Martyn Rattle zu Local Planet "Wir wollen die Größe der Firma in 3 Jahren verdoppeln"

Freitag, 22. April 2016
Local Planet-Chef Martyn Rattle versucht 40 Independents unter einen Hut zu bekommen
Local Planet-Chef Martyn Rattle versucht 40 Independents unter einen Hut zu bekommen
Foto: Simon Fessler
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Martyn Rattle Local Planet Vizeum Netzwerkagentur


Er war Chief Client Officer bei Aegis und Mitgründer des Networks Vizeum. Nun ist Martyn Rattle CEO von Local Planet. Das Independent Network positioniert sich als Alternative zu den großen Media Holdings. Wie diese Alternative aussieht, erklärt Rattle im Interview mit HORIZONT Online.

Herr Rattle, Sie kommen aus der Network-Welt, was zieht Sie jetzt zu den Independents? Ja, ich saß sehr lange in den Boards von großen Networks, war Chief Client Officer bei Aegis. Tatsache aber ist, dass ich meine Zeit dort mehr mit dem Addieren von Ausgaben und Ausfüllen von Reports verbrachte als mit den Kunden. Es schien so, als ob ich nur noch in Board-Meetings und Austauschrunden saß. Viel zu viel Arbeitszeit floss in interne Verwaltungsprozesse und es wurde immer schwieriger, überhaupt noch Zeit für die Kundenbetreuung zu finden. Und irgendwann war mir klar, in den großen Networks läuft das überall gleich.

Local Planet
Bild: Pilot

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Es gibt einen sehr ausgeprägten Management Apparat, der  auf interne Vorgänge fokussiert ist und nicht auf die Kunden. Inhabergeführte Independent Agenturen haben eine ganz andere Kultur, sie sind nicht Shareholder- sondern Kundenzentriert - schon allein deshalb, weil es keine externen Anteilseigner, keine Börse und keine Quartalsergebnisse gibt. Meine Vision ist, genau diese Kultur der Independents in ein weltweites Network zu tragen, dann können wir Kunden einen völlig anderen persönlichen  Service anbieten. Und wie stellen Sie sicher, dass Kunden von jeder Agentur im Network dann die Qualität bekommen, die sie von ihrer eigenen gewohnt sind? Wir haben eine sehr detaillierte Bewertungsmatrix entwickelt, mit der wir Agenturen gezielt evaluieren, bevor sie Local Planet Mitglieder und Anteilseigner werden können. Die dabei überprüften Kriterien umfassen das Serviceangebot der Agenturen, das Kundenportfolio, finanzielle Gesundheit, Marktanteil, Wachstum und strategische Ambitionen, Kultur und Geschäftsgebaren. Anhand dieses Bewertungsschemas nehmen wir alle in Frage kommenden unabhängigen Agenturen eines Landes unter die Lupe und picken uns die beste heraus.

Wie unabhängig können unabhängige Agenturen bleiben, wenn sie Teil eines Networks sind? Steht dann nicht auch irgendwann die Gewinnmaximierung im Vordergrund? Die Anteilseigner sind die Agenturen selbst, es gibt keine externen Eigner, die auf uns Einfluss nehmen können. Wir sind alle gleichgestellt, alle Beteiligten sind selbst Unternehmer. Viele haben zuvor in großen Networks gearbeitet und hatten die schwerfälligen Prozesse sowie den hohen Druck seitens der Anteilseigner und innerhalb der Organisationen satt. Unsere Strategie ist nicht die Gewinnmaximierung um jeden Preis. Unsere Strategie ist es, mit dem Konzept von Local Planet Kunden zu gewinnen, die mit der Aufstellung und dem Geschäftsgebaren der Big Networks unzufrieden sind. Wir interessieren uns für die Kunden, für Qualität, wir leben, was wir tun. Wir müssen nicht die größten sein, das ist nicht unser Ziel.

Local Planet CEO Martyn Rattle
Local Planet CEO Martyn Rattle (Bild: Simon Fessler)
Aber Sie wollen schon größer werden? 
Das Anfangsziel war, die Top 20 Werbemärkte zu besetzen. Das ist uns gelungen, wir sind in 40 Ländern präsent und sogar die erste Agenturgruppe mit einem Standbein in Kuba. Ein Markt, der in den nächsten Jahren zunehmend wichtiger werden wird. Wir haben außerdem große Ambitionen in Asien, Afrika und dem Mittleren Osten, um unser Portfolio komplett zu machen. Und natürlich wollen wir auch Europa vollständig erschließen.  Derzeit reiht sich Local Planet auf Rang sieben hinter den großen Networks ein. Und wer weiß, vielleicht sind wir im nächsten Jahr schon auf Platz sechs. Aber die Größe ist für uns eigentlich nicht relevant. Für uns bleibt die Unabhängigkeit der wichtigste Faktor. Echte Unabhängigkeit von den Interessen externer Anteilseigner, von Technologien und Daten sowie von Medienpartnern.

Welche konkreten Wachstumsziele haben Sie sich gesteckt? Wir wollen die Größe der Firma in 3 Jahren verdoppeln. Das ist ein sehr ehrgeiziges, aber realistisches Ziel. Die beteiligten Agenturen gehören zu den am schnellsten wachsenden in ihren jeweiligen Märkten. Die Networks hingegen kämpfen teilweise sogar intern um die immer gleichen Etats. Konkurrierende Networks pitchen um ein und die selben Kunden, die mal hierhin, mal dorthin wechseln – je nachdem, wo sie gerade die besten Konditionen bekommen. Sie befinden sich in einem Verdrängungswettbewerb: Wenn Carat größer wird, wird Mediacom kleiner. Wird Carat kleiner, wird Mindshare etwas größer. Wir peilen ein ganz anderes Klientel an und müssen uns schon allein deshalb an diesem Wettstreit nicht beteiligen. vg

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