WPP-Chef Martin Sorrell "Cannes ist viel zu teuer"

Samstag, 24. Juni 2017
WPP-Chef Martin Sorrell bringt neue Standorte für das Festival ins Spiel
WPP-Chef Martin Sorrell bringt neue Standorte für das Festival ins Spiel
© WPP

Den Cannes Lions weht derzeit ein heftiger Gegenwind aus dem Lager der Agenturen entgegen. Die Werbeholding Publicis hat angekündigt, ein Jahr auf die Teilnahme an sämtlichen Kreativwettbewerben zu verzichten, um eine interne Plattform für Künstliche Intelligenz aufzubauen. WPP-Chef Martin Sorrell spricht zwar nicht von einem Rückzug, kritisiert aber vor allem die hohen Kosten für Cannes. In der Omnicom-Gruppe erwägt angeblich DDB den Ausstieg.
Nachdem die Agenturen jahrelang das Spiel der Organisatoren mitgemacht haben, immer weitere Kategorien zu etablieren (und zu beschicken) und das Festival zu einer Veranstaltung mit mittlerweile 24 Sparten aufzublähen, scheint jetzt der Punkt erreicht, wo die Stimmung kippt. Die Kritik an der Gigantomanie und den hohen Kosten für das Festival wird immer lauter. Zwar begründet Publicis seinen Rückzug nicht explizit damit, aber es liegt auf der Hand, dass die börsennotierte Holding, die in eine interne KI-Plattform investieren will, die Mittel an anderer Stelle einsparen muss. Laut Schätzungen gibt die französische Gruppe jährlich rund 20 Millionen Euro für die Teilnahme an Award Shows aus.
Arthur Sadoun
Bild: Publicis

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WPP-Chef Martin spricht dagegen deutlich aus, was ihn an Cannes stört: "Es ist einfach viel zu teuer", sagte der Holdingchef bei einem Auftritt vor Journalisten. Das habe er bereits im vorigen Jahr kritisiert und entsprechende Maßnahmen ergriffen. So hat WPP seine Präsenz vor Ort deutlich reduziert. Statt wie im vorigen Jahr 1000 Mitarbeiter schickte die Holding dieses Jahr nur noch 500 nach Cannes. Das führte unter anderem dazu, dass Führungskräfte aus einzelnen Märkten nicht mehr auf Firmenkosten zum Festival fahren durften - und bei Interesse privat anreisen mussten.

Sorrell bringt im Rahmen seiner Kritik auch die Frage nach dem Standort ins Spiel. "Ist Cannes wirklich der richtige Ort für diese Veranstaltung? Oder wären New York, London, Paris oder Berlin nicht besser geeignet?", fragt der WPP-Chef. Diese Aussagen dürften nicht zuletzt dazu dienen, den Druck auf die Organisatoren zu erhöhen, den Agenturen bei den Einsendegebühren und sonstigen Kosten für die Teilnahme entgegenzukommen.

Veranstalter Ascential scheint zu merken, dass er etwas tun muss. Ende der Woche kündigte das Unternehmen an, dass es einen Beirat mit führenden Vertretern aus der Industrie, Agenturen und anderen Partnern etablieren will, dem auch der Bürgermeister der Stadt Cannes angehören soll. Von Industrieseite sind unter anderem P&G-Marketingchef Marc Pritchard und sein Unilever-Pendant Keith Weed dabei. Weitere Mitglieder sollen demnächst bekanntgegeben werden. "Es hat in dieser Woche viele Diskussionen über die Struktur der Cannes Lions gegeben. Wir wollen allen Teilnehmern die richtige Festival-Erfahrung ermöglichen", sagt Philip Thomas, CEO von Ascential Events.

Amir Kassaei
Bild: DDB

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Auch bei Omnicom gibt es offenbar Überlegungen, ob und wie man in Cannes weitermacht. Dass sich die US-Holding komplett zurückzieht, gilt als unwahrscheinlich. Allerdings macht der weltweite DDB-Kreativchef Amir Kassaei seit längerer Zeit keinen Hehl daraus, dass er von Cannes in der derzeitigen Form nicht viel hält - nicht wegen der hohen Kosten, sondern wegen der seiner Meinung nach kompletten Irrelevanz der ausgezeichneten Arbeiten. DDB könnte also als Einzelnetwork sein Engagement in Cannes überprüfen und sich womöglich zurückziehen. Mal sehen, ob die Muttergesellschaft dem zustimmt. Denn die Holdings positionieren sich seit einigen Jahren auch im Kapitalmarktumfeld mit ihrem Abschneiden bei Award Shows. mam
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