"Werber sind Langweiler im Bett" Ingeborg Trampe über ihren Pornoroman "Pussy Diary"

Mittwoch, 15. Juli 2015
Ingeborg Trampe ist Suzette Oh
Ingeborg Trampe ist Suzette Oh
Foto: Sebastian R. Fuchs

Lustvolle Abenteuer, champagnergetränkte Körperflüssigkeitsschlachten: Ingeborg Trampes erster Pornoroman "Pussy Diary" über den sexuellen Selbstfindungsprozess von Titelheldin Suzette Oh ist eine deftige Angelegenheit. Kein Buch für Zartbesaitete, es geht ordentlich zur Sache. Warum die bekannte Hamburger PR-Beraterin jetzt in Hardcore-Literatur macht und wie sie darin mit der Werbebranche abrechnet (Werber sind die "Langweiler schlechthin"), erzählt die frühere BBDO-Pressesprecherin und Y&R-Geschäftsführerin im Gespräch mit HORIZONT Online.

Doch zunächst eine kurze Leseprobe:
"Ahhh. Oooohhh. Uhhhhhh, ist das geil. Du bist so eng. Ohhhaa. Scheiße, ist das gut." Marian schnaubte hinter mir und arbeitete sich heftig an meiner Pussy ab. Wir lagen in Löffelchenstellung im Bett, ich mit Gesicht zum Wecker. Das Vorrücken des Sekundenzeigers beschäftigte mich mittlerweile mehr als die Liebeskünste meines Freundes. Während er in mich hineinpumpte, was meine Muschi wenig beeindruckte, dachte ich über meine Termine am nächsten Tag nach und ging im Geiste den Inhalt des Kühlschranks durch und was ich noch fürs Wochenende einkaufen musste. Schließlich setzte er zum Stakkato-Rhythmus an."
aus: "Pussy Diary" von Suzette Oh (Erstveröffentlichung: 15. Juli 2015)

"Pussy Diary" erzählt die Geschichte einer Berliner Kommunikationsberaterin um die 40 aus der Ich-Perspektive, die keine Lust mehr auf eine feste Beziehung hat, sondern lieber ihre wahre sexuelle Identität sucht und dabei fast nichts auslässt. Wie viel von Ingeborg Trampe steckt in Suzette Oh? Naja, Suzette hat Journalistenhintergrund, arbeitet dann als Stylistin und Markenbotschafterin für eine Möbelmarke. Das hat dann mit mir nicht mehr viel zu tun. Natürlich schreibt man als Autorin immer auch über Dinge, die man kennt, damit es authentisch ist. Das bedeutet aber nicht, dass Suzette 100 Prozent Ingeborg Trampe ist. Suzette ist vielmehr eine Idee von einer Frau, die sich nimmt, was sie will, die sich einen Dreck darum schert, was andere Leute von ihr denken, die ihre Grenzen austestet und damit auch die einer Gesellschaft, die Frauen sexuell immer noch durch Doppelmoral reglementiert. Suzette hat sicher Anteile von mir, aber auch von Freundinnen und Bekannten und wird angereichert durch viel Fantasie.
Cover von "Pussy Diary"
Cover von "Pussy Diary" (Bild: Droemer Knaur)
Es gibt fast nichts, was Deine Buchheldin Suzette Oh nicht ausprobiert – und das Du nicht im Detail beschreibst. Suzette tobt sich im Swingerclub, im Spa, in einer Gloryhole-Bar und auf Sexpartys aus. Wie viel in dem Roman ist Fantasie, wie viel echte Erfahrung? Es dürfte jetzt keine Überraschung sein, wenn ich sage, dass man ein bisschen was in seinem Leben ausprobiert haben muss, um über ein solches Genre zu schreiben. Mit einer lebenslangen monogamen Beziehung ist das vermutlich schwer. Aber noch einmal. Suzette Oh ist eine Kunstfigur, im besten Fall eine Ideengeberin für Frauen und Männer, die bestimmte Fantasien haben und diese zumindest mit "Pussy Diary" sehr explizit im Kopf ausprobieren können. Im Gegenteil zum Porno, bleibt im Buch Raum, für sich selbst die Szenerie auszuschmücken. Das Buch ist im besten Fall die Lizenz zur Lust, um sich auf diese Art eben ein Stück Geilheit ins Leben zu holen, die ja leider zu oft durch unseren Alltag auf der Strecke bleibt.
„Ich erlebe die Werbe-Branche oft als sehr konservativ, gerade was ihr Rollenverständnis angeht.“
Ingeborg Trampe
In Deinem Buch verrätst Du nicht nur, warum Schweizer Männer "echte Drecksäue" im Bett sind ("Vielleicht lag es daran, dass er mit dem Lutschen großer Schokistücke von Sprüngli groß geworden ist"), sondern behauptest auch, dass Werber "Langweiler schlechthin" sind. Du nimmst also ausgerechnet die Branche ins Visier, die zu Deinen größten Kunden zählt. Ob das die Werber mit Humor nehmen?! Naja, es wäre schade, sollte sich herausstellen, dass die Werber keinen Humor haben. Glaube ich aber nicht. Im Grunde spielt diese Passage mit dem bemühten Image der Werbebranche, unheimlich hip und unkonventionell zu sein. Ich erlebe die Branche oft als sehr konservativ, gerade was ihr Rollenverständnis angeht. Wo sind denn die Frauen in den Führungspositionen zum Beispiel?

