Silicon Valley goes Cannes Festival-CEO Phil Thomas über heiße Trends und faule Nationen

Freitag, 13. Juni 2014
Herr der Löwen: Phil Thomas ist der CEO des weltweit größten Kreativfestivals Cannes Lions
Herr der Löwen: Phil Thomas ist der CEO des weltweit größten Kreativfestivals Cannes Lions

Heute fällt der Startschuss für die diesjährigen Cannes Lions - zumindest für den jüngsten Ableger des weltweit größten Kreativfestivals: Das Spin-off Lions Health feiert morgen und übermorgen Premiere. Am Sonntag wird dann die eigentliche Festivalwoche eingeläutet, die inzwischen aus 17 separaten Wettbewerben und einem umfangreichen Kongressprogramm besteht. Im Exklusivinterview mit HORIZONT verrät der CEO der Cannes Lions, wohin die Reise mit dem Festival in den nächsten Jahren gehen soll. Die Cannes Lions haben inzwischen eine Dimension erreicht, die viele als anstrengend empfinden. Vor allem, wenn man ewig anstehen muss, um in ein Seminar zu gelangen von den Preisverleihungen ganz zu schweigen. Wird Cannes langsam zu klein für die Lions? Diese Frage haben wir uns natürlich auch schon gestellt. Zumal andere Veranstaltungen aus ähnlichen Gründen aus Cannes weggegangen sind - der Mobile World Congress etwa, der jetzt in Barcelona stattfindet. Wir werden aber auf absehbare Zeit nicht umziehen. Es gibt einfach wenige Alternativen, die so attraktiv sind wie Cannes und gleichzeitig über so eine Infrastruktur verfügen: Das Grand Audi im Palais du Festival hat 2600 Plätze, hinzu kommen 1300 im Saal Debussy. Das müssen sie woanders erst mal finden.

Trotzdem ist es ärgerlich, wenn Sie einen Festivalpass für 2790 Euro kaufen und dann nicht live bei der Preisverleihung dabei sein können, weil sie keinen Platz im Grand Audi bekommen. Natürlich ist das bedauerlich, deshalb machen wir ja auch eine Live-Schaltung ins Debussy, damit die Leute wenigstens auf diese Weise dabei sein können. Bei den Seminaren haben wir dieses Problem zum Glück nicht: Dort kommt es äußerst selten vor, dass wir die Türen schließen müssen, weil es keine Plätze mehr gibt.

Phil Thomas: Jeder Agenturmitarbeiter, der am Strand ist, während Kreativstars wie David Droga und John Hegarty gemeinsam auf der Bühne stehen, sollte sich einfach nur schämen!“
Noch. Aber Sie wollen ja sicher weiter wachsen? Mit den Lions Health führen Sie jetzt ein Spin-off ein, das zwei Tage vor dem Beginn des Hauptfestivals stattfindet. Was kommt als Nächstes? Wir denken über einiges nach. Wahrscheinlich werden wir Musik als eigene Festivalkategorie etablieren. Aktuell ist das ja noch Teil der Film Lions. Was uns aber noch mehr umtreibt ist der Bereich Data & Insights. Das Wissen, das wir heute aus Daten heraus generieren können, führt oft zu großartigen Ideen. Das wollen wir anerkennen. Deshalb wird es dafür wohl schon nächstes Jahr eine eigene Wettbewerbssparte dafür geben.

Das "Lions Health" feiert in diesem Jahr seine Premiere (Foto: Cannes Lions)
Das "Lions Health" feiert in diesem Jahr seine Premiere (Foto: Cannes Lions)
Wie viele Delegierte erwarten Sie dieses Jahr?
Ich rechne mit einem eher moderaten Wachstum auf rund 12.500 Besucher. Wir spüren den Einfluss der Fußball-WM in Brasilien: Die Besucherzahlen aus Lateinamerika sind spürbar zurückgegangen.

