Wolf Ingomar Faecks "Der GWA ist nicht zur Ego-Pflege da"

Dienstag, 07. November 2017
Wolf Ingomar Faecks: "Wir haben den GWA politisiert"
Wolf Ingomar Faecks: "Wir haben den GWA politisiert"
© Sapient Razorfish

Am Mittwoch ist Schluss. Dann wählen die GWA-Mitglieder einen Nachfolger für den scheidenden Präsidenten Wolf Ingomar Faecks. Um seine Nachfolge bewirbt sich Benjamin Minack, Chef der Hirschen-Tochter Ressourcenmangel. Bevor Faecks, der vier Jahre an der Spitze der Agenturlobby stand, abtritt, zieht er in einem ausführlichen Interview mit HORIZONT Bilanz.
Herr Faecks, warum treten Sie nicht noch einmal als GWA-Präsident an – keine Lust mehr? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zunächst bin ich fest davon überzeugt, dass Wahlämter immer nur auf Zeit verliehen werden. Der Wechsel gehört zum Kern der Demokratie. Ich möchte nicht derjenige sein, den man irgendwann fragt, ob er sich nicht langsam mal einen Nachfolger suchen will. Außerdem habe ich erheblich viel Zeit und Herzblut in die Aufgabe gesteckt. Zeit, die dann natürlich an anderer Stelle fehlt.
Für die Agentur Sapient Razorfish, die Sie hauptberuflich führen? Zum Beispiel. Hinzu kommt: Wir bauen in der Publicis-Gruppe eine Säule auf, die neben Werbe- und Mediaagenturen für digitale Businesstransformation steht. Da stellt sich die Frage, ob es für mich noch richtig ist, als Chef des Werbeagenturenverbands wahrgenommen zu werden.

Sie haben neulich schon mal betont, Sie seien kein Werber. Was dann? Ich will keine künstliche Abgrenzung. Dafür verstehe ich mich viel zu gut mit den Kollegen. Aber meine berufliche Sozialisation ist eine andere. Ich bin nicht in einer Kommunikationsbranche groß geworden, die Marketing und Werbung als zentrales Thema hat. Ich bin Elektroingenieur und Betriebswirt. Bei mir ging es immer um die technische Seite und den Transport von Kommunikation.

„ Ich möchte nicht derjenige sein, den man irgendwann fragt, ob er sich nicht langsam mal einen Nachfolger suchen will. “
Wolf Ingomar Faecks
Wie beurteilt der Elektroingenieur Faecks die eigene GWA-Präsidentschaft? Was waren für Sie die Meilensteine? Wir haben viel erreicht, aber zwei Punkte sind mir besonders wichtig. Erstens: Wir haben den Verband, der in keine Richtung mehr lieferfähig war, wieder handlungsfähig gemacht. Früher war der GWA sehr viel stärker auf die individuelle Promotion einzelner Personen ausgerichtet. Das haben wir geändert. Heute wissen alle Beteiligten, dass es darum geht, eine Aufgabe zu erledigen. Die Sacharbeit steht wieder im Vordergrund. Der Vorstand ist nicht dafür da, das eigene Ego zu pflegen, sondern um etwas für die Mitglieder zu erreichen. Ein Verband muss ein arbeitsfähiges Konstrukt sein. Das ist der GWA heute wieder.

Und zweitens? Die Politisierung des GWA. Das frühere Selbstverständnis, dass der Agenturverband ein unpolitisches Konstrukt sein soll, ist aus meiner Sicht eine völlige Fehlinterpretation dessen, wofür Verbände da sind. Sie bündeln Interessen und vertreten diese gegenüber anderen Interessengruppen. Wenn das nicht Politik ist, was sonst? Früher wurde alles an den ZAW delegiert. Der macht aber Werbepolitik und kümmert sich nicht um spezifische Belange von Agenturen. Das müssen wir schon selbst in die Hand nehmen – und das haben wir gemacht. Nicht zuletzt dadurch ist es uns gelungen, Serviceplan in den Verband zurückzuholen.

Der GWA musste nur politischer werden und schon kommt eine Agentur wie Serviceplan zurück? Nicht nur, aber auch. Vor allem ging es darum, besser zuzuhören, was die Mitglieder eigentlich wollen. Das hat viel mit dem Leitmotto "Wertschätzung" zu tun, unter das ich meine Präsidentschaft gestellt habe. Wir müssen uns immer wieder fragen, wie relevant wir eigentlich für unsere Mitglieder sind. Erbringen wir eine Dienstleistung, die die X-Tausend Euro Mitgliedsbeitrag rechtfertigen? Bringt es etwas, im GWA zu sein? Das muss jede Agentur mit Ja beantworten können.

Mit der Wertschätzung bei Kunden und in der Gesellschaft ist es dagegen nicht sehr weit her, wie diverse Studien und Umfragen zeigen. Man muss schon unterscheiden zwischen der Aufgabe des Verbands und der einzelner Unternehmen. Für die Reputation bei den Auftraggebern sind immer noch die Agenturen selbst verantwortlich, nicht der GWA. Wo wir aber sicher noch mehr erreichen können, ist die finanzielle Wertschätzung. Deshalb müssen wir als Verband immer wieder deutlich machen, welchen Beitrag wir zum Erfolg unserer Kunden leisten. Werbung und Kommunikation sind weder "nice to have" noch ein Kostenblock, den man schnell streichen kann. Wir gehören zur Substanz.