"Don’t fuck the business" – auch dieses Tabu lässt Du Suzette brechen, und zwar mit einer weiblichen Geschäftspartnerin. Inwieweit willst Du mit dem Buch provozieren? Das Buch arbeitet ganz bewusst mit Zuspitzung, das ist einfach unterhaltsamer zu lesen. Ich habe mich sicher nicht hingesetzt mit dem Plan, ein provokantes Buch zu schreiben. Es hat sich jetzt einfach durch die Geschichte so ergeben. Und was für den einen provokant ist, ist es für den anderen so gar nicht. Insofern bin ich gespannt auf die Reaktionen.

Wie und wann bist Du eigentlich auf die Idee gekommen, nach dem Blog suzette-oh.com einen Pornoroman zu schreiben? Hat Dich der Hype um "Fifty Shades of Grey" angestachelt? Die Idee zu Suzette Oh entstand lange, bevor es "Fifty Shades of Grey" gab, nämlich 2010 an meinem Küchentisch - damals noch in Berlin. Ich wollte einfach mal über etwas anderes schreiben als Marketing und Werbung. Ich habe mich schon immer für Erotikliteratur interessiert, habe aber nie das gefunden, was ich gerne lesen würde. 90 Prozent der Erotikbücher sind verkappte Liebesgeschichten oder einfach aus männlicher Sicht schlecht geschriebene Hardcore-Stories. Mit Suzette Oh wollte ich den Balance-Akt wagen, explizite Erotik aus Frauenperspektive zu schreiben, mit nicht zu viel Bla-Bla-Geschichte drumherum, die aber dennoch einen gewissen Lifestyle und auch eine Haltung bezüglich Sex, Frauen, Emanzipation und Paarbeziehungen auf unterhaltsame Art transportiert. Dann habe ich mit einem Blog losgelegt, der zwischendurch aber geruht hat. Das Buch basiert auf der Idee des Blogs, ist aber neu geschrieben. Wenn "Fifty Shades of Grey" etwas ausgelöst hat, dann sicher, dass ich immer noch die Marktlücke zu meiner Idee von Erotikliteratur sehe. Und mir viele Frauen aus meinem Netzwerk bestätigen, dass sie auf explizite, sexy Erotikstories warten.
„Ich möchte nicht einen Teil meiner Persönlichkeit verleugnen, nur weil sich vielleicht ein paar Leute auf den Schlips getreten fühlen.“
Ingeborg Trampe
Viele Autoren von Pornoromanen bleiben lieber anonym. Du hast Dich aber bereits vor ein paar Jahren aus der Deckung getraut und anlässlich Deines gleichnamigen Blogs als Suzette Oh geoutet. Gab es Kunden, die Du dadurch verschreckt habst? Inwiefern hat es Deiner Reputation als ernstzunehmende professionelle PR-Beraterin geschadet? Ich wollte ursprünglich auch anonym bleiben. Meine Identität kam dann eher aus Versehen heraus. Ich habe aber dann entschieden, dass ich dazu stehe. Ich möchte nicht einen Teil meiner Persönlichkeit verleugnen, nur weil sich vielleicht ein paar Leute auf den Schlips getreten fühlen. Meine Kunden wissen alle, was ich mache, bislang gab es da keine negative Resonanz. Entscheidend ist ja, dass ich meinen Job als Beraterin weiter professionell mache. Suzette Oh ist ein Schreibprojekt, das haben meine Kunden ganz gut verstanden. Und ich bekomme deutlich interessiertere Reaktionen, als wenn ich das x-te Buch über Marketingedöns geschrieben hätte.

Bist Du jetzt auf den Geschmack gekommen und sitzt bereits an "Pussy Diary 2"? Ich schreibe in der Tat schon an einem zweiten Buch, das Anfang 2016 bei Droemer Knaur herauskommen soll. Suzette wird dort auch eine Rolle spielen, aber es ist eine geschichtliche Weiterentwicklung. Es werden viele verschiedene Frauencharaktere mit ihren sexuellen Fantasien vorkommen. Und Suzette wird ihnen dabei helfen, das auszuleben, was sie sich in ihrem bürgerlichen Leben nicht trauen würden. Soviel sei verraten. Interview: Jessica Mulch

Das Buch gibt es ab sofort für 6,99 Euro bei Droemer Knaur, Amazon und iTunes zum Download

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