Valtech-Manager Tüben und Keller "Lautsprecher gibt es schon genug"

Montag, 28. August 2017
Valtech-Manager Markus Keller (l.) und Uwe Tüben
Valtech-Manager Markus Keller (l.) und Uwe Tüben
© Valtech

Valtech ist eine der größten Digitalagenturen in Deutschland. Nach dem Zukauf von People Interactive gehört das Unternehmen fast zu den Top 10 im Ranking - wenn man die zuletzt gemeldeten Zahlen beider Anbieter addiert. Dennoch ist die Firma eigentlich nur Insidern ein Begriff. Im Interview mit HORIZONT reden die beiden Geschäftsführer Uwe Tüben und Markus Keller, zuletzt Co-Chef der von Valtech übernommenen Kölner Agentur People Interactive, wie sie das ändern wollen - und warum sie keine Angst vor Accenture und Co haben.

Herr Keller, Ihre Agentur ist seit Anfang 2017 nicht mehr Teil der JvM-Gruppe, sondern gehört zu Valtech. Was läuft jetzt besser als vorher?
Markus Keller: Unser Verhältnis zu Jung von Matt war immer gut, aber es haben sich kaum Möglichkeiten für gemeinsame Projekte ergeben. Das lag vor allem an uns. Wir haben Anfang 2015 Lufthansa und Deutsche Telekom gewonnen und waren danach sehr viel damit beschäftigt, dieses Wachstum in unserem eigenen Kerngeschäft zu managen. Wir haben uns innerhalb kurzer Zeit verdoppelt. Da bleibt nicht viel Platz für Partnerschaften. Das war jetzt anders. Wir hatten uns gut sortiert und konnten schnell die Zusammenarbeit mit Valtech aufnehmen.

Warum haben Sie es später nicht noch mal mit Jung von Matt probiert?
Keller: Das wollten wir ja. Aber genau dann hat uns Valtech angesprochen. Wir haben sehr schnell gesehen, dass wir perfekt zueinander passen. Wir schließen unsere technologische Lücke, Valtech erweitert seine Kompetenzen in den Bereichen User Experience und Digitales Marketing. Außerdem muss man sagen, dass das Angebot kaufmännisch attraktiv war – übrigens auch für Jung von Matt.

Wie haben denn Ihre Kunden und Mitarbeiter auf den Verkauf reagiert?
Keller: Wenn man eine Firma verkauft, weiß man vorher nie genau, wie die Reaktionen ausfallen. Normalerweise gibt es ja immer ein paar Leute, denen die neue Konstellation nicht passt. Das war hier aber nicht der Fall. Wir haben keinen einzigen Mitarbeiter durch die Übernahme verloren. Auch die Kunden waren ausnahmslos angetan.

Was hat sich für die "alte" Valtech durch die Übernahme verändert?
Uwe Tüben: Für mich persönlich zum Beispiel, dass ich jetzt jeden Morgen überlege, ob ich erst in mein Büro in Düsseldorf fahre oder in unsere neue Kölner Agentur. Wir haben wirklich von Tag eins an angefangen zu integrieren – und zwar operativ auf der Team- und Projektebene. Jede Akquisition, die Valtech macht, führt immer zur vollständigen Verschmelzung. Das gilt auch für den Markennamen. Wir heißen alle Valtech.

Valtech gehört nach dem Zukauf zu den Top 10 im Ranking, ist aber immer noch relativ unbekannt. Wofür steht die Agentur eigentlich?
Tüben: Wir halten nicht viel von starren Kategorisierungen, aber Digitalagentur trifft den Kern dessen, was wir tun, schon ganz gut. Aber natürlich gibt es ein breites Spektrum von Anbietern in diesem Feld. Unser Fokus ist das Thema digitale Geschäftstransformation. Bei uns geht es um qualifizierte und skalierbare Beratung, nicht nur um Fragen, wie man die Conversion optimiert, sondern wie Unternehmen den digitalen Wandel organisieren. Deshalb haben wir auch eine tiefere Wertschöpfung als andere Agenturen.
„Bei uns geht es um qualifizierte und skalierbare Beratung, nicht nur um Fragen, wie man die Conversion optimiert, sondern wie Unternehmen den digitalen Wandel organisieren.“
Uwe Tüben
Dennoch ist Valtech nur Experten ein Begriff. Wie wollen Sie das ändern?
Tüben: Durch dieses Interview (lacht). Im Ernst: Ich bin seit 2013 an Bord. Damals hatten wir 70 Mitarbeiter, heute sind es über 300. Ganz so unbekannt sind wir also nicht. Die Agentur war immer stolz darauf, Innovationsthemen zu bearbeiten. Die Kehrseite der Medaille war, dass sie kaum darüber reden durfte. Heute legen wir bei der Vertragsgestaltung mehr Wert auf Referenzierbarkeit der Projekte. Das führt dazu, dass wir präsenter werden. Aber es geht sicherlich noch mehr.
Keller: Als der Anruf von Valtech kam, musste ich erst mal googeln, wer das ist. Diese Situation ist auch der Firmenkultur geschuldet. Die Führung nimmt sich nicht so wahnsinnig wichtig. Man geht nicht mit allem hausieren. Lautsprecher gibt es in der Branche schon genug. Das gilt hier als unschicklich. Man will lieber seine Arbeit für sich sprechen lassen.

Zwischen Lautsprecher und Gar-nichts-Sagen gibt es aber Abstufungen.
Keller: Als Finanzer bin ich von der Zurückhaltung nicht immer begeistert. Sie kostet uns vielleicht sogar bares Geld, weil wir uns dadurch auf dem Mitarbeitermarkt und im Neugeschäft schwerer tun. Wir profitieren aber von Empfehlungen auf allen Ebenen und sind durch das Ranking durchaus im Relevant Set der Kunden. Wir werden an der Sichtbarkeit von Valtech arbeiten, allerdings ohne unser Understatement aufzugeben.

Beim Thema digitale Transformation konkurrieren Sie mit den großen IT-Beratungen. Sind deren Aktivitäten im Marketing eine Bedrohung oder Belebung für Ihr Geschäft?
Tüben: Beides. Auf der einen Seite ist es gut, dass sich große Beratungshäuser neu ausrichten. Das belebt den Markt. Auf der anderen Seite attackieren die natürlich unser Geschäft. Wir finden aber immer unseren Platz. Unser USP ist, in kurzer Zeit produktive Piloten an den Markt zu bringen. Das können die nicht.

Warum nicht?
Tüben: Weil es in deren Geschäftsmodell nicht zuletzt um Masse geht. Für sie sind Aufgaben nicht interessant, wenn man nicht mindestens 50 bis 60 Leute für die Umsetzung braucht.
Interview: Mehrdad Amirkhizi

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