Urban Nation In Berlin eröffnet ein Museum, das es eigentlich gar nicht geben dürfte

Freitag, 15. September 2017
Martin Whatson gehört zu den angesagtesten Vertretern der Urban Contemporary Art
Martin Whatson gehört zu den angesagtesten Vertretern der Urban Contemporary Art
Foto: Urban Nation
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Berlin Yasha Young Planungszeit Outdoor


Ab morgen ist Berlin um ein kulturelles Wahrzeichen reicher: Nach mehr als drei Jahren Planungszeit eröffnet das Urban Nation Museum for Contemporary Art. Mit an Bord sind die Berliner Agentur Spring Brand Ideas und die Architekten von Graft.

Das Gründerzeitgebäude in der Bülowstraße versteht sich als Zentrale einer weltweiten Bewegung, die bereits seit 2013 dafür kämpft, dass Urban Contemporary Art kulturell eine höhere Wertschätzung erfährt. Seit vier Jahren verwandelt Urban Nation Berliner Fassaden in eine riesige Outdoor-Galerie und verbindet die Menschen über Kunst im städtischen Raum. Beim Lollapalooza-Musikfestival vorige Woche konnte man ebenfalls einige der UN-Kunstwerke bewundern.

Das Museumsgebäude ist ein Kunstwerk für sich
Das Museumsgebäude ist ein Kunstwerk für sich (Bild: Urban Nation)
Eine umfangreiche PR- und Werbekampagne begleitet die Eröffnung des Museums, dass sich weit über die Grenzen des Gebäudes erstreckt: Die gesamte Bülowstraße ist mit Fassaden- und U-Bahn-Bemalung sowie einem Skulpturenpark mit eingebunden. Seit der Gründung von Urban Nation durch die international bekannte Kuratorin Yasha Young ist Marion Heine auch schon mit im Team. Die frühere Kreativchefin von Plantage und heutige Inhaberin der Agentur Spring Brand Ideas hat mit ihrem Team sämtliche Kommunikationsmaßnahmen entwickelt - vom Corporate Design bis hin zur Eröffnungskampagne. Doch wie wirbt man für Kunst und noch dazu für ein Museum, das es laut Young eigentlich gar nicht geben dürfte? – lautet doch ihr Credo: „Kunst ist für jeden da und findet überall statt“. Das Briefing war simpel: „Die Kunst muss für sich selbst sprechen und darf nicht zum Untertitel werden. Sie soll dazu anregen, Fragen zu stellen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.“
Spring Brand Ideas ist unter anderem für die Eröffnungskampagne verantwortlich
Spring Brand Ideas ist unter anderem für die Eröffnungskampagne verantwortlich (Bild: Urban Nation)
Young trägt die künstlerische Verantwortung für das Museum, ihr kaufmännischer Counterpart heißt Christopher Vorwerk. Ermöglicht wurde das Projekt von der Kunst- und Kulturstiftung Berliner Leben, gegründet von dem kommunalen Wohnungsunternehmen Gewobag. Gemeinsam haben sie eine Mission: Urban Art nachhaltig in der Kunstwelt zu verankern und damit einen kulturhistorischen Wert zu schaffen. 

Einzelne Vertreter des Genres wie zum Beispiel Banksy verdienen heute schon mit ihren Werken Millionen. Viele andere müssen hingegen hart um Anerkennung kämpfen. Sie verdienen sich ihr alltägliches Brot häufig mit Projekten für kommerzielle Auftraggeber. Von Nike, Adidas über Converse bis hin zu Deichmann und Oreo: Urban Art ist bei Marken sehr beliebt. Dagegen hat Young auch nichts einzuwenden. Dennoch sieht sie es als ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Künstler nicht von der Werbeindustrie verheizt werden. 

Young betont, dass es nicht darum geht, Street Art aus dem urbanen Raum zu holen und in einen begrenzten Rahmen zu stecken. Vielmehr sei das Museum eine Plattform für das gesamte Genre Urban Art. „Wir unterstützen und fördern Künstler, das Haus ist ein weltweit einzigartiger informativer Hub mit einem pädagogischen Konzept und einer einzigartigen Architektur.“ Letztere stammt von den Berliner Architekten von Graft. Das Besondere an deren Entwurf ist die modulare Wechselfassade des Museums, die selbst zum Kunstwerk wird. Sie dient Künstlern aus der ganzen Welt als Leinwand und wird in regelmäßigen Abständen neu gestaltet. Die Fassadenelemente können anschließend als Ausstellungsstück in die Sammlung des Museums aufgenommen werden.
Yasha Young ist die künstlerische Leiterin von Urban Nation
Yasha Young ist die künstlerische Leiterin von Urban Nation (Bild: Nika Kramer)

Kuratorin Young über den schmalen Grad zwischen Kunst und Kommerz

Viele Werbekreative lassen sich von Street Art inspirieren und Marken arbeiten gerne mit Künstlern aus diesem Genre zusammen. Wo sehen Sie sinnvolle Anknüpfungspunkte, wo muss man klare Grenzen ziehen? 
Die Werbeindustrie hat festgestellt, dass die Reichweite dieser Kunst auf der Straße unschlagbar ist. Tatsächlich ist das eine sehr schwierige Gratwanderung. Es gibt viele Künstler, die Auftragskommunikation machen, um zu überleben. Als Kuratorin sehe ich es als meine Aufgabe, hier Aufklärung zu betreiben. Hat ein Künstler erst mal drei, vier Aufträge von Sportartikelherstellern oder Getränkemarken angenommen, wird es ihm schwerfallen, Anschluss an traditionelle Galerien zu finden. 

Wie lässt sich dieses Dilemma Ihrer Ansicht nach lösen? 
Indem sich beide Seiten gegenseitig erziehen und daran erinnern, dass Urban Contemporary Art einen bleibenden Wert hat, der über eine Werbekampagne hinausgeht. Es ist meine persönliche Mission, Nachhaltigkeit für dieses Genre zu schaffen. Und zwar einerseits als Kuratorin, andererseits aber auch als Mediatorin zwischen diesen beiden Welten: Kunst und Kommerz. 

Wie kann es gelingen, dass ein Künstler nicht durch kommerzielle Auftraggeber verheizt wird? 
Das ist schwierig. Aber es könnte zum Beispiel ein guter Weg sein, wenn eine Marke nicht nur ein einmaliges Honorar an den Künstler zahlt, sondern sich dazu verpflichtet, ihn langfristig zu unterstützen, etwa in Form eines Stipendiums.

Kann man diese Kunstrichtung überhaupt museal einfangen? Schließlich gehört Street Art ja eigentlich auf die Straße.
Sie bleibt ja auch auf der Straße. Die gesamte Bülowstraße wird in das Museumsprojekt mit einbezogen. Ich möchte auch noch einmal zwischen Street Art und Urban Contemporary Art unterscheiden: Letzteres ist der Oberbegriff für Kunst, die ihren Ursprung im urbanen Raum hat. Da ist Street Art nur ein Teil davon. Das Museum als solches muss als Plattform und eine Art Archiv für Urban Art verstanden werden. Es bietet einen Überblick auf die Szene. Das Haus ist ein weltweit einzigartiger informativer Hub. bu

 

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