"Spiegel"-Illustrator Edel Rodriguez "Trump ist einfach verrückt"

Freitag, 31. März 2017
Der  45-Jährige Illustrator Edel Rodriguez kam im Alter von 9 Jahren als politischer Flüchtling aus Kuba in die USA
Der 45-Jährige Illustrator Edel Rodriguez kam im Alter von 9 Jahren als politischer Flüchtling aus Kuba in die USA
Foto: Edel Rodriguez

Mit seinen Cover-Illustrationen für das „Time Magazine“ und den „Spiegel“ löste der kubanisch-amerikanische Illustrator Edel Rodriguez in den vergangenen Monaten kontroverse Reaktionen aus. 21 Beschwerden gingen deshalb beim deutschen Presserat ein, der erst vorige Woche entschieden hatte, dass die Einsprüche unbegründet seien. Wie steht der Künstler selbst dazu? HORIZONT hat Rodriguez am Rande der One-Show-Jurymeetings auf Bermuda getroffen und mit ihm über seine politischen Ansichten, Anfeindungen gegen seine Person und die Lage in seiner Heimat USA gesprochen. 

Das „Spiegel“-Cover mit Donald Trump und der geköpften Freiheitsstatue hat sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Die einen fanden es geschmacklos, andere eindrucksvoll. Wurden Sie auch persönlich dafür angegriffen? Diejenigen, die es geschmacklos finden, sollten sich mal fragen, wie viele geschmacklose Dinge Trump bereits getan hat. Ich selbst habe viele positive Reaktionen bekommen. Viele fanden es wirklich gut. Aber klar, es gab natürlich auch einige Drohungen.

Macht Ihnen das Angst? Nein. Sollte es das? Ich kann doch auch nicht einfach den Mund halten! Das geht nicht. Wenn ich eine Idee habe, von der ich überzeugt bin, dann ziehe ich sie durch. Ganz egal, was andere darüber denken. Drohungen halten mich nicht davon ab, meine Meinung zu äußern.

  • 47591.jpeg
  • 47592.jpeg
  • 47593.jpeg
  • 47594.jpeg
  • 47595.jpeg
Wie lautete eigentlich damals das Briefing vom "Spiegel"? Das ist eine ganz lustige Geschichte: Ich arbeite schon eine ganze Weile mit dem „Spiegel“ zusammen und eines Tages fragten sie mich, ob ich nicht etwas zur aktuellen Situation in den USA machen könnte. Ich schickte daraufhin eine Reihe von Entwürfen, aber sie mochten keinen davon. Stattdessen schauten sie sich meine Social-Media-Aktivitäten an und entdeckten dabei ein Bild, dass ich eigentlich nur für mich selbst gezeichnet hatte. Es war im Prinzip genau diese Idee, die wir dann leicht verändert für das Cover übernommen haben. Und plötzlich wurde eine große Sache daraus.

In Deutschland war es ein Riesenthema. Wie haben die Menschen in Ihrer Heimat USA reagiert? Das Cover war freitags zum ersten Mal online zu sehen und samstags hatten die Menschen bereits riesige Plakate daraus gebastelt, mit denen sie zu Anti-Trump-Demonstrationen gingen. Ich finde es schon interessant, dass es uns im digitalen Zeitalter gelungen ist, die Menschen mit einer ganz simplen Illustration derart zu bewegen. Das gefällt mir. 

Sie arbeiten ja auch seit vielen Jahren für das "Time" Magazine. Sehen Sie sich eher als Bild-Journalist oder als Künstler? Ich bin Künstler mit einer Meinung. Natürlich denke ich auch über journalistische Inhalte nach und wie ich eine Story erzählen kann. Aber ich drücke mich gerne über eine metaphorische Ebene aus und bringe Dinge zu Papier, die so eigentlich gar nicht existieren. Das unterscheidet mich von einem Journalisten. 

„Diejenigen, die das Cover geschmacklos finden, sollten sich mal fragen, wie viele geschmacklose Dinge Trump bereits getan hat.“
Edel Rodriguez
Haben Sie dabei eine politische Agenda? Nein. Ich habe eine humanistische Agenda. Mich beeinflussen Themen wie Gleichheit und Menschenrechte, die Beendigung von Kriegen und die Flüchtlingshilfe. Das würde ich aber nicht als politische Agenda bezeichnen. Es sei denn, sie bezeichnen auch Jesus Christus oder Martin Luther King als Politiker mit einer Agenda. Das sind Persönlichkeiten, an denen ich mich orientiere.

