Mediaagenturen Mediacom hat einen neuen Chef: Tino Krause

Montag, 17. Juli 2017
Tino Krause wird der neue starke Mann bei Mediacom
Tino Krause wird der neue starke Mann bei Mediacom
© MEC

HORIZONT spekulierte schon im Februar darüber, jetzt ist es offiziell: Tino Krause löst Paul Remitz als CEO von Mediacom ab - und bestimmt damit ab sofort die Geschicke von Deutschlands größter und mächtigster Mediaagentur. Der Mann ist 39 - und steht für einen tiefgreifenden Kulturwandel.

Die Personalrochade kommt zu einem Zeitpunkt, da Mediacom unter Druck steht wie selten zuvor in seiner Geschichte. Nach dem Verlust des Vorzeigekunden Volkswagen im vergangenen Jahr fragte sich die Branche: Beginnt Mediacom zu wackeln, ist der bisher so übermächtig scheinende Marktführer doch angreifbar? Wie prekär ist die Lage?

Doch so einfach ist es dann eben doch nicht. Unter Remitz gewann Mediacom in den vergangenen Monate eine ganze Reihe von Pitches - die reichen zwar noch nicht ganz aus, um den Verlust des VW-Etats zu kompensieren, wohl aber, um den Ruf als klarer Marktführer zu festigen. Zuletzt legte Remitz sogar ein kleines Meisterwerk hin. Nach VW schien mit Procter & Gamble der nächste Großkunde verloren, die neue OMG-Agentur Hearts & Science galt als sicherer Sieger. Doch dann zauberte Remitz ein Joint Venture mit Pilot aus dem Hut und gewann mit dieser spektakulären Volte den Mega-Pitch.

Dennoch: Blomenkamp und der inzwischen ausgeschiedene Group-M-Deutschland-CEO Matthias Brüll verfolgten schon seit Monaten den Plan, einen neuen Chef bei Mediacom zu installieren. Auch wer es werden sollte, war schon lange klar: Es sollte jemand sein, der für Aufbruch und frisches Denken steht - und der bereits bewiesen hat, erfolgreich eine Mediaagentur führen zu können. Der Name von Brülls und Blomenkamps Wunschkandidat: Tino Krause, der bisherige Kopf von MEC, der zweitgrößten Agentur des Media-Networks.

Was für ein Typ ist Tino Krause?

Neben Florian Adamski, Chef des Omnicom Media Group (OMG), gilt Krause schon seit einer ganzen Weile als der wichtigste Vertreter einer neuen Generation von Mediaagentur-Managern. Beide geben sich im Umgang betont jovial, verzichten auf das Ausstellen der Insignien ihrer Macht und pflegen einen uneitlen Auftritt. In einem bemerkenswerten Interview mit Horizont im März gab Krause sogar seine Handynummer preis: Ich bin immer ansprechbar und freue mich über jeden Anruf.

Was für Krause spricht ist nicht nur seine Bilanz bei MEC, sondern auch der Umstand, dass er von 2006 bis 2013 als Mediachef bei Audi und Telefonica arbeitete. Das passt perfekt zum neuen Mantra der Mediaagenturen, sich als große Kundenversteher zu inszenieren, die viel mehr können, als Mediapläne zu erstellen und bei den Medien-Vermarktern konkurrenzlos gute Preise durchzuboxen.

Was ändert sich jetzt bei Mediacom?

Es ist nicht zu erwarten, dass Krause das klassische Hardcore-Manager-Programm durchzieht: eigene Leute im Unternehmen installieren, bisherige Top-Leute degradieren und die Organisation radikal umbauen. Was all das betrifft, sind in den nächsten Wochen und Monaten wohl eher keine spektakuläre Aktionen zu erwarten.

