Mindestlohn Agenturen streichen Praktikantenstellen - auf Kosten von Quereinsteigern

Montag, 03. November 2014
GPRA-Chef Uwe A. Kohrs sieht vor allem für Quereinsteiger Nachteile
GPRA-Chef Uwe A. Kohrs sieht vor allem für Quereinsteiger Nachteile
Foto: GPRA

Die Große Koalition hat den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde ab 2015 beschlossen, ausgenommen sind nur Pflichtpraktika im Rahmen des Studiums - das hat erhebliche Folgen für die Agenturen. Im Herbstmonitor ermittelte der Gesamtverband Kommunikationsagenturen (GWA), dass 65 Prozent seiner Mitglieder Praktikantenstellen abbauen werden. Sie liegen damit auf einer Linie mit der Gesamtwirtschaft, die je nach Umfrage zum Thema Mindestlohn und Praktikanten einen Rückgang von bis zu 80 Prozent vorhersagt.

Ärgern dürfte das vor allem die Talente, die kein branchenspezifisches Studium absolvieren und dabei Pflichtpraktika bei Agenturen ableisten müssen. "Bewerber, die mithilfe eines Praktikums einfach mal reinschnuppern wollen, ob eine Agentur für sie infrage kommt, werden es in Zukunft schwerer haben", sagt Raphael Paschke, Personalchef bei Kolle Rebbe, der auch in Zukunft eine sechsmonatige Praktikumsdauer für sinnvoll hält, "da die Praktikanten einige Zeit brauchen, um sich einzuarbeiten und die Prozesse in der Agentur kennenzulernen. Bei einem dreimonatigen Praktikum ist es deutlich schwieriger für beide Seiten, ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen."

Das betrifft nach Ansicht von Uwe Kohrs, Präsident der Gesellschaft Public Relations Agenturen (GPRA), vor allem Bachelor-Absolventen, die sich nach ihrem Studium orientieren oder die Zeit bis zum Beginn des Master-Studiums überbrücken wollen. "Vor allem Quereinsteiger wie Geisteswissenschaftler sind zu bedauern. Ihnen wird der Einstieg in die Kommunikationsbranche durch die neue Regelung für Praktika stark erschwert", glaubt Kohrs. Er betont aber auch, dass der Mindestlohn für Praktikanten auch für die Agenturen unangenehme Folgen haben wird: "Wenn nur noch Absolventen kommunikationswissenschaftlicher Studiengänge als Einsteiger zur Verfügung stehen, wird das den Bedarf der Agenturen nicht decken können."
Knapp zwei Drittel der GWA-Agenturen wollen Praktikantenstellen abbauen
Knapp zwei Drittel der GWA-Agenturen wollen Praktikantenstellen abbauen (Bild: GWA)
Ähnlich sieht es Carsten Lange, Vorstandschef der Allianz inhabergeführter Agenturen, der seinen Mitgliedern empfiehlt, weiter Praktikanten zu beschäftigen: "Wir sehen Praktika als guten Weg, junge Menschen für die Agenturwelt zu begeistern. Denn die Anforderungen wachsen und wir brauchen gute Nachwuchs."

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Lange plädiert deshalb sogar für den Mindestlohn - den ein Viertel der GWA-Agenturen als "totalen Irrsinn" bezeichnet: "Wenn Agenturen Praktikanten längerfristig beschäftigen, etwa im Anschluss an ein Studium, sollte das auch angemessen vergütet werden." Die GPRA geht indes einen anderen Weg und versucht mit Bildungsanbietern "Lösungen zu entwickeln, die eine Ausnahmeregelung möglich machen könnten", so Kohrs. ems

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