Phyllis Project Wie Amir Kassaei weibliche Kreative mit Führungspotenzial stärker pushen will

Freitag, 10. Februar 2017
Mithilfe des Phyllis Projects sollen weibliche Kreative auf Führungsaufgaben vorbereitet werden
Mithilfe des Phyllis Projects sollen weibliche Kreative auf Führungsaufgaben vorbereitet werden
Foto: DDB

DDB hat ein weltweites Mentoring-Programm für weibliche Kreative ins Leben gerufen. Mit dem "Phyllis Project" will Amir Kassaei, globaler Kreativchef von DDB Worldwide, junge Frauen dazu ermutigen und sie dabei unterstützen, eine Führungsrolle in dem Agenturnetzwerk zu übernehmen.

Benannt ist das Programm nach der Texterin Phyllis Robinson, die in den 50er Jahren im Team von Bill Bernbach die erste weibliche Chief Copywriterin der Agentur war. Mit ihren Kampagnen für Ohrbach’s, Henry S. Levy and Sons, El Al Airlines und Polaroid verschaffte sie sich Respekt bei den Mad Men ihrer Zeit und ist heute noch Inspiration und Vorbild für weibliche Kreative.

DDB hat zwölf Frauen aus dem Network dazu auserkoren, auf den Spuren von Phyllis zu wandeln. Sie seien diejenigen mit dem größten Talent und Potenzial, künftig Führungsrollen zu übernehmen, sagt Kassaei. Mit dabei sind auch zwei deutsche Kreative: Caroline Beckert und Kristine Holzhausen. Beckert ist Creative Director bei DDB Berlin, wo sie ein rein weibliches Team leitet, das für den Kunden Volkswagen verantwortlich ist. Die 32-Jährige rät Frauen in der Branche zu "mehr Ego". Frauen würden sich häufig selbst unterschätzen und unter Wert verkaufen.
Kristine Holzhausen, Executive Creative Director von DDB Düsseldorf, gilt als eine der Top-Kreativen im Agenturnetzwerk
Kristine Holzhausen, Executive Creative Director von DDB Düsseldorf, gilt als eine der Top-Kreativen im Agenturnetzwerk (Bild: DDB)
Holzhausen hat eine ähnliche Einstellung zu dem Thema. Die 41-Jährige ist Executive Creative Director bei DDB in Düsseldorf. Sie findet es grundsätzlich gut, Aufmerksamkeit für das Gender-Thema zu schaffen. Aber sie will nicht gefördert werden, nur weil sie eine Frau ist. "Ich will wegen meiner kreativen Leistung auffallen und freue mich auch, wenn das entsprechend gewürdigt wird. Gerne auch mit so einem Programm wie dem Phyllis Project." Sie betont, dass der Düsseldorfer DDB-Standort in puncto Gleichberechtigung schon jetzt sehr gut aufgestellt sei. "In unseren Führungskreis-Meetings sind mindestens 50 Prozent weiblich." Wo es ihrer Meinung nach in allen Agenturen Nachholbedarf gibt, ist bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Caroline Beckert, Creative Director von DDB Berlin, ist eine von zwölf weltweit ausgewählten Teilnehmern des Phyllis Project
Caroline Beckert, Creative Director von DDB Berlin, ist eine von zwölf weltweit ausgewählten Teilnehmern des Phyllis Project (Bild: DDB)
Auf globaler Ebene ist die Branche weit entfernt von den 50 Prozent. Laut der Gender-Bewegung "3 %" liegt der Anteil weiblicher Kreativdirektorinnen in den USA bei lediglich 11 Prozent. Als Kat Gordon ihre Initiative 2012 gründete waren es nur 3 Prozent. Daher auch der Name der Organisation, die von zahlreichen Kommunikationsagenturen und Marken wie Adobe, Apple, Google, Bank of America, Morgan Stanley, Pepsico und Twitter unterstützt wird.

