Konfuzius sagt "…die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken; sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.“

Freitag, 28. November 2014
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)
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Till Wagner Jung von Matt Beijing China Ogilvy Holger Jung


"Konfuzius sagt" heißt die Kolumne auf HORIZONT Online, in der Gastautor Till Wagner, Chairman bei Jung von Matt/Tonghui in Peking, eine Reihe von Beobachtungen aus dem Reich der Mitte liefert - immer auch aus dem Blickwinkel von dem chinesischen Philosophen Konfuzius, der seit 2500 Jahren die chinesische Gesellschaft und Politik mit seinen zeitlosen Einsichten prägt.
Von Till Wagner Nach fast 3 Jahren in Peking ist es an der Zeit, sich auch mal Luft (sic!) zu machen. Darum habe ich eine Liste von 10 Dingen zusammengestellt, die ich hier vor Ort ändern würde, wenn ich denn könnte. Diese Liste ist zwar subjektiv aber ziemlich repräsentativ. In jedem der Gespräche mit einem der 40.000 in Beijing lebenden Deutschen wird sie mehr oder weniger so bestätigt. Hier also meine Top 10:

1. Viele Chinesen glauben, dass Schleim (oder der Verdacht auf Schleim) sehr ungesund ist. Deswegen spucken sie ihn aus. (Fast) immer und (fast) überall. Man kann sich nicht daran gewöhnen.

2. Der Stau. Na klar, es gibt viel zu viele Autos. Aber das eigentliche Problem ist die Straßenplanung. Beijing hat 5 Ringe. Wann immer man einen überqueren muss (also ständig) steckt man fest. Denn jede dieser Kreuzungen hat eine Ampelanlange, die es nach der Reihe allen erlaubt in alle Richtungen zu fahren. Man steht also eigentlich nur im Stau weil man auf das nächste Grün wartet. Und das kann dauern.

3. Der Smog. Jeder kennt die Horrorgeschichten. Und die meisten sind wahr. Nicht 365 Tage im Jahr, aber sicherlich an einem Viertel.

4. Peking ist eine Wüstenstadt. Es regnet wirklich selten. Aber wenn, liegt alles brach. Denn das Kanalsystem kollabiert jedes Mal. Ein Fortkommen ist dann ohne Amphibienfahrzeug oder Schwimmflügel kaum mehr möglich.

5. Hier zählt der Fußgänger nicht(s). Nicht an einer Ampel. Nicht auf dem Zebrastreifen, nicht mal auf dem Fußgängerweg. Jeder Versuch, dass ändern zu wollen, kann tödlich enden.

6. Grünflächen sind absolute Mangelware. Kaum eine andere Weltstadt hat so wenig Farbe wie Beijing. Daran ändern auch die Kunstblumen am Straßenrand wenig.

7. Die Folge der Ein-Kind-Politik hat dramatische Folgen: Schon heute fehlen etwa 30 Millionen heiratsfähige Frauen. Und es gibt eine unangenehme Anzahl von absolut verzogenen Prinzen und Prinzessinnen, die sich leider auch genau so benehmen.

8. Als Mieter muss man Wasser, Strom und Gas vorab bezahlen. Neigt sich das ein oder andere dem Ende zu, gibt es keine Vorwarnung. Das Licht geht aus. Das Wasser stoppt. Natürlich dann, wenn man es am wenigstens gebrauchen kann.

9. Mit Immobilienspekulation kann man hier reich werden. Viele der Spekulanten lassen deswegen die Wohnungen oft über Jahre hinweg leer stehen. Vermieten ist zu anstrengend. Das treibt die Preise in die Höhe, viele müssen lange pendeln, um bezahlbare Unterkünfte zu finden. Obwohl in der Stadt enormer Leerstand herrscht.

10. Obwohl nirgends auf der Welt mehr Wein getrunken wird als in China, ist die Auswahl bescheiden und die Preise unverschämt. Und dann kommt noch Betrug hinzu. Der Absatz von Laffite ist in China ist etwa doppelt so hoch wie seine Produktionsmenge.

So, jetzt wo das mal raus ist, kann man sich wieder auf die vielen tollen Dinge konzentrieren. Davon dann beim nächsten Mal! Zài Jiàn!

韦 纳 贤 Wei Na Xían (a.k.a. Till Wagner)

Till Wagner begann seine Karriere vor genau 30 Jahren bei Ogilvy. Das internationale Network ermöglichte es ihm, Anfang der 90er Jahre für zwei Jahre in Hong Kong zu arbeiten. Dort bekam er auch seinen chinesischen Namen, geschrieben von der Texterlegende CC Tang. Die Rückübersetzung bedeutet in etwa: "Rekrutiert nur die Besten". Als Holger Jung ihn Ende 2011 bat, das erste Büro von Jung von Matt außerhalb von Europa mit auf zu bauen, konnte er nicht nein sagen. Seit Januar 2012 lebt und arbeitet Wagner als Chairman von Jung von Matt/Tonghui in Beijing.
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