Übernahme WPP-Network J. Walter Thompson steht kurz vor Einstieg bei Hirschen Group

Sonntag, 14. Juni 2015
Die Chefs der Hirschen Group machen wohl gemeinsame Sache mit JWT
Die Chefs der Hirschen Group machen wohl gemeinsame Sache mit JWT
Foto: Agentur

Es könnte der größte Agenturdeal des Jahres 2015 in Deutschland werden: Das WPP-Netzwerk J. Walter Thompson steht nach Informationen von HORIZONT aus unterrichteten Kreisen kurz vor dem Einstieg beim inhabergeführten Agenturverbund Hirschen Group. Die beiden Seiten reden wohl schon länger miteinander, jetzt haben sie offenbar den Durchbruch erzielt. Eine Bestätigung dafür gibt es allerdings nicht. "Wir kommentieren keine Marktgerüchte" heißt es bei WPP. Bei JWT und der Hirschen Group war niemand erreichbar.
Dem Vernehmen nach soll JWT zunächst 49 Prozent an der Hirschen Group übernehmen. Mit einem Umsatz von rund 40 Millionen Euro und insgesamt rund 500 Mitarbeitern steht sie auf Platz 5 im Ranking der größten inhabergeführten Kommunikationsdienstleister in Deutschland. Zur Hirschen Group gehören Agenturen wie Zum goldenen Hirschen, Ressourcenmangel, Freunde des Hauses und mehrere Spezialanbieter. ‎Wichtige Kunden sind die Fiat-Gruppe, Ferrero, Lidl und der vor kurzem gewonnene Elektronikhändler Media-Markt. Für ihn wird derzeit eine Agentur in München aufgebaut. Für JWT Germany ist die Übernahme einer großen Inhaberagentur so etwas wie der letzte Strohhalm. Zwar brachte man erst vor kurzem die 2014 gestartete Digitaltochter Mirum auch nach Deutschland - durch den Zukauf der Düsseldorfer Agentur RSK Group. Ansonsten dümpelt das Network hierzulande aber vor sich hin. Außer mit internationalem Geschäft ist die Agentur im hiesigen Markt kaum noch sichtbar. Zudem agiert die deutsche JWT-Gruppe seit Ende 2012 ohne eigene operative Führung. Zuletzt ging auch Finanzchefin Tina Rademacher-Steele von Bord, die die Geschäfte formal verantwortete. Zuvor war bereits der Düsseldorfer Standortchef Rene Brandejsky ausgeschieden.

Auffällig war, dass das Network danach keine großen Anstalten machte, neue Chefs einzusetzen. Vor dem Hintergrund der Verhandlungen mit der Hirschen Group wird jetzt deutlich, warum. Womöglich ist geplant, dass die deutsche JWT-Agentur mit ihren Büros in Frankfurt und Düsseldorf künftig vom Hirschen-Management geleitet wird. CEO der Hirschen Group ist Martin Blach. Er führt die Gruppe zusammen mit den beiden Gründern Marcel Loko und Bernd Heusinger sowie dem im vorigen Jahr von Scholz & Friends gekommenen Strategiechef Vincent Schmidlin. Jetzt könnte Blach CEO der deutschen JWT-Gruppe werden. Zu ihr gehört auch die Agentur RMG Connect in Stuttgart.
A. Mengele. G. Heffels, M. v. Bechtolsheim mit U. Pröschel und P. Valkenburg (v.l., Foto:

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Damit würde der Deal strukturell an den aus dem vorigen Jahr zwischen Omnicom und Heimat erinnern. Hier haben die Heimat-Chefs formal auch die Führung der deutschen TBWA-Werbeagentur in Düsseldorf übernommen und sogar Anteile an der Networkagentur erworben. Ob das im aktuellen Fall auch geplant ist, ist nicht bekannt. Sicher dürfte dagegen sein, dass die Hirschen Group weiterhin unter ihrem bisherigen Namen auftreten wird. Auch das war bei Heimat so.

Bemerkenswert: Hirschen-Chef Blach, der über Network-Erfahrung unter anderem als Deutschland-CEO von FCB verfügt, hat sich zuletzt immer wieder als vehementer Verfechter des inhabergeführten Agenturmodells positioniert. Vor zwei Jahren widersprach er in einem Gastbeitrag für HORIZONT heftig der These des damaligen Ogilvy-Chefs Thomas Strerath (künftig Vorstand bei Jung von Matt), dass sich die Inhaberagenturen strukturell immer mehr dem Network-Modell annähern. Was den Sinneswandel bei Blach und seinen Führungskollegen verursacht hat - sollte der Einstieg tatsächlich wie geplant zustande kommen -, ist nicht bekannt. Womöglich haben die finanziellen Rahmenbedingungen des Deals nachgeholfen.

Darüber hinaus bekommt die Hirschen Group durch den Anschluss an das JWT-Netzwerk eine internationale Reichtweite, die sie bislang in dieser Form nicht hat. Zwar wurde Ende 2013 mit großer Geste ein eigener länderübergreifender Verbund namens The golden Dudes gegründet, der rund 50 Kooperationspartner in 20 Ländern verbindet. Außer dem Etatgewinn der Schweizer Bank Julius Bär ist bislang aber kein weiteres Mandat bekannt, das in dieser Einheit betreut wird. mam
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