Reinhard Siemes "Mein Todfreund, der Alkohol" - Geständnisse eines Werbetexters

Montag, 24. August 2015
ADC-Ehrenmitglied Reinhard Siemes galt zu Lebzeiten als genialer Texter, der kein Blatt vor den Mund nahm
ADC-Ehrenmitglied Reinhard Siemes galt zu Lebzeiten als genialer Texter, der kein Blatt vor den Mund nahm
Foto: Ika Bratuscha

Vor mehr als vier Jahren ist der legendäre Werbetexter Reinhard Siemes gestorben. Jetzt erst veröffentlicht seine letzte Lebensgefährtin Ika Bratuscha seine Memoiren: "Mein Todfreund der Alkohol. 56 Episoden aus dem Leben eines Reklametexters, der auch Trinker war. Und eines Trinkers, der auch Reklametexter war" lautet der Titel des 360 Seiten starken Werkes, das ab Ende August im Verlag AV Edition erhältlich ist.

In dem Buch geht es zuweilen ordentlich zur Sache. Bereits zu Lebzeiten war Reinhard Siemes für seine spitze Zunge und geistreiche Feder bekannt. Als Präsident und langjähriges Vorstandsmitglied des Art Directors Club für Deutschland (ADC) hielt er der Kreativszene gerne in launigen Reden den Spiegel vor. Normalität und Mittelmäßigkeit verachtete er schon als junger Reklametexter und tat es bis zum Tag seines Todes im April 2011. Nächste Woche wäre Siemes 75 geworden. Es hätte ihm sicher gefallen, dass seine Autobiographie just zu diesem besonderen Geburtstag der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Sein literarisches Vermächtnis widmete widmete Siemes seiner langjährigen Lebensgefährtin Ika Bratuscha. Mit ihr lebte das ADC-Ehrenmitglied in seinen letzten fünf Lebensjahren zusammen im slowenischen Rogaska Slatina und in Berlin. Bratuscha sagt heute, sein Tod nach langer, schwerer Krankheit habe sie in eine so tiefe Trauer gestürzt, dass sie zunächst nicht in der Lage gewesen sei, seine Autobiografie zu veröffentlichen. Und doch war es ihr wichtig, dass diese Erinnerungen an ein bewegtes Leben als Werbetexter und Trinker eines Tages das Licht der Welt erblicken.

Der Buchtitel verrät es schon: Es handelt sich hier keineswegs um eine romantische Verklärung der guten alten Zeit und es ist auch kein Lehrbuch eines alten Meisters, kein Ratgeber für nachfolgende Generationen. Siemes’ Buch ist eine Mischung aus Suchtbeichte, Lebensgeschichte und buntem Roman über die Wunderwelt der Werbung. Es ist schonungslos offen, steckt voller Selbstironie und verrät einiges über die großen Agenturen, Kampagnen und Persönlichkeiten, die die deutsche Werbung in den vergangenen fünf Jahrzehnten geprägt haben.

Bei der Veröffentlichung des Buches wurde Bratuscha von Sebastian Turner unterstützt. Der langjährige Scholz & Friends-Chef und heutige Herausgeber des "Tagesspiegel" habe die Kontakte zum Stuttgarter Verlag AV Edition geschaffen, verrät Bratuscha. An Siemes’ Aufzeichnungen seien zuvor auch schon andere interessiert gewesen. Seine frühere Lebensgefährtin erinnert sich jedoch nicht gerade mit einem guten Gefühl an diese Personen, deren Namen sie für sich behält: "Einige Leute aus der Werbung wollten mir dabei helfen, das Buch zu publizieren. Ich schickte ihnen – vertraulich – das Manuskript. Die Hilfe ging leider nicht über die Sensationslust hinaus. Sicher wollten sie wissen, ob und wie sie erwähnt werden, im letzten Werk von Reinhard Siemes, das eventuell eine Fortsetzung seiner legendären Reden sein könnte, die er beim Axel-Springer-Verlag im Rahmen des ADC hielt."

Möglicherweise hat der eine oder andere tatsächlich Grund zur Sorge, dass Siemes’ spitze Feder mehr als vier Jahre nach seinem Tod noch einmal erbarmungslos zusticht und er posthum Unruhe stiftet. Diese Vorstellung hätte den Autor ebenfalls erfreut. Allzu große Sorgen müssen sich frühere Weggefährten jedoch nicht machen: Siemes ist zwar sehr mitteilsam und scheut sich auch nicht davor, Namen zu nennen. Gut gehütete Geheimnisse deckt er jedoch nicht auf – er macht das, wofür er schon zu Lebzeiten bekannt war: Er schimpft auf alle Halbkönner und Mittelmäßigen, die ihm schon immer ein Greuel waren und redet Tacheles über die Branche und seinen Todfreund, den Alkohol. bu
Die Autobiografie von Reinhard Siemes erscheint Ende August im Verlag AV Edition
Die Autobiografie von Reinhard Siemes erscheint Ende August im Verlag AV Edition (Bild: AV Edition)

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