Die heißesten Agenturen Deutschlands Vondersteinreys - Mit der Kettensäge durch die Marke

Montag, 09. Mai 2016
 Die Agenturchefs Olaf Reys (links) und Stefan Vonderstein
Die Agenturchefs Olaf Reys (links) und Stefan Vonderstein
Foto: Vondersteinreys/HORIZONT

Im HORIZONT-Ranking der "22 heißesten Agenturen Deutschlands" war sie mit dabei: Vondersteinreys. Die Düsseldorfer Kreativen arbeiten am liebsten mit Kunden zusammen, die einen Neuanfang suchen und ihre Marke rigoros umjustieren möchten. Die Kettensäge ist nicht ohne Grund zum Agentursymbol avanciert. HORIZONT hat den radikalen Marken-Zerteilern einen Besuch abgestattet.
Die Bürgerstraße im belebten Düsseldorfer Stadteil Unterbilk kommt wie eine kleine Ruhe-Oase daher. Keine lauten Busse, keine Menschenmassen, keine Hektik: Der Innenstadttrubel schafft es in die schmale Gasse nicht hinein. Perfekte Umgebung für einen Weinsommelier, der sich im Erdgeschoss der Hausnummer 28 eingenistet hat und in gediegener Atmosphäre seinen Kunden edle Tropfen zum Probieren ausschenkt. Doch die Nachbarn im darüberliegenden Geschoss hantieren Tag für Tag mit der Kettensäge. Das entspannte Ambiente stören sie trotzdem nicht.
HORIZONT stellt in loser Reihenfolge die heißesten Agenturen Deutschlands vor
HORIZONT stellt in loser Reihenfolge die heißesten Agenturen Deutschlands vor (Bild: HORIZONT)
Die Nachbarn mit der Kettensäge nennen sich Vondersteinreys - eine junge Full-Service-Agentur, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, alte Denkmuster, alte Marketingmodelle einzureißen, wenn sie nicht mehr funktionieren. Und zwar radikal. Mit der Kettensäge eben. Das Credo: Der Soft-Change ist nicht immer sinnvoll. "Wir sind die Falschen, wenn es darum geht, in einen Pitch zu gehen, um eine Kampagne fortzuführen oder leicht abzuändern. Wir fühlen uns am wohlsten, wenn Kunden kommen und alles neu haben wollen - aber noch nicht wissen, wie sie das angehen sollen", sagt Stefan Vonderstein. Vor drei Jahren gründete Vonderstein die Agentur und holte dafür seinen alten Weggefährten Olaf Reys an Bord. Beide kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei BBDO, wo sie unter anderem für den Kunden Braun arbeiteten und die Marke über Jahre hinweg aufbauten. Während Reys damals bei BBDO blieb, stieg Vonderstein 2010 bei SteinleMelches ein und wurde schließlich Partner von Roderich Melches in der neuen Agentur Melches Vonderstein. Als der Partner jedoch aussteigt, kontaktiert Vonderstein den alten Kollegen Reys. Ob er nicht Lust hätte, mit ihm eine neue Agentur zu gründen. Vondersteinreys war geboren.

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Die beiden Gründer verstehen sich als klassisches Text-Art-Team. Vonderstein als strategisch-denkender Mensch, Reys als Gestalter, Visionär. Über die vergangenen Jahre hinweg arbeiteten die beiden immer mal wieder zusammen, woraus schließlich eine Freundschaft entstand. "Die Basis für eine gute Zusammenarbeit ist, dass man sich gut versteht. Man muss mit Ideen blind Ping-Pong spielen können", sagt Reys.

Dass dieses Zusammenspiel Früchte trägt, hat die junge Agentur bereits zeigen dürfen. Für Preis24.de, Morninglory und Ortel Mobile haben die beiden die Kettensäge angeschmissen und die Marke neu aufgestellt (siehe Spots unten). Preis24.de beispielsweise wollte sich neu erfinden, wollte weg von den Kampagnen mit den "3 Engeln für Charlie". Herausgekommen ist das bekannte blaue Schwein. Zu den weiteren Kunden zählen Allianz, BKK, IHK Düsseldorf, Matratzen Concord und C&A, dessen Restbestand Vonderstein noch aus früheren Zeiten mitgebracht hatte.

