Faecks über Disruption "Der Mittelstand verweigert sich"

Donnerstag, 27. August 2015
Wolf Ingomar Faecks fordert einen Kulturwandel in der deutschen Wirtschaft und Politik - und beklagt gleichzeitig deren Selbstzufriedenheit
Wolf Ingomar Faecks fordert einen Kulturwandel in der deutschen Wirtschaft und Politik - und beklagt gleichzeitig deren Selbstzufriedenheit
Foto: Sapient Nitro

Disruption hat viel mit neuen Technologien zu tun. Und mit neuen Märkten. Disruption hat aber auch mit Mentalitäten zu tun, mit Kulturen - in Unternehmen, in der Gesellschaft. Wolf Ingomar Faecks sieht die deutsche Gesellschaft und vor allem den viel gepriesenen deutschen Mittelstand auf die Herausforderungen neuer Technologien und neuer Märkte schlecht vorbereitet - und fordert deshalb in HORIZONT einen Kulturwandel in Wirtschaft und Politik.
Im Interview mit HORIZONT spricht Faecks über... ...die Bedeutung von Kultur für die Wirtschaft:

"Kultur gehört längst nicht nur ins Feuilleton, sondern auch in die Businesswelt. Das wird oft unterschätzt, vor allem angesichts der disruptiven Veränderungen in der Wirtschaft. Bei vielen großen Transformationsprozessen wird unterschätzt, wie viel Change Management nötig ist, damit die Veränderungen in der Technologie und im Marketing letztlich erfolgreich sind. [...] Wir brauchen tiefgreifende Veränderungen in der eigenen Organisation der Unternehmen, einen wirklichen Kulturwandel."

...das Abtun der Digitalisierung als "Smartphone-Gedaddel von jungen Leuten": 
„Zwei Drittel der kleineren Mittelständler glauben, die Digitalisierung sei komplett irrelevant für sie, ein Drittel der Großen meint bis heute, das Thema tangiere sie nicht. Das ist eine grundlegende Fehleinschätzung, die auf Ignoranz beruht.“
Wolf Ingomar Faecks
"Aus Gesprächen mit IHKs und bei Kongressen vernehme ich, dass sich große Teile des deutschen Mittelstands diesen Themen komplett verweigern. Der Einfluss der Digitalisierung auf das eigene Geschäft wird missverstanden oder überhaupt nicht verstanden. Viele Unternehmer und Manager haben de facto nicht mal eine Meinung dazu. Die Anpassung an disruptive Veränderungen wird bestenfalls als Führungsaufgabe der nächsten Generation gesehen. Das ist fatal. Ich dränge darauf, dass sich unsere Unternehmer damit beschäftigen, was die Digitalisierung für ihr Geschäft, für ihre Absatzstrategien und -kanäle bedeutet. Und für ihre Mitarbeiter. Unternehmen, die heute noch papierbasiert arbeiten, finden keinen qualifizierten Nachwuchs mehr."

...die aktuelle Lage der deutschen Wirtschaft:

"Wir sind selbstzufrieden. Zwei Drittel der kleineren Mittelständler glauben, die Digitalisierung sei komplett irrelevant für sie, ein Drittel der Großen meint bis heute, das Thema tangiere sie nicht. Das ist eine grundlegende Fehleinschätzung, die auf Ignoranz beruht."
„Frau Merkel steht selbst für das Fremdeln mit der digitalen Welt, Stichwort Neuland. Es ist gefährlich, mit der eigenen Unkenntnis zu kokettieren.“
Wolf Ingomar Faecks
...den Sinn und Zweck der digitalen Agenda der Bundesregierung:

"Symbolpolitik, mehr fällt mir dazu nicht ein. Es reicht doch nicht, sich auf der CeBit hinzustellen und zu sagen, ich unterstütze das. Frau Merkel steht selbst für das Fremdeln mit der digitalen Welt, Stichwort Neuland. Es ist gefährlich, mit der eigenen Unkenntnis zu kokettieren."

Wolf Ingomar Faecks

Wolf Ingomar Faecks ist bei der Digitalagentur Sapient Nitro seit 2009 Geschäftsführer und Vice President Kontinentaleuropa. Und im Ehrenamt ist er seit 2013 Präsident des Gesamtverbandes Kommunikationsagenturen GWA. Auf diese Reihenfolge legt der studierte Wirtschaftsingenieur Wert. Er hat 20 Jahre Erfahrung als Berater, seit 2006 bei Sapient Nitro, vorher bei Capgemini.
...die Forderung nach High-Speed-Internet in ganz Deutschland:

"Ich habe ja Verständnis dafür, dass die Telekom ihre Milliardeninvestitionen in Kupferleitungen schützen will. Die werden jetzt aufgemotzt auf 100 Megabit anstatt flächendeckend in Glasfaser zu investieren. Das ist eine Fehlentscheidung. In zehn Jahren wird man das ganz deutlich sehen. Das Netzwerk ist Treiber und Enabler der Entwicklung, da darf man keine Kompromisse machen."

Das Interview führte Uwe Vorkötter

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