Pleite
11.01.2010
AOL Deutschland macht dicht / Rückzug auch aus Schweden und Spanien / Weitere Märkte auf der Kippe
AOL Deutschland ist bald Geschichte. Das Unternehmen wird hierzulande seine Pforten schließen. Das erfuhr HORIZONT.NET aus informierten Kreisen. Den Angaben zufolge sollen die Mitarbeiter des Hamburger Unternehmens in Kürze die Kündigung erhalten.
Ein Unternehmenssprecher wollte die Schließung auf Anfrage von HORIZONT.NET zunächst nicht bestätigen und räumte lediglich ein, dass derzeit "strategische Optionen für die Produkte von AOL Deutschland geprüft" würden. Mehr könne er zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen. Nur wenige Minuten nach dem Telefonat dann die offizielle Verlautbarung: Demnach wird der einstige Internet-Gigant die Büros in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und München dicht machen. Der Frankfurter Ad Management-Anbieter ADTECH, an dem AOL mehrheitlich beteiligt ist, bleibt verschont und soll "weiter ausgebaut" werden, wie es heißt. Wie AOL inzwischen präzisiert hat, soll das Portal AOL.de hierzulande in einer abgespeckten Basisversion erhalten bleiben, die mit Nachrichten von Partnern wie Welt Online gespeist wird. Auch AOL-Diente wie E-Mail, Messenger und der Winamp-Mediaplayer sollen weiterhin nutzbar sein.
Ob und wie es in den anderen europäischen Ländern mit AOL weitergeht, ist unklar. Die offizielle Stellungnahme liest sich wenig optimistisch: In den meisten der 11 Länder sollen bereits Gespräche mit den Betriebsräten aufgenommen worden sein. Personalabbau scheint daher unausweichlich. Nach HORIZONT.NET-Informationen soll der Rückzug aus Frankreich nahezu beschlossene Sache sein, in Großbritannien steht zumindest ein massiver Mitarbeiterabbau an.
Kommentar: Warum ein Online-Pionier abgewickelt wird
Von Volker Schütz
Die Revolution frisst ihre Kinder. AOL hat seinerzeit mit Boris „Bin ich schon drin?" Becker Millionen anderer Deutscher ins Internet gebracht. Heerscharen nicht nur deutscher Journalisten wurden mit AOL, Compuserve und Netscape Web-sozialisiert. Nun wird die Deutschland-Dependance abgewickelt. weiterlesen
Dass AOL mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, war bekannt. Nach der gescheiterten Ehe mit Time Warner war der als Internet-Zugangsanbieter groß gewordene einstige Online-Gigant im Dezember 2009 an die Börse gegangen, um sich neu aufzustellen und seine Position im Online-Werbemarkt auszubauen.
Im Zuge dessen wurde Anfang Dezember auch eine neue Corporate Identity vorgestellt. Der gemeinsam mit der Brand-Agentur Wolff Olins entwickelte Auftritt sollte für die Zukunft von AOL stehen und das Portal als führende Content-Marke positionieren. Auch in Deutschland, wo AOL nicht zuletzt dank der legendären Werbeauftritte von Testimonial Boris Becker ("Bin ich schon drin?") bekannt wurde, hatte sich AOL frühzeitig mit dem Verkauf des Internet-Zugangsgeschäft an die inzwischen von O2 geschluckte Telekom-Italia-Tochter Alice als Portalanbieter positioniert und seither ausschließlich auf Werbeerlöse gesetzt.
Der weltweite Kahlschlag kommt trotz allem überraschend, vor allem in Deutschland, wo aktuell 140 Mitarbeiter bei AOL arbeiten. Erst kürzlich hatte die ehemalige Platform-A-Managerin Marianne Stroehmann die Führung von Andreas Demuth übernommen - und die Marktposition des Portals schien hierzulande nicht aussichtlos zu sein: Im letzten Vermarkter-Ranking der AGOF landete das AOL Media Netzwerk mit einer Reichweite von 38,5 Prozent und 16,73 Millionen Unique Usern auf Rang 5, im Angebots-Ranking der AGOF erreichte AOL mit einer Reichweite von 10,5 Prozent und 4,55 Millionen Unique Usern immerhin Platz 25. Im aktuellen IVW-Ranking belegt das Portal AOL.de mit 75 Millionen Visits Rang 11. mas
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