Syzygy Warum WPP das deutsche Network übernehmen will

Montag, 10. August 2015
Syzygy-Vorstand Marco Seiler freut sich über einen starken Start ins Geschäftsjahr 2015
Syzygy-Vorstand Marco Seiler freut sich über einen starken Start ins Geschäftsjahr 2015

Die internationalen Agenturketten wollen weiterhin in den deutschen Markt investieren. Am vergangenen Freitag überraschte die Londoner WPP-Tochter WPP Jubilee mit einem Übernahmeangebot für das börsennotierte deutsche Network Syzygy.

Von Finanzexperten wurde das Angebot als „nicht sehr attraktiv“ bewertet. Jubilee bietet 9 Euro pro Aktie, am Freitagabend kostete das Papier 8,99 Euro. Der Syzygy-Vorstand um CEO Marco Seiler hat die WPP-Offerte bislang nicht kommentiert. Allerdings dürfte das Übernahme-Angebot relativ überraschend kommen. WPP hält über die Tochter DSBK Acitivate bereits 30 Prozent an der Agentur, hatte sich allerdings bis zum Frühjahr nie aktiv ins Business der international tätigen Internet-Dienstleister eingemischt.

Das änderte sich mit der Hauptversammlung Ende Mai: Dort hatte DSBK dafür gesorgt, dass Aufsichtsrat Strerath abberufen und durch Ralf Hering, Chef der WPP-Tochter Hering Schuppener, ersetzt wurde. Zuvor war die Trennung zwischen Ex-CEO Thomas Strerath und der deutschen, ebenfalls zur WPP zählenden Ogilvy-Gruppe in einen veritablen Rosenkrieg eskaliert. „WPP-Chef Martin Sorrell“, kommentiert ein Agenturchef den Streit zwischen Strerath und Ogilvy off the record, „arbeitet nach der Devise: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. WPP-Offiziere wie Strerath, die zu einer anderen Agentur wechseln, sind für ihn Überläufer – und werden entsprechend behandelt.“
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Das Übernahme-Angebot ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert

1. Es ist ein weiterer Beleg für die Erfolgsstory der von Marco Seiler (HORIZONT-Agenturmann des Jahres 2014) im hessischen Bad Homburg gegründeten Agentur. In den letzten Jahren hat sich Syzygy zu einem der wenigen großen deutschen Digitaldienstleister entwickelt, die mit Niederlassungen in London, Warschau und New York auch international agieren. Für das erste Halbjahr 2015 meldete das Unternehmen einen Umsatz von 27,65 Millionen Euro – eine Steigerung von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Dabei profitiert die Gruppe von Neugeschäftserfolgen aus dem vergangenen Jahr wie BMW Motorrad und Avis, aber auch dem Ausbau bestehender Kundenbeziehungen. Auftraggeber sind Daimler, Jägermeister, O2 und die Telekom. Agenturchef Seiler glaubt, dass sein Team die Umsatzerlöse im laufenden Geschäftsjahr um 20 Prozent steigern kann.

2. Der hiesige Agenturmarkt ist hip. Zumindest aus der Sicht der Network-Agenturen, die schon seit geraumer Zeit auf Einkaufstour sind, wie die Deals mit Heimat (TBWA), Grimm Gallun Holtappels (Lowe), Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (Omnicom-Agentur Rapp) und Hirschen Group (WPP-Network JWT) gezeigt haben.

Ungewöhnlich ist diese Entwicklung, da die Network-Chefs, allen voran WPP-Mastermind Sorrell, sich in den vergangenen Jahren stärker auf wachsstumstarke Märkte außerhalb Europas konzentriert hatten. Nun hat sich unisono die Erkenntnis durchgesetzt, dass der deutsche Werbemarkt zu wichtig ist, um ihn aus Agenturperspektive links liegen zu lassen. Und man hat sich wohl eingestehen müssen, dass man beim Ausbau des Deutschland-Geschäfts  auf Network-fremde Hilfe, den Esprit und das Know-how von inhabergeführten Agenturen, angewiesen ist.


3. Im Falle der beabsichtigten Syzygy-Übernahme kommt ein weiterer Faktor hinzu: Es ist das indirekte Eingeständnis von Sorrell, im Digitalbereich bislang nicht besonders glücklich agiert zu haben. Sicher, es gibt AKQA. Doch vom internationalen Glanz der Marke kann die Berliner Dependance bislang nicht profitieren. Und die WPP-Agentur Geometry, nach eigener Aussage die „Brand Activation Agentur fürs digitale Zeitalter“, hat jüngst Technikchef Frank Wolfram verloren – der wechselte als CEO zur BBDO-Internetagentur Interone.

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