Pikante Kampagne des Umweltministeriums Tinkerbelle-Chef Oliver Oest: "Wir mussten etwas Krasses machen"

Freitag, 21. November 2014
Nicht ganz jugendfrei: Der Spot des Bundesumweltministeriums
Nicht ganz jugendfrei: Der Spot des Bundesumweltministeriums
Foto: BMUB

Poppende Eltern, Zombies und alberne Machos - keine Kampagne wird derzeit so heftig diskutiert wie der Auftritt des Bundesumweltministeriums (BMUB) für den Klimaschutz. Verantwortlich für die Kreation ist die Berliner Agentur Tinkerbelle. Im Gespräch mit HORIZONT Online verrät Geschäftsführer Oliver Oest, wie die Kampagne entstanden ist.
Dass es viele gibt, die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks diese Kampagne nicht zugetraut hätten, dafür hat Oest durchaus Verständnis. "Das Ministerium bat uns um eine frische und überraschende Kampagne, die junge Leute anspricht." Oest wusste von Anfang an: "Sie musste ungewöhnlich und krass sein, damit sie Aufsehen erregt." Kontrovers, und nicht zu schlüpfrig für ein Bundesministerium? "Anfängliche Vorbehalte gab es sicherlich seitens des Ministeriums. Aber große Überzeugungsarbeit mussten wir nicht leisten", erzählt der Agenturchef.
„Anfängliche Vorbehalte gab es sicherlich seitens des Ministeriums. Aber große Überzeugungsarbeit mussten wir nicht leisten.“
Oliver Oest
Tinkerbelle-Geschäftsführer Oliver Oest
Tinkerbelle-Geschäftsführer Oliver Oest (Bild: Agentur)
Ein Schnellschuss wurde es aber nicht. "In den zahlreichen Abstimmungsrunden haben wir sehr viel überlegt, viel verworfen - und sehr viel gelacht." Dem Zufall überlassen wollten Ministerium und Agentur nichts. Deswegen haben sie verschiedene Schnittvarianten im Vorfeld von Verbrauchern durch das Berliner Point-Blank-Institut testen lassen. "Hier wurde zum Beispiel geprüft, bei welcher Version die Testpersonen am meisten lachen", so Oest.

Dass der Geschäftsführer Spaß an dieser Kampagne hatte, merkt man ihm im Gespräch an. Er war bei jedem Dreh (Produktion: Element E, Regie: Georg von Mitzlaff) dabei. Den größten Spaß - so könnten spitze Zungen jetzt behaupten - dürfte er doch bestimmt bei dem Eltern-Tochter-Video gehabt haben?! Nix da! Sein Lieblingsvideo ist der Tankstellen-Spot. "Unser Macho-Darsteller hat sich immer wieder Neues, Verrücktes einfallen lassen, die tollsten Verrenkungen gemacht. Am Ende mussten wir aus über drei Stunden Videomaterial 15 Sekunden auswählen.

Viel Zeit für die Kampagne hatte Tinkerbelle nicht. Das Timing sei "extrem sportlich" gewesen: Vom Briefing, über erste Ideen bis zum Launch des Auftritts vergingen gerade einmal drei Monate.
"Peinlich" (Meedia, Focus), "albern", "sexistisch" - trotz einiger Kritik fällt das Gros der Resonanz sehr positiv aus. Oest und sein Team haben sehr viel Lob und Schulterklopfer bekommen. Witzig fand der Agenturchef eine Gratulationsmail aus Großbritannien: "Eure Arbeit gibt Anlass zur Hoffnung. Deutschland hat ja doch Humor!" Im Internet entwickelten sich die Clips, die ab sofort auch bundesweit im Kino laufen, zu Youtube-Hits, kommen aktuell auf 805.000 (Eltern), 325.000 (Zombies) und 140.000 (Macho) Klicks.

Die Spots sind jedoch nur ein Teil dieser Kampagne. Neben Out-of-Home-Aktionen, Below-the-line-Maßnahmen und Onlinebannern haben die Kommunikationsspezialisten Fairkehr einen großen Teil zu dieser Kampagne beitragen. So hat das Bonner Unternehmen zusammen mit jungen Bloggern Videos ("Blogspots") gedreht, in denen diese unter anderem über ihren nachhaltigen Lebensstil berichten. Die Videos gibt es auf der Kampagnenwebsite zusammen-ist-es-klimaschutz.de.

Zusammen mit Oest ist auf Agenturseite insbesondere Etat-Direktorin Julia Mussgnug für den Auftritt verantwortlich. Tinkerbelle ist seit 2009 für das Bundesumweltministerium tätig. Ihre erste Arbeit war die "Kopf an"-Kampagne, die Autofahrer überzeugen sollte, für Kurzstrecken das Fahrzeug stehen zu lassen. Tinkerbelle und Fairkehr sind Rahmenvertragsagenturen des BMUB.

zusammen ist es klimaschutz 1
Bild: Bundesumweltministerium

Mehr zum Thema

Bundesumweltministerium Zombies und elterlicher Sex als Geheimwaffen für den Klimaschutz

Die Agentur Tinkerbelle wurde 2008 von Oest zusammen mit Jens Auhage und Gordon Schmid gegründet. Sie teilen sich auch heute noch die Geschäftsführung. Kennengelernt haben sich die drei während gemeinsamer Zeiten bei BBDO. Bei Tinkerbelle beschäftigen sie zehn feste Mitarbeiter an den Standorten Berlin und Köln. Zu ihren Hauptkunden gehören neben dem BMUB auch Unilever, die US-Eiskette Ben & Jerry’s, Hama und die Skandia-Versicherung. Die Agentur beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Nachhaltigkeit. jm
Meist gelesen
stats