Viel ändern wird sich aber natürlich dennoch. Krause hat ziemlich klare Vorstellungen und Maxime. Die drei wichtigsten:

Erstens: Maximale Kundenorientierung. Das klingt natürlich zunächst einmal nach dem abgedroschensten Klischee von allen - neun von zehn Agenturmanagern betonen zum Amtsantritt, bei ihnen stünden die Kunden (und, Prio 2, die Mitarbeiter) im Mittelpunkt allen Handelns. Bei Krause steckt aber wohl tatsächlich ein bisschen mehr dahinter. Bei MEC hing die Höhe der Manager-Boni direkt von der Kundenzufriedenheit ab. Der neue Mediacom-Chef hat auch keine Probleme damit, gefühlige Sätze zu sagen wie: Wir müssen als Mediaagentur wieder emphatischer werden, das ist etwas, was mich wirklich umtreibt.“ Oder jetzt nach seiner Ernennung zum Mediacom-CEO: Ich will die Liebe zu den Kunden wieder stärker verankern.“ Die neue Aufgabe gehe er mit Demut“ und sehr viel Freude“ an. Ich möchte gemeinsam mit den 950 Mitarbeitern Geschichte schreiben.“ Dazu gehört auch, die Kundenzufriedenheit bei Mediacom spürbar zu steigern.

Florian Adamski, CEO Omnicom Media Group Germany
Bild: Britta Würzburg

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Zweitens: Krause steht für eine Abkehr von einem Media-Sprech, das kaum noch einer richtig versteht (selbst die meisten CMOs nicht). Statt beim allseits beliebten Buzzword-Bingo mitzuspielen, will Krause mit den Kunden klare Business-Ziele vereinbaren. Allein steht er damit freilich nicht - viele seiner Mediaagentur-Kollegen sehen die Fixierung auf allzu enge und spezifische Media-KPIs mittlerweile als Problem.

Drittens: Eines der drängendsten Probleme, unter dem die Marketingverantwortlichen zunehmend leiden, lautet: Wie will man die Unzahl an Spezialisten und Dienstleister noch halbwegs effizient führen? Worauf es hinausläuft, ist im Grunde klar: Die großen Werbungtreibenden werden sich auf zwei, drei Agenturen konzentrieren, die sie zu ihren zentralen Business-Partnern ausrufen. Dazu kann auch die jeweilige Mediaagentur gehören - muss aber nicht. Krause formulierte schon für MEC den Anspruch, für Kunden wie eine ausgelagerte Marketing-Abteilung“ arbeiten zu wollen. Für diesen ehrgeizigen Anspruch ist eine Agentur wie Mediacom natürlich noch einmal besser geeignet als MEC - die Abteilungen sind größer, das Angebot an Kommunikationsdisziplinen umfangreicher, das Arsenal an Spezialisten üppiger. Wenn das alles noch nicht reicht, kommt ein weiterer Mega-Trend zum Tragen: Man kann ja auch viel stärker als bisher mit anderen Agenturen kooperieren. Auch dafür steht der Name Krause.

Viel Zeit zum Durchschnaufen wird Krause nicht haben. An der Pitch-Front ist einiges zu tun, unter anderem läuft der Telekom-Pitch gerade auf Hochtouren. Die Chancen für Mediacom, den Etat zu verteidigen, sind wohl nicht eben blendend - vorsichtig formuliert.

Was wird jetzt aus Paul Remitz?

Paul Remitz
Paul Remitz
Paul Remitz, das steht außer Frage, zählt zu den Großen seiner Zunft. Acht Jahre lang führte der Mediacom - und sah in dieser Zeit drei Chefs von Group M, drei von Mindshare und vier von MEC kommen und gehen. Acht Jahre sind im Media-Business heute eine sehr, sehr lange Zeit - insofern ist der Wechsel jetzt auch so etwas wie the new normal.

Spannend ist, wie es jetzt mit Remitz weitergeht. Die erste wichtige Meldung lautet: Remitz bleibt dem Unternehmen treu und gründet eine neue Unternehmenseinheit. Die soll sich etablieren als Spezialist füdigitale Business-Transformationen, es geht um konkrete Beratungs- und integrierte Implementierungsangebote aus Daten, Kreation und Touchpoints unter Einbeziehung von Artificial Intelligence, so die offizielle Verlautbarung. Ob die Unit bei Group M oder sogar beim Mutterkonzern WPP aufgehängt sein wird, ist wohl noch offen.

