Die App kostet annähernd soviel wie die Printausgabe - und so Kannibalisierung-Gefahren möglicherweise umgehen können.
3. Wundertüte iPad. Wenn ab März auch in Deutschland das iPad vertrieben wird, ist es möglich, dass Nutzer unterschiedliche digitale Varianten eines Angebots lesen können: Die Website, die iPhone-App und/oder eine auf das iPad optimierte Applikation eines multimedialen eMagazines. Hier droht nun die große Kannibalisierung. Wenn die Website inhaltlich nahezu deckungsgleich ist mit der(kostenpflichtigen) App, wird kaum ein Leser Geld für die Apple-Anwendung bezahlen. Die Website muss also entweder auch kostenpflichtig sein - oder inhaltlich zur „free version" der kostenpflichtigen App abgespeckt werden. Allerdings stellt sich auch die Frage, warum ein Nutzer beispielsweise der kostenpflichtigen „Spiegel"-App noch Geld für die gedruckte Version hinlegen soll. Mit anderen Worten: Wozu brauchen die Digital Natives künftig eigentlich noch gedruckte Zeitungen und Magazine, wenn diese irgendwann als ansprechende Multimedia-Version auf einem Tablet-PC gelesen werden können?
4. Megamacht Apple. Ganz klar: Apple versucht, die Machtverhältnisse der digitalen Wirtschaft und den Medienkonsum der Menschen zu verändern. Aber selbst Apple, Amazon & Co sind auf die Inhalte der Medien angewiesen - dass Amazon im Preiskampf gegenüber dem Holtzbrinck-Verlag (nicht: US-Verlag, der Autor) Macmillan eingeknickt ist, zeigt, dass auch die vermeintlichen Supermächte des Netzes eben nicht allmächtig sind. Die zunehmende Konkurrenz der Plattform-Betreiber und Tablet-Hersteller müssen die Zeitschriften- und Zeitungsverlage viel stärker für sich nutzen. Es gibt ein iTunes für Musik und Video, es gibt einen iBookstore für Bücher - warum stellt Apple keine entsprechende Plattform für Zeitungen und Zeitschriften vor? Die Branche braucht ein iKiosk - dies sollten die Murdochs, Burdas und Döpfners dieser Welt einfordern.
5. Von „Bild" und „Spiegel" lernen, heißt siegen lernen. „Focus", „FTD" und „Handelsblatt" beispielsweise müssen sich fragen lassen, warum sie hasenherzig ihre Apps derzeit noch verschenken. Denn nur den Mutigen gehört bekanntlich die Welt. vs
Das Heft ist tot!
Natürlich brauchen Apple und Co Inhalte. Aber die Verlage sitzen keineswegs auf einem Monopol. Das Heft als Format ist in der Onlinewelt tot und wird es auch weiterhin sein. Die Lesegewohnheiten gehen über zu Aggregatoren. Den Sportteil von X, die letzten Nachrichten der Weltpolitik von Y, was Lokales von Z und jede Menge weitere Themen von weiteren Quellen. Niemend wird noch einen Spiegel o.ä. ganz lesen wollen. Der Kioskbesitzer hat uns Konsumenten nur nie anbieten können, nur die für uns interessanten Artikel aller Zeitungen und Magazine zusammenzustellen. Dieses ist aber Online sehr wohl möglich und wird auch verlangt. Solange diese Printdenke nicht aufhört, werden die Verlage mit Sicherheit nicht siegen!Redaktionsdirektor
US-Verlag Macmillan? Ursprünglich ein sehr britisches Haus ("Nature" etc.), seit 1999 eine hundertprozentige Tocher von Holtzbrinck. GHGewagte These Herr Schaefer
Interessant woher sie das so genau wissen. Kann es sein, das sie von Ihrem persönlichen Nutzungsverhalten auf die Mehrheit schließen? Da wage ich mal die Gegenthese: Auch in Zukunft vertraut man auf Inhalte von etablierten Medienmarken, auch von "Allroundern", denn viele Menschen haben gar nicht die Zeit und Lust sich jedes Thema, das sie interessiert/interessieren könnte von einem anderen Anbieter zu holen. Ihre These widerlegen sie am Ende auch noch selbst, denn der "Spiegel" ist ja zum Beispiel der von ihnen bemühte Kioksbesitzer. Den Anspruch alles in einem Magazin Lesen zu müssen, hatten in der Vergangenheit weder Macher noch Leser. Das ändert sich ja auch bei einer App von einem Magazin nicht.Macmillan
@Günter Haaf: Peinlich, aber Sie haben natürlich total recht - das kommt davon, wenn man beim Nachrichtenscannen auf eine missverständliche Headline stößt .....Print bleibt nett
Print bleibt nett, aber langsam und nicht Maßgeschneidert. Mit zwei drei Links hat man sein favorisiertes Info Buffet zusammengestellt.Thema Paid Content
Interessante Analyse der Beweggründe und daher empfehlen wir diesen Artikel in unserer Linkliste mit dem Titel Paid Content III: http://bit.ly/bZnzR7Weitere Nachrichten aus Digital vom 08.02.2010:
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