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Die Kettensäge, die bei allen Kampagnen im übertragenen Sinne zum Einsatz kam, ist mittlerweile zum Unternehmenssymbol avanciert. Viele Details in den Innenräumen der Agentur spiegeln die hauseigene Philosophie wider, sollen die Zerstörungskraft auf die alte Marke des Kunden symbolisieren. Im Eingangsbereich baumelt etwa eine große rote Kettensägen-Attrappe von der Decke, auf dem Empfangstresen ruht eine grüne Handgranaten-Attrappe. Von der alten Marke soll nichts übrig bleiben.

An Schränken und Tischen kleben bunte Kettensägen-Sticker. Entworfen hat sie Reys, der in seiner Jugend in der Düsseldorfer Sprayer-Szene aktiv war. "Man wird schließlich nicht jünger. Und wenn man nicht mehr sprüht, dann gestaltet man eben Sticker", sagt Reys. "Ist auch legaler", kontert Vonderstein. Mit 15 Jahren fing Reys an zu sprayen, unter anderem auch in London, Amsterdam und Paris. In Düsseldorf ist nur noch ein einziges Graffiti von ihm zu sehen. An einem Flughafengebäude prangt ein meterhoher silberner Roboter, der von der Autobahn gut zu erblicken ist. Gesprayt hat Reys ihn 1987.

Trotz der Graffitis oder vielleicht gerade wegen der Graffitis glühen die beiden Chefs für ihre Heimatstadt Düsseldorf, auch wenn sie als Agenturstandort einige Schwierigkeiten mit sich bringt. "Das Problem an Düsseldorf ist: Die Stadt wird nicht als sexy wahrgenommen", sagt Vonderstein. "Sie leidet extrem unter der Bezeichnung Modestadt und unter dem Vorurteil, dass hier nur Reiche wohnen - was absolut nicht der Fall ist." Internationale Kunden seien schwieriger zu gewinnen, dafür gäbe es in der näheren Umgebung die besten Talentschmieden. Das Miteinander in der Düsseldorfer Agenturenszene ist jedoch distanziert. "In London beispielsweise kann ich abends um 5 Uhr im Stadteil Soho ein Bier mit einem Texter einer anderen Agentur trinken gehen. Hier betrachtet man sich höflich als Konkurrenz und das wars. Man geht sich eher aus dem Weg." Das könne manchmal nervig sein, manchmal aber auch von Vorteil.
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2016 will Vondersteinreys nun langsam wachsen. Im vergangenen Jahr setzten die Kettensägen-Profis 1,5 Millionen Euro um. Idealerweise, so die Planungen der beiden, sollten pro Jahr nun eine halbe Million dazukommen. "Zu schnelles Wachstum ist nicht gut, weil man sonst den Fokus verliert. Man verliert den Blick dafür, wer man ist und wohin man will mit seiner Agentur", sagt Vonderstein. Das Szenario habe er einst bei Rempen&Partner miterlebt, als die Mitarbeiterzahl innerhalb weniger Jahre von 28 auf 100 stieg.

Ein Neukunde sei bereits im Anflug, heißt es. Dass die beiden in Pitches ihre Konzepte gut präsentieren können, haben sie gegen große Mitbewerber unter Beweis gestellt. Preis24 haben sie etwa gegen Saatchi & Saatchi gewonnen, Matratzen Concord gegen Scholz & Friends. Wo die großen Agenturen mit acht oder mehr Konzepten in den Pitch gehen, kommt Vondersteinreys mit maximal zwei. Und wer weiß: Vielleicht auch mit der Kettensägen-Attrappe. ron
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