Wolf Ingomar Faecks
Bild: Sapient Nitro

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Zurück zu Ihnen: Wie sehr hat Ihnen die Effie-Affäre geschadet? Ach, das weiß ich nicht. Aber ich habe viel daraus gelernt. Ich hatte vorher noch nie einen Shitstorm direkt miterlebt. Plötzlich in einer Situation zu sein, in der die persönliche Integrität infrage gestellt wird, setzt einem schon zu. Mir wurden Dinge unterstellt, die nie eine Rolle gespielt haben. Das war hart. Es hieß danach ja, ich hätte keine gute Figur abgegeben. Ich wünsche jedem, der das geschrieben hat, dass er auch mal eine solche Situation durchmachen muss.

Klingt ehrlich gesagt etwas dünnhäutig. Ich bin Amtsträger. Damit ist eine objektive und öffentliche Erwartung an mich verbunden. Der muss ich gerecht werden. Das ist auch völlig okay. Aber Kritik muss immer ein Maß kennen. Das war teilweise verloren gegangen und ging an die Grenze des ehrenamtlich Erträglichen. Meine Beteiligung an der ganzen Sache war relativ gering – es gab ein kurzes Telefonat. Dafür habe ich hinterher eine ganze Menge Airtime gehabt.

Sie haben sich nichts vorzuwerfen? Doch. Ich habe Fehler gemacht. Ich hätte mich noch klarer distanzieren und positionieren müssen. Dafür habe ich um Entschuldigung gebeten und die Mitglieder gefragt, ob ich zurücktreten soll.

Sie haben in einer Mail an die Mitglieder geschrieben, dass Sie durch die Effie-Affäre auch eine ganze Menge über sich selbst gelernt haben. Was denn? Zum Beispiel, wie ich in einer Paniksituation reagiere. Das Gefühl absoluter Ohnmacht kannte ich nicht. In meinem beruflichen Leben war ich immer in der Rolle, die Dinge aktiv gestalten zu können. Hier war ich nicht Subjekt, sondern Objekt. Das lehrt eine gewisse Demut.

Als Sie ins Amt gewählt wurden, waren Sie nur Insidern ein Begriff. War das gut, schlecht oder egal für den Job? Für den angestrebten Kulturwandel war es gut. Ich hatte den nötigen Abstand und konnte alles hinterfragen – sogar manche Akteure, die von allen angehimmelt wurden. Aber die Sichtweise, ich sei als totaler Außenseiter ins Amt gekommen, ist falsch. Ich habe mich mit den gleichen Fragen beschäftigt wie die prominenteren Kollegen. Vielleicht habe ich sie nur anders beantwortet.

Inwiefern hat Ihnen das GWA-Amt geholfen, bekannter zu werden? Ich kann nicht von mir sagen, ich sei uneitel. Ich habe immer den Weg nach oben gesucht, schon in der Schule. Ich habe früh versucht, Verantwortung zu übernehmen. Aber meine Intention bei der Übernahme der GWA-Präsidentschaft war bestimmt nicht, eine PR-Story für mich persönlich daraus zu machen. Dafür war das Risiko ehrlich gesagt auch zu groß. Schließlich war der Verband in keiner sonderlich guten Verfassung.

Mit Benjamin Minack soll jemand neuer GWA-Präsident werden, der wieder nur Insidern ein Begriff ist. Ein weiteres Experiment? Das glaube ich nicht. Letztlich geht es um die Frage, wer mehr bewirkt: Ein Akteur, den alle kennen, oder jemand, der versucht, Projekte wirklich auf die Straße zu bringen? Wir sind der festen Überzeugung, dass es wichtiger ist zu liefern, als einen großen Namen zu haben.

Nun muss das eine das andere ja nicht ausschließen. Das stimmt, deswegen hatten wir auch verschiedene Optionen auf dem Tisch. Mit Benjamin Minack schlagen wir einen Vertreter einer jungen und modernen Generation vor, der scharf denkt und klar formuliert. In seiner bisherigen Vorstandstätigkeit hat er viele Projekte umgesetzt. Und unterschätzen Sie nicht, wie gut er im politischen Bereich vernetzt ist – und wie bekannt er dort ist. Er geht in vielen Ministerien ein und aus und kennt fast jeden Staatssekretär.

Lange Zeit galt Michael Trautmann als gesetzt. Warum wollte er dann doch nicht mehr? Es gab zu keiner Zeit eine Vorfestlegung. Wir hatten verschiedene Kandidaten im Blick, einer davon war in der Tat Michael Trautmann. Warum er es sich anders überlegt hat, hat er öffentlich erklärt. Durch den Verkauf seiner Agentur an WPP haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Seine Rolle bei Thjnk ist jetzt eine andere. Außerdem engagiert er sich intensiv im Sportmarketing. Seine Prioritäten haben sich verschoben.

Gibt es etwas, das Sie Ihrem designierten Nachfolger Minack mit auf den Weg geben wollen? Ich würde ihm raten, weiter die Arbeitsergebnisse in den Vordergrund zu stellen und nicht die Promotion einzelner Personen. Eine weitere wichtige Aufgabe scheint mir zu sein, die Mitgliederbasis zu verbreitern. In diesem Zusammenhang lohnt es sich auch, über neue Services nachzudenken. Unser Rechtsservice ist ein gutes Beispiel, der hat eingeschlagen wie eine Bombe. Vielleicht gibt es weitere Optionen dieser Art.

Was soll das Vermächtnis von GWA-Präsident Faecks sein? Ach, ich würde nicht von Vermächtnis sprechen. Aber wenn die Kultur der Wertschätzung untereinander und der kooperative Stil der ergebnisorientierten Zusammenarbeit erhalten blieben, wäre ich sehr dankbar.
Interview: Mehrdad Amirkhizi

Das vollständige Gespräch lesen Sie in HORIZONT-Ausgabe 44/2017 vom 3. November
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