Kommentar
22.02.2010
Kostenlose Apps oder: Der heilige Zorn des Bodo Hombach
Merkwürdiges geschieht derzeit in der Geschäftsführung der WAZ-Gruppe. Kaum meldet sich der eine Geschäftsführer zu Wort, folgt der nächste zu einem ähnlichen Thema.
Das Pingpong-Spiel zwischen Christian Nienhaus und Bodo Hombach eröffnete vergangene Woche Ex-Springer-Manager Nienhaus. „Größtmöglicher Super-GAU in der deutschen Medienpolitik der vergangenen 20 Jahre", „einmaliger Dammbruch in der dualen Rundfunkordnung" - Ex-Springer-Manager Nienhaus ließ kaum einen Superlativ aus, um den geplanten Ausbau von Tagesschau.de zu einer redaktionellen Vollplattform zu kritisieren.
Auch HORIZONT plädiert seit geraumer Zeit dafür, im proprietären App-Bereich nicht den Fehler des offenen Internets zu wiederholen und gute Inhalte kostenlos zu verschleudern. Freemium, also die Mischung zwischen Werbefinanzierung und Paid Content, zumindest in Teilbereichen, ist das Geschäftsmodell, auf das sich alle Verlage einigen und um das sie gemeinsam kämpfen sollten.
Insofern hat Bodo Hombach zwar Recht, von Verlagen eine große Einheitsfront zu fordern. Aber warum gerade G+J? Er hätte doch beispielsweise auch auf Hubert Burda schimpfen können: Der Verleger und VDZ-Chef beschwert sich zwar jedes Jahr mindestens einmal, beim jeweiligen DLD nämlich, darüber, dass im Digitalen nur „lousy pennies" zu verdienen sind. Doch die beiden Premium-Marken des Burda-Verlags, „Focus" und „Bunte", kann jedermann kostenlos auf sein iPhone laden.
Wir haben nicht nachgezählt, aber wir gehen mit Bodo Hombach jede Wette ein: Der Großteil der iPhone-Anwendungen der deutschen Medienhäuser ist derzeit kostenlos zu beziehen - von „Focus" über „Stern" bis hin zu N-TV. Auch der G+J-Titel „Brigitte" hat heute eine App gelauncht - die genauso kostenlos ist wie „Bunte".
Es wirkt also sehr besserwesserisch, wenn Hombach der „FTD" und G+J vorwirft, aus einer Verlags-Phalanx auszuscheren, die es de facto - leider - sowieso nicht gibt. Vielleicht ist die Erklärung auch viel profaner und Hombach hat beim Herunterladen der „FTD"-App auf sein iPHone (hat er überhaupt eines?) die Bezahlanwendungen, die es gibt, nicht entdeckt. Spaß beiseite: Welchen Sinn hätte es für die „FTD"-Verantwortlichen gemacht, für eine Applikation Geld zu verlangen, wenn derselbe Inhalt des G+J-Titels im mobilen Netz kostenlos zu bekommen ist?
Wir sind gespannt, wie DerWesten das Dilemma lösen will, einerseits kostenlosen Content im (mobilen) Netz zu vertreiben, andererseits aber für ähnliche die gleichen Inhalte auf dem iPhone Geld zu verlangen. Zumal eine kostenpflichtige App kaum durchsetzbar ist, wenn ein Daumendruck entfernt der größte Mitbewerber wertvolle Informationen verschenkt, wie dies beispielsweise der "FTD"-Konkurrent "Handelsblatt" tut. Statt nur auf der "FTD" einzudreschen, wäre es besser gewesen, sich alle Medienhäuser, die derzeit noch auf dem Kostenlos-Trip unterwegs sind zu kritisieren.
Die Betonung liegt auf derzeit. Sowohl „Handelsblatt", so ist zu hören, arbeitet an kostenpflichtigen Satelliten-Apps. Und auch die „FTD" will sukzessive den Anteil des Freeware-App zugunsten der Bezahl-Anwendungen zurückfahren. Vielleicht wollte Bodo Hombach der „FTD" auch nur die Geburtsfeier zum 10-jährigen Bestehen vermiesen. Das ist ihm, zumindest teilweise, auch gelungen. vs
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