Was ist davon zu halten? Ob daraus wirklich etwas Großes entsteht, wird man sehen müssen, klar aber ist, dass Remitz eine Menge zuzutrauen ist. Die neue Agentur wird klein starten, läuft alles nach Plan wird sie aber schnell auf 60 oder noch mehr Mitarbeiter anschwellen. Remitz ist überzeugt, dass es im Markt eine Lücke gibt zwischen den großen Unternehmensberatungen auf der einen und klassischen Mediaagenturen auf der anderen Seite. Für seine neue Unit sucht Remitz jetzt Spitzenleute aus Bereichen wie Strategie, Technologie, Kreation und Programmatic. Ein solches Beratungsangebot gewissermaßen auf der grünen Wiese und nicht innerhalb der Strukturen einer Großagentur zu entwickeln, hat natürlich seinen besonderen Reiz - und genießt innerhalb des WPP-Networks eine hohe strategische Bedeutung.

Wie offen Remitz für ungewöhnliche, disruptive Lösungen ist, bewies er zuletzt beim Procter-Pitch - dass sich eine Network-Agentur (Mediacom) mit einem deutschen Independent (Pilot) zusammentut und für einen großen Kunden ein Joint Venture gründet, ist ein absolutes Novum und hat in der Branche für entsprechend Aufsehen gesorgt.

Dieses Joint Venture wird Remitz auch nach seinem Rücktritt als Mediacom-CEO zusammen mit seinem Pilot-Kollegen Uli Kramer leiten - die beiden kennen sich seit 1991 und können gut miteinander. Ungewöhnlich aber ist das schon: Krause wird also direkt mit seinem Vorgänger zusammenarbeiten, der den zentralen Mediacom-Kunden Procter & Gamble weiter eigenverantwortlich betreut. Kann so eine Konstellation wirklich funktionieren? Immerhin: Die beiden scheinen sich recht gut zu verstehen. Krause sagt: Paul brennt für Procter, zu akzeptieren, dass er den Kunden weiter führt, war für mich die einfachste Entscheidung der Welt. Damit habe ich überhaupt kein Problem, im Gegenteil.

Welche Rolle spielt Jürgen Blomenkamp?

Jürgen Blomenkamp, Global Investment Chairman GroupM
Jürgen Blomenkamp, Global Investment Chairman GroupM (Bild: Alex Grimm / Getty Images)
Als Matthias Brüll im Mai bekannt gab, von Group M als EMEA-Chef zu MEC zu wechseln, schien klar: Jetzt übernimmt erst einmal Jürgen Blomenkamp. Aber das nur interimistisch - sind die wichtigsten Entscheidungen erst einmal gefällt, bekommt Group M einen neuen Deutschlandchef. Und den, auch das schien klar, sucht Blomenkamp persönlich aus.

Jetzt sieht es so aus, als könnte diese Übergangsphase noch eine ganze Weile andauern. Blomenkamp ist ohnehin seit vielen Jahren die absolut zentrale Figur bei Group M Germany und hat bei den meisten wichtigen Entscheidungen das letzte Wort. Schwer vorzustellen, dass er die operative Führung der Gruppe so bald wieder aus der Hand gibt. Nach all den Wechseln in den vergangenen Monaten (und das waren richtig viele) sind ein bisschen Stabilität und Kontinuität ja auch nicht das Schlechteste. Blomenkamp hat ein eingespieltes Team zur Seite, eine besonders wichtige Rolle soll dabei Karin Ross spielen.

Aber ganz vorbei ist es mit den Personal-Rochaden noch nicht - eine wichtige Entscheidung steht noch an. Und die wird wohl in den nächsten zwei, drei Wochen fallen.

Wie geht es weiter bei MEC?

Nach dem Wechsel von Krause zu Mediacom braucht MEC einen neuen Deutschlandchef. Bei MEC stehen gerade ohnehin tiefgreifende Veränderungen an: Die Agentur fusioniert mit der Group-M-Schwester Maxus, es entsteht ein neues Schwergewicht im Mediaagentur-Business.

Auf globaler Ebene wird gerade mit Hochdruck der Big Bang vorbereitet. Das hat natürlich auch Konsequenzen für Deutschland. Als Top-Favorit für den Chefposten der neuen Agentur, die aus der Zusammenführung von MEC und Maxus entsteht, gilt Sebastian Hupf. Der war 2016 von MEC zu Mindshare gewechselt, reichte dort aber den Staffelstab nach ein paar Monaten an Katja Brandt weiter. Hupf gilt nach Krause wohl nach wie vor als zweiter großer Hoffnungsträger bei Group M Deutschland, es spricht also viel für ihn. Ob es tatsächlich so kommt, wird man in ein paar Wochen wissen. js

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