Neuer Mindshare-CEO Hupf „Wollen Geschäftsfeld entdecken, in dem noch keine Agentur tätig ist!“

Montag, 19. Dezember 2016
Wollen hoch hinaus: Mindshare-Geschäftsführer Michael Mülbüsch, Sebastian Hupf, Timucin Guezey und Claus Lass (v.l.)
Wollen hoch hinaus: Mindshare-Geschäftsführer Michael Mülbüsch, Sebastian Hupf, Timucin Guezey und Claus Lass (v.l.)
© Mindshare

2016 war kein gutes Jahr für Mindshare, vor allem die vielen Abgänge im Top-Management schüttelten die Group-M-Agentur kräftig durch. Nun soll alles besser werden. In seinem ersten Interview als Mindshare-CEO sagt Sebastian Hupf: „Wir haben ein unglaubliches Momentum, ich bin selber überrascht, wie viel Eigeninitiative, Wollen und neue Ideen hier gerade in der gesamten Organisation entstehen. Diese Eigendynamik wird uns sehr weit tragen.“

Wie prekär ist die Lage bei Mindshare nach den Abgängen von Christof Baron (heute Pilot), Christian Scholz (Initiative), Holger Thalheimer (PHD) und Michaela Ihlefeld (MEC) wirklich? Mit kapitalem Neugeschäft oder prägnanten Beiträgen in den aktuellen Media-Debatten ist die Agentur 2016 nicht gerade aufgefallen. Andererseits: Das Kerngeschäft läuft sehr stabil, Finanzchef Claus Lass berichtet von einem kräftigen Plus bei Umsatz und Gewinn. Mit dem offiziell noch nicht bestätigten Neukunden 21st Century Fox winkt ein guter Start ins Jahr 2017.

Sebastian Hupf wird CEO bei Mindshare
Bild: Mindshare

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Spannend wird in den nächsten zwölf Monaten vor allem zu sehen sein, wie gut der hoch gehandelte Neu-CEO Sebastian Hupf wirklich ist. Der kam im Mai von der Schwesteragentur MEC und gilt als typischer Vertreter einer neuen Manager-Generation (supervernünftig, betont freundlich, nicht egomanisch). In seinem ersten Interview als Vormann von Mindshare präsentiert er sich als überzeugter Teamplayer - seine drei Geschäftsführer-Kollegen seien genauso wichtig wie er. Zwei davon, nämlich Timucin Guezey und Michael Mülbüsch, kommen von Dentsu Aegis und sind auch erst seit 2015 dabei. Vierter im Bunde ist Claus Lass. Der steht seit 26 Jahren bei Mindshare in Lohn und Brot und sorgt dann doch für etwas Kontinuität auf der obersten Führungsebene.

Christof Baron
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Im März werden die Karten noch einmal neu durchgemischt. Dann nämlich tritt Katja Brandt, lange Jahre erfolgreiche CEO von Vizeum, ihren Posten als CEO DACH an. Brandt gilt als Spitzenkraft mit ausgeprägtem Gestaltungswillen - mal sehen, wie schnell ihre Handschrift bei Mindshare deutlich wird.

"Natürlich spüren wir den Druck, Dinge zu verändern"

Top-Leute weg, im Recma-Ranking hinter Mediaplus zurückgefallen, wenig Neugeschäft - wie prekär ist die Lage bei Mindshare?
Hupf:
Sie zeichnen ein Zerrbild, das mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Mindshare ist ganz zweifellos eine gute und starke Agentur mit sehr stabilen Kundenbeziehungen. Wir haben hier sehr viel Wertvolles in der Agentur, manches davon liegt vielleicht im Keller oder in einem falschen Raum. Genau das werden wir ändern.

Wie sind die Geschäftszahlen für 2016?
Lass:
Die sind viel besser, als Sie offenbar vermuten. Unser Mutterkonzern WPP ist in den vergangenen Jahren währungsbereinigt stets zweistellig gewachsen. Daraus leitet sich natürlich auch eine Erwartungshaltung für Mindshare ab - und der sind wir in diesem Jahr definitiv gerecht geworden. Umsatz und Ertrag sind 2016 deutlich im Plus.

