"Mehr Coolness, weniger Werbung, mehr Verführung" Wie der Kreativstandort Frankfurt sein Image aufpolieren will

Sonntag, 22. Oktober 2017
Frankfurt am Main hat viel zu bieten - nicht nur die schicke Skyline
Frankfurt am Main hat viel zu bieten - nicht nur die schicke Skyline
© Fotolia

In Frankfurt sind die Menschen auf vieles stolz: Auf "Äppelwoi" genauso wie auf "Handkäs' mit Musik", auf das große Kulturangebot, die vielen Museen, die schicke Skyline und auch die florierende Finanzbrache. Bei einem Thema runzeln sie in der Mainmetropole allerdings - anders als in Berlin, Düsseldorf oder Hamburg - die Stirn. Dann nämlich, wenn es um die Kreativwirtschaft und Agenturlandschaft geht.
Die Szene in der Mainmetropole hatte in den vergangenen Jahren ein paar schlechte Nachrichten zu verkraften: Im vergangenen Jahr schloss mit Saatchi & Saatchi eine große internationale Agentur ihren Frankfurter Hauptstandort und verlegte ihn nach Düsseldorf. Kurz darauf stampfte auch Young & Rubicam seine Niederlassung in der hessischen Metropole ein und hält seither nur noch eine kleine Repräsentanz für die in Rhein-Main ansässigen Kunden. Kürzlich gab es eine weitere große Umbaumaßnahme: die Zusammenlegung der beiden Publicis-Marken Leo Burnett und Publicis Pixelpark unter der Führung der beiden Leo-Burnett-Chefs Andrea Albrecht und Andreas Pauli. Zwar bleiben beide Agenturmarken zunächst bestehen, dennoch gilt die Frankfurter Publicis-Dependance schon länger als Sorgenkind. Die Verantwortlichen betonen derweil, dass es sich nicht um einen Schritt aus der Not handelt: „Mit der Zusammenlegung stärken wir einerseits unser Profil als Leadagentur für die Kommunikation deutscher und internationaler Unternehmen und Marken. Zugleich ermöglichen wir es den globalen Kunden von Publicis Pixelpark, in Frankfurt auf die gesamte Bandbreite kreativer Leistungen zuzugreifen“, so Leo-Burnett-CEO Albrecht. Demnach folgt der Schritt der internationalen Strategie der Publicis-Holding, Strukturen zu vereinfachen und Kräfte zu bündeln.
„In der Kommunikation reden wir ständig über Awareness. Daran fehlt es uns in Frankfurt.“
Björn Bremer
Björn Bremer ist seit Sommer 2016 Kreativchef von Ogilvy in Frankfurt
Björn Bremer ist seit Sommer 2016 Kreativchef von Ogilvy in Frankfurt (Bild: Ogilvy & Mather)
Kräfte bündeln ist für die Branche in Rhein-Main grundsätzlich ein gutes Stichwort. Denn nach schwierigen Jahren zuletzt wollen die inhabergeführten genauso wie die verbliebenen Network-Agenturen und das Land Hessen das ramponierte Image des Kreativstandorts Frankfurt aufpolieren. Schließlich will und muss man im Kampf um junge Talente stärker mitmischen, um in Deutschland konkurrenzfähig zu bleiben. Ein Argument, das dabei seit jeher für "Mainhattan" spricht, ist die geografische Lage mitten in Deutschland, die damit verbundenen kurzen Wege und die Anbindung an Deutschlands größten Flughafen. „So schnell wie von Frankfurt aus kommt man nirgendwo sonst zu seinen Kunden“, sagt Claudio Montanini, Inhaber und Geschäftsführer der Kommunikationsagentur PSM&W und Vorstand im Cluster der Kreativwirtschaft in Hessen (CLUK). Der CLUK hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Interessen aller Verbände der Kreativwirtschaft zu vertreten und will das Sprachrohr der Kreativen in Hessen sein. Dazu hat man unter anderem das „CLUK-Sonar“ geschaffen, eine Webplattform zur Vernetzung von Kreativakteuren. 