Normalerweise kommen sehr viele Delegierte aus Brasilien. Wenn diese Gruppe nun so viel kleiner ist, woher sind die neuen Besucher? Von überall her. Besonders spannend finde ich, dass ganz neue Zielgruppen dabei sind: Dieses Jahr kommt erstmals eine größere Gruppe aus Silicon Valley. Investoren, Start-ups und Technologen fangen an, sich für das Festival zu interessieren. Das zeigt, wie sehr sich unsere gesamte Branche verändert.

Apropos Silicon Valley: Es gibt Gerüchte, dass Google Interesse am Kauf der Lions bekundet hat. Stimmt das? Zu solchen Gerüchten kann ich nur sagen: Wir gehören seit 2008 zu dem Private-Equity-Unternehmen Top Right Group. Deren Interesse ist es natürlich, dass die Lions wachsen, um sie dann mit Gewinn weiterzuverkaufen. Wir werden also wohl irgendwann verkauft werden. Aber nicht in den nächsten ein oder zwei, sondern eher in drei oder vier Jahren.

Cannes-Besucher werden jedes Jahr mit unzähligen Neuerungen konfrontiert. Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten in diesem Jahr? Abgesehen von den Lions Health gehören die Einführung der Kategorie Product Design sowie die Veränderungen bei den Innovation Lions dazu. Hier haben wir die Präsentation der Shortlist vom Wochenende auf die Wochenmitte verlegt, damit mehr Delegierte die Möglichkeit bekommen, diesen wundervollen Content zu sehen. Außerdem wird es eine modifizierte Ausstellung geben. Denn so toll die Partys und das Kongressprogramm auch sind: Letztlich geht es doch vor allem um die Arbeiten!

Phil Thomas: Wir werden aber auf absehbare Zeit nicht umziehen. Es gibt einfach wenige Alternativen, die so attraktiv sind wie Cannes und gleichzeitig über so eine Infrastruktur verfügen. “
Die besten Arbeiten sind theoretisch überall im Internet zu finden und für das typische Cannes-Flair begnügen sich viele mit den Partys und sparen sich die teure Akkreditierung. Auch die Deutschen sind im Verhältnis zur Größe des Marktes und der Anzahl der Einsendungen als Delegierte eher unterrepräsentiert. Ist das ein Thema für Sie?
Es ist grundsätzlich ein Thema für uns, wenn Leute nach Cannes fahren, sich aber nicht akkreditieren. Über Deutschland machen wir uns da allerdings nicht so große Sorgen: Wir haben jedes Jahr etwa 300 bis 400 Delegierte aus Deutschland. Da sind andere europäische Länder deutlich stärker unterrepräsentiert.

Zum Beispiel? Die Niederländer! Es kommen doppelt so viele Belgier wie Niederländer, obwohl es Nachbarstaaten von ähnlicher Größe sind. Das wollen wir natürlich ändern. Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Korrelation gibt zwischen der aktiven Teilnahme am Festival und dem Gewinnen von Löwen: Aus Belgien kommen nicht nur doppelt so viele Delegierte, sie gewinnen auch doppelt so viele Preise wie die Niederländer.

Nun, für Deutschland stimmt diese Gleichung nicht so ganz. Ich würde mal behaupten, es gibt hierzulande eine Menge Kreative, die Löwen gewinnen, obwohl sie die Seminare und Ausstellung nicht besuchen. Okay, das mag sein. Die Deutschen sind wirklich unglaublich erfolgreich. Aber um noch mal auf diejenigen zu kommen, die sich nicht akkreditieren, aber trotzdem nach Cannes fahren: Jeder Agenturmitarbeiter, der am Strand ist, während Kreativstars wie David Droga und John Hegarty gemeinsam auf der Bühne stehen, sollte sich einfach nur schämen! bu

Das vollständige Interview lesen Sie in HORIZONT 25/2014 vom 12. Juni 2014

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