Also alles in bester Ordnung? 
Hupf:
Natürlich spüren wir den Druck, Dinge zu verändern. Wir haben in den vergangenen Monaten wirklich sehr hart daran gearbeitet, die Agentur für die nächsten Jahre richtig aufzustellen. So etwas braucht natürlich Zeit, aber glauben Sie mir: Man merkt heute an allen Ecken und Enden, dass wirklich ein neuer, frischer Wind durch die ganze Organisation weht. Wir haben ein unglaubliches Momentum, ich bin selber überrascht, wie viel Eigeninitiative, Wollen und neue Ideen hier gerade entstehen. Diese Eigendynamik wird uns sehr weit tragen.

Braucht Mindshare keine Media-Stars wie Christof Baron mehr, die das Interesse einer breiten Fachöffentlichkeit auf sich ziehen?
Hupf:
Mindshare hat in der Vergangenheit in der öffentlichen Wahrnehmung stark von Persönlichkeiten gelebt, die alles überstrahlt haben. Ich bin fest überzeugt: Diese Zeiten sind vorbei, nicht nur für Mindshare, sondern generell. Wir sehen eine unserer wichtigsten Aufgaben darin, die Agentur unabhängiger von einzelnen Menschen zu machen. Mindshare ist immer größer als der Einzelne, es geht um die Marke und nicht um einzelne Personen.

Güzey: Mindshare besteht nicht aus zehn oder 20 Mitarbeitern, sondern aus über 250 Experten. International gesehen sind es über 7.000. Und neben uns vier Geschäftsführern gibt es ja auch noch eine zweite, sehr starke  Führungsebene mit einer guten Mischung aus neuen Köpfen und erfahrenen Mindshare-Leuten. Wir sind heute sehr viel agiler als vor einem Jahr.

Im März kommt Ex-Vizeum-Chefin Katja Brandt als CEO DACH zu Mindshare. Wie soll das gehen, mit zwei Chefs?
Hupf:
Katja Brandt und ich haben in unseren Gesprächen festgestellt, dass uns die gleichen Themen wichtig sind und wir uns in allen zentralen Punkten wahnsinnig schnell einig waren. Zwischen uns beiden passt kein Blatt Papier. Katja Brandt wird für alle länderübergreifenden Themen verantwortlich sein und ich für das Geschäft in Deutschland. Und natürlich gibt es bestimmte Übergabepunkte, bei denen wir uns abstimmen.

Wer trifft die Entscheidungen für den deutschen Markt, wenn es um die Besetzung von Führungspositionen, Neugeschäft-Strategie und Pitches geht?
Hupf:
Ich. Das ist zwischen Katja Brandt und mir auch eindeutig geklärt.

Ändert sich etwas an der Positionierung von Mindshare?
Hupf:
Im Kern nicht. Wir haben uns allerdings eine neue Vision gegeben: Wir wollen für unsere Kunden gleichzeitig Fixstern und Pionier sein. Fixstern heißt: Wir haben ein stabiles Kundengeschäft, in dem wir absolut exzellent sein müssen. Da gibt es null Fehler-Toleranz. Daneben möchten wir aber auch diejenigen sein, die gemeinsam mit den Kunden in Felder gehen, die noch nicht perfekt kartographiert sind. Dafür braucht es Mut und Innovationsgeist. Mindshare hatte ja immer schon einen sehr forscherischen Ansatz. Diesen Schatz wollen wir wieder stärker hervorheben - dabei aber weniger abgehoben sein, als wir es in der Vergangenheit an der ein oder anderen Stelle vielleicht waren. Es geht auch darum, Dinge verständlich darzustellen und entscheidungsfähige Vorlagen zu liefern.