Werbe-Pionierinnen

Phyllis Robinson, Jahrgang 1921, ist nicht die einzige Kreative, die im vorigen Jahrhundert Werbegeschichte in den USA geschrieben hat. Die 1886 geborene Helen Lansdowne Resor ging einen ganz ähnlichen Weg. Sie startete ihre Texter-Karriere 1907 bei Procter & Collier, der Inhouse-Agentur von Procter & Gamble. 1908 folgte sie ihrem späteren Ehemann Stanley Resor zu J. Walter Thompson, wo sie die erste weibliche Werbetexterin war. Sie blieb dem Network bis zur Rente treu und war dort zuletzt als Vice President tätig. Nach ihr ist das vor drei Jahren von J. Walter Thompson ins Leben gerufene Helen Lansdowne Resor Scholarship benannt, das jedes Jahr an fünf kreative weibliche Talente aus aller Welt ausgelobt wird.
Die Teilnehmerinnen des Phyllis Project erwartet ein maßgeschneidertes Mentorship-Programm, die Möglichkeit, an globalen Pitches und Projekten mitzuwirken, die Teilnahme an wichtigen Branchenevents wie den Cannes Lions sowie ein Leadership-Ausbildungsprogramm und eine Reihe von Seminaren, die zusammen mit der 3%-Bewegung entwickelt wurden. Ende März ist die Kick-off-Veranstaltung. Außerdem soll es im Rahmen der Cannes Lions ein Event für alle Phyllis-Project-Teilnehmerinnen geben. Dort wird garantiert auch Wendy Clark, die DDB-Chefin von Nordamerika, mit dabei sein und wertvolle Insights aus ihrer Jury-Arbeit teilen. Sie steht dieses Jahr an der Spitze der Glass Lions, die vor zwei Jahren lanciert wurden und dem Thema Diversität gewidmet sind.

Das sagt DDB-Kreativchef Amir Kassaei zu der Initiative:

DDB-Kreativchef Amir Kassaei
DDB-Kreativchef Amir Kassaei (Bild: Matthias Kindler)
Wie kam das Phyllis Project zustande? Wir hatten das Gefühl, dass in unserer Branche und auch darüber hinaus" zwar viel über Gleichberechtigung" und Chancengleichheit geredet "wird, aber niemand wirklich etwas" Konkretes unternimmt. Ganz nach dem Motto „Stop the Bullshit Bingo and Walk the Talk“ sind wir nun aktiv geworden.

Sollte es heute nicht längst selbstverständlich sein, dass Frauen in Agenturen die gleichen Chancen erhalten? Weshalb braucht es extra Quotenregelungen und besondere Förderprogramme? Dieses Programm hat nichts mit Quote zu tun. Wir glauben an Qualität. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass Frauen mit eben dieser Qualität auch in einer sehr offenen und modernen Kultur wie bei DDB Unterstützung und Förderung benötigen, damit sie ihren Weg gehen können. Und genau das machen wir.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich öffentlich für das Gender-Thema stark machen. Weshalb liegt Ihnen gerade das so sehr am Herzen?  Es geht nicht um mich, sondern um die Verantwortung, die ich als globaler Kreativchef der wichtigsten Agenturmarke der Welt habe. Genau wie beim Thema Awards müssen wir beim Thema Frauenförderung und Gleichberechtigung vorneweg marschieren und aufgrund unserer Verantwortung als Erfinder der kreativen Werbung Zeichen setzen, an denen sich die gesamte Industrie orientieren kann. Nicht mehr und nicht weniger.

In der Beschreibung des Phyllis Projects heißt es, bis 2020 sollen 35 Prozent aller Top-Level-Kreativen bei DDB weiblich sein. Warum nicht 50 Prozent? Ganz einfach: Weil wir es ernst meinen und dieses Programm die nächsten Jahre und Jahrzehnte braucht, um das große Ziel zu erreichen. Ich finde 35 Prozent nach drei Jahren einen sehr hohen Anspruch – und wir werden da nicht aufhören und so lange weitermachen, bis wir bei 50 oder sogar eines Tages bei 60 Prozent angekommen sind.

Das Programm ist nach einer Werbe-Ikone aus den 50er Jahren benannt. Welche Frau in der Kommunikationsbranche hat heute für Sie eine Vorbildfunktion? Ich würde sagen Wendy Clark, unser President und CEO von Nordamerika. Sie ist eine herausragende Persönlichkeit mit einem unglaublichen Drive, Leidenschaft, Anspruch und Professionalität. Von ihr können wir Männer alle sehr viel lernen. bu

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