Konfuzius sagt "…wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist."

Freitag, 12. Dezember 2014
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)

"Konfuzius sagt" heißt die Kolumne auf HORIZONT Online, in der Gastautor Till Wagner, Chairman bei Jung von Matt/Tonghui in Peking, eine Reihe von Beobachtungen aus dem Reich der Mitte liefert - immer auch aus dem Blickwinkel von dem chinesischen Philosophen Konfuzius, der seit 2500 Jahren die chinesische Gesellschaft und Politik mit seinen zeitlosen Einsichten prägt.

Von Till Wagner

Eine der größten Herausforderungen für die lāowàis (Ausländer) im Reich der Mitte ist sicherlich die Sprache. Chinesisch wird zwar von 1,2 Milliarden Menschen gesprochen, also etwa von einem Fünftel der Menschheit. Es ist damit die meistgesprochene Muttersprache der Welt. Das gilt auch, wenn man berücksichtigt, dass Chinesisch sich in mehrere sehr unterschiedliche Dialekte aufgliedert. Fast alle Chinesen sprechen jedoch die standardisierte Hochsprache oder Putong-hua (früher auch als Mandarin bezeichnet). Unabhängig von einem möglichen Dialekt benutzen alle eine gemeinsame Schrift die vor ca. 4000-5000 Jahren entwickelt wurde. Im Vergleich mit alphabetischen Schriftsystemen kostet ihre Beherrschung natürlich viel mehr Zeit und Mühe.

Ein Beispiel: Chinesische Schulkinder lernen heute ca. 3000 Schriftzeichen in den ersten 6 Schuljahren. Dies genügt zum Lesen von Büchern und Zeitungen. Chinesen, die mehr als 1500 Schriftzeichen beherrschen, gelten nicht als Analphabeten. Gebildete Chinesen beherrschen ca. 6000 Zeichen. Das entspricht modernen Software Programmen für den Computer, die ebenfalls ca. 6000 verschiedene Schriftzeichen enthalten.

Unser Alphabet hat zwar nur 29 Großbuchstaben und 30 Kleinbuchstaben, aber einen echten Vorteil: Wir können neue Wörter erfinden indem wir die Buchstaben neu kombinieren.  Im Jahr 2013 wurden etwa 5000 (!) neue Wörter im Duden aufgenommen. Unter ihnen so schöne wie Arabellion, Flashmob, hartzen, Inklusion und Vollpfosten. Kann man googeln (...). Ein paar von ihnen kennt noch nicht mal mein Autokorrekturprogramm!

Diesen Luxus kennt die chinesische Sprache nicht. Alle neuen Wörter müssen aus den vorhandenen Zeichen, die allesamt immer eine spezifische Bedeutung haben zusammengesetzt werden.

Nicht ganz so einfach! Das Interessante daran: mit einem guten chinesischen Namen kann man oft mehr kommunizieren als mit dem westlichen Original.

Wie zum Beispiel die Agentur mit dem trojanischen Pferd: so wurde aus Jung von Matt in Peking "Rong Ma", das Kriegspferd.

Aus BMW wurde das "edle Pferd", aus Bosch die "kluge Wahl" und aus Continental die "deutsche Pferde-Marke", abgeleitet aus ihrem Logo.

Mercedes, im Volksmund "Da Benchi" hat gleich zwei Bedeutungen. Neben "großer Benz" auch "fährt mit großer Geschwindigkeit".

Der chinesische Name für VW lässt sich mit „beliebt bei den Leuten“ übersetzen. Und DHL in etwa mit "zuverlässig und ordentlich". Noch ein besonders gelungenes Beispiel: die Rückübersetzung von Coca Cola entspricht "lecker und freudvoll".

Was als System erst einmal befremdlich klingt hat gleich zwei große Vorteile: Solche Namen werden erstens allgemein gut angenommen und sind für Chinesen leicht zu merken. Fast noch wichtiger: Anders als die Originale helfen sie eben dabei, die Markenwerte besser zu vermitteln. 

So sehr, dass unser Gründer Jean-Remy von Matt nach unserer chinesischen "Namensgebung" ernsthaft darüber nachgedacht hat, unsere ganze Agentur nach chinesischem Vorbild um zu benennen. Aber so weit muss die Liebe ja nicht gehen.

Zài Jiàn!

韦 纳 贤 Wei Na Xían (a.k.a. Till Wagner)

Till Wagner begann seine Karriere vor genau 30 Jahren bei Ogilvy. Das internationale Network ermöglichte es ihm, Anfang der 90er Jahre für zwei Jahre in Hong Kong zu arbeiten. Dort bekam er auch seinen chinesischen Namen, geschrieben von der Texterlegende CC Tang. Die Rückübersetzung bedeutet in etwa: "Rekrutiert nur die Besten". Als Holger Jung ihn Ende 2011 bat, das erste Büro von Jung von Matt außerhalb von Europa mit auf zu bauen, konnte er nicht nein sagen. Seit Januar 2012 lebt und arbeitet Wagner als Chairman von Jung von Matt/Tonghui in Beijing.

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