Das Ziel von Projekten wie dem CLUK ist es, das Selbstbewusstsein der Kreativszene in der Stadt endlich wachzuküssen. Denn genau daran hapert es seit Jahren. „Frankfurt muss seinen latenten Minderwertigkeitskomplex überwinden. Wir können nur gewinnen, wenn wir unsere Stärken souverän und selbstbewusst ausspielen“, so Montanini, der die Richtung im „War for Talents“ vorgibt: „Etwas mehr Coolness, weniger Werbung, mehr Verführung.“ Die Metropole müsse dranbleiben beim Thema bezahlbarer Wohnraum und reizvolle Angebote für Frankfurt-Einsteiger schaffen wie gezielte Praktika in der Kreativwirtschaft – in der Werbeagentur genauso wie im Architekturbüro und dem Games-Studio. 

In die gleiche Kerbe schlägt auch Björn Bremer. Der Kreativgeschäftsführer der WPP-Agentur Ogilvy & Mather in Frankfurt sieht im Brexit nicht nur große Chancen für die Finanzwelt, sondern gerade auch für die Kreativbranche. Denn: Viele große und internationale Unternehmen sitzen in der Mainmetropole und der Region. Nach Frankfurt fliegen die Geschäftsleute aus Amerika und Asien. Eine Agentur wie Cheil entwickelt Kampagnen für den Smartphone-Weltmarktführer Samsung. Das Visual-Effects-Studio Pixomondo gewinnt Oscars und Emmys in Hollywood. Und freilich arbeitet auch Ogilvy von Frankfurt aus für zahlreiche internationale Kunden. 
„Frankfurt muss seinen latenten Minderwertigkeitskomplex überwinden.“
Claudio Montanini
Claudio Montanini ist Präsident des Marketing Club Frankfurt und Vorstand im Cluster der Kreativwirtschaft in Hessen (CLUK)
Claudio Montanini ist Präsident des Marketing Club Frankfurt und Vorstand im Cluster der Kreativwirtschaft in Hessen (CLUK) (Bild: PSM&W)
Doch auch Bremer beklagt, dass die Region viel zu wenig aus ihrem Potenzial mache und es stark an der Außenwirkung krankt: „In der Kommunikation reden wir ständig über Awareness. Und genau daran fehlt es uns hier. Wir vermarkten uns und unseren Standort einfach viel zu bescheiden.“ Als Beispiel führt der Ogilvy-Kreativchef an, dass man in Frankfurt zufrieden mit der Ausrichtung des wichtigen Branchen-Awards GWA Effie sei und deshalb vor fünf Jahren das ADC-Festival wieder nach Hamburg ziehen ließ. „Wenn das mal nicht sagt, dass Kreativität in Frankfurt nicht geschätzt wird“, so Bremer. 

Dennoch gibt es auch Lichtblicke: So sei der Kreativwirtschaftstag, den das hessische Wirtschaftsministerium im Frühjahr erstmals ausgerichtet hat, um der Branche eine zentrale Networking-Plattform zu bieten, ein Ansatz, um eine höhere Awareness für den Kreativstandort zu schaffen. Auch die Erhöhung der Fördermittel durch Minister Tarek Al-Wazir begrüßt der Ogilvy-CCO: „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber nur wenn wir alle gemeinsam auftreten.“ Zur Verdeutlichung: In Hessen arbeiten mehr als 121.900 Menschen in der Kreativwirtschaft. Die über 20.300 Unternehmen erwirtschaften jährlich 12,2 Milliarden Euro. Mit diesen Pfunden will die hiesige Agentur- und Kreativszene in Zukunft wuchern und wieder mehr aus ihren Möglichkeiten machen. Das ist für Claudio Montanini das oberste Ziel. „Wir brauchen den Mut, ohne Wenn und Aber für die Stadt und die Region zu sprechen. Frankfurt is unique. Die Stadt überrascht. Sie hat Momentum. Es gibt eigentlich keine Alternative, nur andere Städte.“ Es wird die Aufgabe einer ganzen Branche sein, diese Werte auch in Präsentationen bei Kunden und im Recruiting gewinnbringend einzusetzen. Damit Frankfurt nicht nur auf seine Bankentürme, Museen und deftigen kulinarischen Errungenschaften stolz sein kann. tt
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