Mülbüsch: Das Thema Brillant Basics ist uns extrem wichtig. Wir liefern exzellentes Handwerk, was uns von Kunden und Auditoren auch immer wieder bestätigt wird. Diesen Bereich werden wir auch nie aus den Augen verlieren. Worum es darüber hinaus in Zukunft aber noch stärker gehen wird, ist die Frage: Wo können wir unseren Kunden weiteren Mehrwert bieten, welche neue Businessfelder tun sich auf, in die es sich zu investieren lohnt?

Wie würden Sie das aktuelle Verhältnis zu Group M beschreiben? 
Hupf:
Als freundlich und selbstbewusst. Wir sind alle davon überzeugt, dass es absolut sinnvoll ist, Themen wie Big Data oder Plattform-Technologien zu zentralisieren. Diese Bereiche haben inzwischen eine Größenordnung erreicht, bei der Sie die nötigen Investitionen als Einzelagentur einfach nicht mehr stemmen können. Da gibt es auch keine zwei Meinungen in der Gruppe. Daneben wird bei Group M aber größter Wert auf die Eigenständigkeit der einzelnen Agenturen gelegt. Mindshare muss und soll einen unverwechselbaren Fingerprint haben. Ich halte das für eine ideale Konstellation.

Ist es richtig, dass große Kunden wie Ford immer weniger Lust auf das Werbeinventar der Group-M-Trading-Tochter Xaxis haben? Kippt da gerade etwas weg?
Mülbüsch:
Überhaupt nicht. Xaxis ist ein sehr reifes und stabiles Produkt. Die Kunden nutzen Xaxis und andere Tradingangebote sehr gern, weil sie einfach Effizienz und Effektivität in ihre Mediapläne bringen. Aber natürlich sind sie nicht immer die optimale Lösung. Unser Anspruch ist, die Kunden neutral zu beraten und unsere Angebote stetig zu verbessern. Tatsächlich arbeiten wir in der Gruppe auch an neuen Modellen, die den Kundenanforderungen noch besser gerecht werden. Darüber werden wir auch bald öffentlich sprechen.

Ihre Ziele für 2017?
Hupf:
Ganz konkret: Erstens Neugeschäft ausbauen und Kundenbindung sicherstellen, zweitens Digitalgeschäft stärken und drittens als starke Employer Brand die Mitarbeiter-Eigeninitiative weiter fördern.

Sind neue Units geplant?
Hupf:
Wir haben hier unglaublich gute Leute in der Beratung, die wirklich einen Unterschied machen. Das ist eine der großen Stärken von Mindshare, die wir in Form einer eigenen Unit deutlicher nach außen tragen wollen. Ein anderes Beispiel ist Content Marketing. Das machen wir schon lange und haben eine Vielzahl an erfolgreichen Cases. Da wir bisher keine Dachmarke über diesen Aktivitäten haben, wird das im Markt oft noch nicht entsprechend wahrgenommen. Aber unsere Gedanken gehen auch schon weiter. Unser expliziter Anspruch für 2017 ist: Wir wollen ein Geschäftsfeld entdecken, in dem bisher noch keine Agentur tätig ist. Also echte Pionierarbeit. Genau das muss der Anspruch von Mindshare sein - nämlich wirklich innovativ zu sein und Neues zu schaffen.

Welche Themen werden die Branche im nächsten Jahr besonders beschäftigen?
Guezey: 
Stellen Sie sich einen Baum vor mit all den Innovationen und Trends, die den Markt gerade so umtreiben. Das ist ein ziemlicher Wust mit sehr viel Gebüsch und vielen Früchten. Ich glaube, 2017 wird das Jahr sein, in dem dieser Innovationsbaum einmal richtig geschüttelt wird. Wenn das Fallobst dann am Boden liegt, wird man die wirklich leckeren Früchte wieder deutlicher sehen. Was ich damit sagen will: Die Zeit ist reif, sich viel stärker als bisher zu fokussieren und nicht jedem Trend blind zu folgen. Unsere Aufgabe besteht darin, für jeden Kunden die richtigen Themen zu identifizieren und sie dann auch wirklich auf die Straße zu bringen.

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