Trotz Youtube-Boykott WPP erhöht Google-Spendings - und belohnt auch Facebook

Freitag, 08. September 2017
WPP-Chef Martin Sorrell
WPP-Chef Martin Sorrell
Foto: WPP

Die klassischen Medien fallen bei der Platzierung von Werbegeldern weiter hinter die digitalen Anbieter zurück. So wird der weltgrößte Kommunikationskonzern WPP im laufenden Jahr im Auftrag seiner Kunden mehr Werbemilliarden bei Facebook platzieren als beim Zeitungs- und TV-Konzern des Medientycoons Rupert Murdoch, wie WPP-Vorstandschef Martin Sorrell in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche" sagt. Erstaunlicherweise bekommt auch Google deutlich mehr Werbegelder aus dem WPP-Imperium. 
"In diesem Jahr rückt Facebook wahrscheinlich vor dem Murdoch-Imperium an die zweite Stelle auf", sagt Sorrell. Letztes Jahr habe WPP rund 2,25 Milliarden Dollar bei den Murdoch-Unternehmen Fox, Sky und News Corp, aber nur 1,7 Milliarden Dollar bei Facebook investiert, dieses Jahr dürften es bei Facebook weit über zwei Milliarden Dollar werden. Größter Medienkunde seines Unternehmens sei allerdings schon seit einiger Zeit Google, so Sorrell. Dort dürfte WPP dieses Jahr knapp unter sechs Milliarden Dollar investieren, 2016 waren es etwas weniger als fünf Milliarden. Dass WPP seine Google-Spendings so stark erhöht, war nicht abzusehen. Grund ist der Youtube-Boykott. Wegen Problemen bei der Brand Safety und mit Schmuddel-Umfeldern hatten in diesem Jahr viele Unternehmen Googles Video-Plattform boykotiert und ihre Kampagnen zurückgezogen. Darunter waren auch viele Kunden der Group M, die zu WPP gehört. Auch Facebook muss sich seit Monaten mit ähnlichen Vorwürfen vonseiten der Markenartikler auseinandersetzen.

GroupM-Director Adam Smith berichtete noch im Juni von einer "überraschend hohen Anzahl" von Kunden, die ihre Kampagnen entweder eingefroren oder komplett gestoppt hätten. Dabei handele es sich definitiv nicht um einen kurzfristigen Trend. "Es gibt eine substanzielle Anzahl von Werbungtreibenden, die zu ihrem früheren Mediamix zurückkehren", sagte Smith damals. 

Doch am großen Trend in Richtung Digital scheint der Boykott nichts zu ändern. "Das Digitalgeschäft wächst, das traditionelle Mediengeschäft stagniert", sagt Sorrell. Ungeachtet dessen gingen aber immer noch rund 40 Prozent der weltweiten Werbegelder an die Fernsehanstalten. "Stehen die Fernsehanstalten unter Druck? Ja, durchaus. Aber wer 40 Prozent des Marktes ignoriert, der hat ein Problem", mahnte Sorrell. Er räumte auch ein, dass die Werbebranche und sein eigener Konzern derzeit mit großen Herausforderungen zu kämpfen haben: "Könnte 2017 das härteste Jahr seit 2009 werden? Ja, das ist wahr. Aber nur im Hinblick auf die Umsatzentwicklung, nicht bei den Gewinnen", sagte er.

Der britische Konzern hatte erst Ende Juli seine Umsatzprognose gesenkt und rechnet jetzt nur noch mit einem kleinen Wachstum. Im zweiten Quartal hatte WPP dabei weniger umgesetzt als erwartet. Auch in Deutschland machen sinkende Werbegelder den Medien zu schaffen: So hatte der Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 jüngst eingeräumt, dass sich die Werbeeinnahmen im dritten Quartal schlechter entwickelten als erwartet und seine Prognose für den TV-Werbemarkt gesenkt. Konzernchef Thomas Ebeling geht im "Handelsblatt" jedoch von einer spürbaren Verbesserung der Werbeumsätze im Schlussquartal aus und hält die Schwäche im TV-Werbemarkt für "temporär" nicht strukturell".

Pro Sieben Sat 1 Media Zentrale
Bild: Pro Sieben Sat 1

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Um auf das veränderte Fernsehverhalten der Zuschauer zu reagieren, will Ebeling den Konzern umbauen und setzt auf eine neue Struktur mit den drei Säulen Entertainment, TV-Produktion und digitale Geschäfte. Dadurch erhofft sich der Konzernchef Einsparungen. Zudem soll Werbung verstärkt auf den jeweiligen Zuschauer zugeschnitten werden. Für die beiden letztgenannten Säulen sucht ProSieben Partner und Investoren, auch einen möglichen Teilbörsengang schließt der Konzern für die beiden Segmente nicht aus. dpa
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