Sie kamen selbst im Alter von neun Jahren als politischer Flüchtling in die USA, das Land, das all seinen Bewohnern Freiheit und Demokratie verspricht. Fühlen Sie dort als Exil-Kubaner unter Donald Trump immer noch wohl? Ja, natürlich. Ich würde die Vereinigten Staaten niemals infrage stellen und auch nicht verlassen. Absolut nicht. In diesem Land kann ich tun, was ich will. Selbst die Polizei liebt meine Arbeiten und ermuntert mich in dem, was ich tue. Hier bin ich wirklich frei.


Es gab also keinen beunruhigen Anruf aus dem Trump-Lager nachdem das „Spiegel“-Cover erschienen ist? Nein. Solche Fragen wurde mir schon öfter von Journalisten gestellt. Auch, ob ich Angst habe, dass ich nicht mehr ins Land hineingelassen werde, wenn ich verreise. Ich bin schockiert, dass die Leute überhaupt so weit denken. Wir reden hier von den Vereinigten Staaten! Hier gehört es doch dazu, sich gegen die Regierung aufzulehnen und es gibt weiß Gott viele Menschen, die viel extremer sind als ich. Nehmen Sie beispielsweise die Zeitungs- und Fernsehjournalisten: Sie stellen die Regierung ganz direkt infrage. Und das ist auch völlig in Ordnung so.In den USA gibt es zum Glück noch genügend Menschen mit Verantwortung und Einfluss, die eine andere Meinung haben als Trump. Die kümmern sich schon darum, dass er nicht alle seine verrückten Ideen umsetzen kann. Die Bundesrichter haben zum Beispiel dafür gesorgt, dass der Muslim Ban nach drei Wochen Geschichte war.

„Kraftvolle Illustrationen können eine Diskussion in Fahrt bringen.“
Edel Rodriguez
Sie sind also zuversichtlich, dass die Welt Trump überleben wird? Ja, klar. Wir haben schließlich auch George W. Bush überlebt. Naja, okay. Garantieren kann ich es bei Trump nicht. Bei ihm bleibt immer die latente Gefahr, dass er aus Spaß einen nuklearen Krieg entfesselt. Einfach so. Weil er es kann und beweisen will, dass er mächtiger ist als seine Vorgänger. Trump ist eben einfach verrückt. Aber ich denke, es wird keine fünf Jahre dauern, bis sich in den USA politisch etwas verändern wird. 

Wie sehr kann ein Künstler wie Sie dazu beitragen, dass sich tatsächlich etwas verändert? Kraftvolle Illustrationen können eine Diskussion in Fahrt bringen. Viele Menschen haben unterbewusst ein bestimmtes Gefühl für gewisse Situationen, das sie aber selbst nicht ausdrücken können. Mit meinen Bildern kann es mir gelingen, diese Stimmung einzufangen und das Offensichtliche auf plakative Weise auszudrücken. Im Idealfall rege ich die Menschen damit zum Nachdenken an und ermutige sie, ihren eigenen Standpunkt zu verteidigen und sich womöglich sogar gegen Missstände aufzulehnen.

Woran arbeiten Sie, wenn Sie nicht gerade versuchen, die öffentliche Meinung mit ihren Illustrationen zu beeinflussen? Ich mache sehr viel Auftragsarbeit. Das ist ein Mix aus Editorial, Werbung und der Gestaltung von Buch-Covern. Und dann zeichne ich natürlich auch Sachen für mich selbst. Letztlich beeinflusst sich das alles gegenseitig.

Sie waren gerade Mitglied der Design-Jury beim ADC Global. Wie beurteilen Sie die Illustrationen, die Sie bei diesem Kreativwettbewerb gesehen haben? Es könnte besser sein. Die richtig guten Arbeiten haben gefehlt. Das habe ich auch schon den Organisatoren der Show gesagt. Die müssen ihren Wettbewerb einfach besser promoten. Allerdings ist die Teilnahme an solchen Shows für uns Freelancer sehr teuer. Insofern wird sich daran womöglich nicht allzu viel ändern.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass der „Spiegel“ die von Ihnen illustrierten Cover beim deutschen ADC-Wettbewerb eingereicht hat. Falls dem so ist, stehen die Gewinnchancen sicherlich nicht schlecht. Wie wäre es also im Mai mit einer Reise nach Hamburg? Ich werde mal drüber nachdenken. Zur gleichen Zeit bin ich zum Pictoplasma Festival in Berlin eingeladen. Vielleicht lässt sich das verbinden. 

Die deutsche Kreativszene würde sich sicherlich freuen. Durch Ihre „Spiegel“-Cover sind Sie hierzulande inzwischen recht bekannt. Apropos: Wann kommt das nächste Titelbild aus Ihrer Feder? Es gibt tatsächlich eine ganze Reihe von Ideen, aber dafür steht noch kein Veröffentlichkeitsdatum fest. Aber es wird garantiert noch was kommen. Die Trump-Ära ist schließlich noch nicht zu Ende. bu 

Meist gelesen
stats