Vignette Roulette So austauschbar sind die meisten Werbespots

Donnerstag, 24. Juli 2014
Die unterhaltsame Onlineanwendung nimmt Vignettenspots aufs Korn
Die unterhaltsame Onlineanwendung nimmt Vignettenspots aufs Korn

Grey Berlin unterstützt HORIZONT.NET im Kampf gegen langweilige Vignettenspots: Inspiriert von einem redaktionellen Beitrag, in dem wir bereits vor einigen Monaten festgestellt haben, dass die meisten Werbespots zunehmend austauschbar sind, hat die Agentur jetzt eine sehr unterhaltsame Onlineanwendung zu diesem Thema entwickelt. Vignette Roulette zeigt mehr als deutlich, dass viele renommierte Markenartikler in ihren TV-Kampagnen freiwillig den Weg der vollkommenen Beliebigkeit beschreiten, indem sie eine möglichst breite Palette zusammenhangloser Bilder mit emotionalen Momentaufnahmen, einem empathischen Off-Sprecher und stimmungsvoller Hintergrundmusik mixen. Bei der Onlineanwendung können Bild und Ton von unterschiedlichen Vignetten-Filmen ausgetauscht und gemischt werden. Die Erkenntnis: Alles passt verblüffend gut zueinander. Mehr noch: Das Zufallsergebnis macht oft mehr Sinn als das Original. Bei Grey Berlin sind Digital Director Achim Weber und Creative Director Jan Lucas verantwortlich für Idee und Entwicklung von Vignette Roulette.

Zweifellos gibt es kaum einen gestandenen Werber, der noch nie einen Vignettenfilm gemacht hat - die Kreativen von Grey Berlin nicht ausgenommen. Nichtsdestrotz sollte man das Thema durchaus immer wieder kritisch diskutieren, glauben die Managing Directors der Agentur Matthias Meusel und Oliver Handlos. "Solche Vignetten-Filme zeigen immer alles und jeden und damit am Ende nichts. Das ist wie Pizza Döner-Hawaii und Sushi on top mit der Geschmacksrichtung Süßsauerscharf", so die Meinung der beiden.

Aber warum werden sie dann gemacht? Auch dafür geben Meusel und Handlos eine plausible Erklärung: "Nichts verkauft sich dem Kunden einfacher, nichts kann der Kunde nach innen einfacher verkaufen. Einen typischen Vignetten-Film kann sich jeder vorstellen, da ihn jeder genau so schon mal gesehen hat. Das gibt Sicherheit. Und Sicherheit wird größer denn je geschrieben. Neue Filmideen hingegen kann man kaum verkaufen. Warum? Weil sie neu sind und sich wenige vorstellen können wie die Filme am Ende aussehen."

Bei einem Vignetten-Film kann man jede mögliche Zielgruppe zeigen, jede Aktivität, jeden Gemütszustand. Man kann "frech jugendlich" sein und gleichzeitig "wir sind auch seriös" ausdrücken. Ein Rundumsorglospaket also, bei dem Pitch-Berater oft anerkennend nicken und alle Haken im Kampagnen-Anforderungsprofil setzen. Einziges Problem: Solche Filme wehen geräuschlos am Zuschauer vorbei und in Cannes lässt sich damit garantiert auch kein Filmlöwe gewinnen.

Grey Berlin glaubt, dass die Saat für solche Vignetten-Filme meist schon in der ersten Kampagnenpräsentation ausgebracht wird: Man macht einen elaborierten Mood-Film aus Youtube-Clip-Schnipseln und legt Gänsehautmusik und einen Gänsehautsprecher darüber, der prätentiös die Fundamentalfragen der Welt beantwortet: "Was wäre die Welt, ohne..."; "Muss ein Auto aussehen wie ein Auto?"; "Was ist Glück?"; "Wenn alle nein sagen, braucht es jemanden der ja sagt!"; "Wer sagt, dass Du es nicht kannst..."

Was am Ende hängen bleibt, ist soviel wie nach der Betrachtung des Bildschirmschoners. Austauschbare Vignetten-Filme sind einfallslos, mutlos und Geldverschwendung. Eine verpasste Chance, eine eigenständige Botschaft zu erzählen, die dem Zuschauer nicht 30 Sekunden stiehlt, sondern 30 Sekunden schenkt. bu
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