Sapient Übernahme Matthias Schrader: Erleben wir die nächste Internetblase bei den Digitalagenturen?

Dienstag, 04. November 2014
Würde nicht gegen Maurice Lévy wetten: Matthias Schrader
Würde nicht gegen Maurice Lévy wetten: Matthias Schrader

Der Kauf des Digitaldienstleisters Sapient durch die Werbeholding Publicis erregt Aufsehen in der Agenturbranche. Neben WPP-Chef Sir Martin Sorrell, der den Deal äußerst süffisant kommentiert, meldet sich auch Matthias Schrader zu Wort. In einem Gastbeitrag für HORIZONT Online unterstreicht der CEO von Sinner Schrader die Bedeutung von Digitalinvestitionen für Agenturen, warnt aber gleichzeitig vor einer Internetblase bei den Digitalagenturen.

"Für unglaubliche 3,7 Milliarden Dollar hat am Wochenanfang die französische Werbeholding Publicis die Digitalagentur Sapient Nitro übernommen. In bar. Mit einem Aufschlag von rund 50 Prozent auf den Durchschnittskurs der letzten 30 Tage. Und zu einer Bewertung, die fast dem dreifachen Umsatz von Sapient Nitro entspricht. Das ist noch einmal ein signifikantes Premium zur Bewertung von AKQA beim Kauf durch WPP im Jahr 2012  — und die galt schon als ausgesprochen ambitioniert.

Erleben wir die nächste Internetblase bei den Digitalagenturen?

Ob Publicis den Kaufpreis von Sapient Nitro jemals wieder reinverdienen wird, weiß natürlich heute niemand. Ein Kaufpreis in Höhe des 40-fachen Jahresergebnisses ist, soviel ist klar, eine mutige Wette auf die Zukunft. Immerhin, mit dem Deal hat Maurice Lévy das Blatt aufgedeckt, wie sich die drittgrößte Werbeholding der Welt die Zukunft des Marketings vorstellt.

Erstens: Technology rules.

Trotz einiger größerer (Nitro) und kleinerer Zukäufe liegt die DNA von Sapient in der Technologie. Allein zwei Drittel der weltweiten Sapient-Workforce sind in Indien beheimatet. Die Rekrutierung dieser Softwareentwickler hat sich Publicis mithin fast 300.000 Dollar pro Kopf kosten lassen – auch das ist, insbesondere in diesem Maßstab, rekordverdächtig. Mit dem Zukauf hat Publicis die Fähigkeit erworben, weltweit Technologieprojekte anbieten und liefern zu können. Die großen Marketingaufgaben sind heute nur durch die Verbindung von Kreation und Technologie zu meistern.

Zweitens: Die CMOs werden die digitale Agenda treiben und die Technikbudgets steuern.

Das berühmte Bonmot von Gartner aus dem vorletzten Jahr, dass in 5 Jahren die CMOs höhere IT-Budgets managen würden als die CIOs, wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Denn das ist der Case: über die Einflugschneise belastbarer Beziehungen zu höchsten Marketingentscheidern große digitale Plattformprojekte nicht nur keynoten, sondern auch gleich schlüsselfertig anbieten zu können. Schließlich verschwimmen bei digitalen Projekten zunehmend die Grenzen zwischen Agenturen, Unternehmensberatungen und IT-Dienstleistern. Implementierungshäuser wie Accenture entstauben ihre Powerpoint-Decks aus den New-Economy-Jahren und poolen ihre Services wieder breitbeinig unter den Labeln "Digital" und "Interactive" – sie waren mal nur kurz weg.

„Es geht heute weniger um den Bau von schnittigen Schnellbooten als vielmehr um die Modernisierung der Tankerflotte, für die Agenturen eine kritische Größe brauchen. “
Matthias Schrader

Drittens: Die digitale Transformation hat gerade erst begonnen und die Projektbudgets steigen.

 Digitalinvestitionen waren für viele Marken in den vergangenen Jahren eine Option, heute sind sie durch das völlig veränderte Konsumentenverhalten ein absolutes "Muss". Es geht heute weniger um den Bau von schnittigen Schnellbooten als vielmehr um die Modernisierung der Tankerflotte, für die Agenturen eine kritische Größe brauchen. Es ist kein Zufall, dass aktuell etwa mit Syzygy und SinnerSchrader zwei digitale Großagenturen auch hierzulande mit rund 30 Prozent deutlich stärker organisch wachsen werden als der Durchschnitt im Agenturmarkt. Andere versuchen durch Unternehmenskäufe die dringend benötigte technologische Expertise an Bord zu hieven.

Kurzum, Lévy wettet, dass die digitale Transformation seiner Kunden erst am Anfang steht und Agenturen als Partner der Marketingentscheider technologisch auf Augenhöhe agieren müssen. Mit dem entscheidenen Unterschied, aus dem tiefen Verständnis von Konsumenten und Marke nutzenstiftende wie differenzierende Kundenerlebnisse zu kreieren. Ich wette nicht dagegen." Matthias Schrader

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