Konfuzius sagt “…Von den Menschen verkannt zu werden, aber sich nicht grämen, ist das nicht die Haltung eines Edlen?”

Freitag, 12. September 2014
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)
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Till Wagner Jung von Matt China HBO Martina Hill Holger Jung


"Konfuzius sagt" heißt die neue Kolumne in HORIZONT.NET, in der Gastautor Till Wagner, Chairman bei Jung von Matt/Tonghui in Peking, eine Reihe von Beobachtungen aus dem Reich der Mitte liefert - immer auch aus dem Blickwinkel von dem chinesischen Philosophen Konfuzius, der seit 2500 Jahren die chinesische Gesellschaft und Politik mit seinen zeitlosen Einsichten prägt.
Von Till Wagner Es ist in China wie im Rest der Welt: Beschränkungen, oder gar Verbote, reizen die Menschen. Ein Beispiel: Im Reich der Mitte gibt für Kinofilme aus dem Rest der Welt eine Quote von maximal 38 Filmen per annum. Trotzdem kennt hier jeder wirklich jeden Blockbuster und hat ihn in der Regel schon vor dem Kinostart in Hollywood gesehen. Gleiches gilt für US TV-Serien. Kaum läuft etwa Games of Thrones IV bei HBO an, bekommt man hier die ganze Staffel. In sehr ordentlicher Qualität, versteht sich. Und beim DVD Händler des Vertrauens für etwa einen Euro.  Mag viele von Ihnen nicht überraschen (bekomme ich doch etwa immer eine Einkaufsliste vor meinen Heimatbesuchen).

Was mich, und Sie vielleicht ebenso, überrascht ist, dass einer der erfolgreichsten TV Serien hier vor Ort "Knallerfrauen" ist. Eine Sat-1-Comedy-Produktion mit Martina Hill in der Hauptrolle. Sie spielt verschiedene Rollen. Eine Angestellte, eine Hausfrau, eine alleinerziehende Mutter pipapo. Der chinesische Titel von Knallerfrauen ist "Diaosi Nüshi". Nüshi bedeutet Dame und "Diaosi" ist eine Art Kunstwort, das in den letzten Jahren sehr populär geworden ist und ein besonderes, soziales Phänomen beschreibt.  Und offenbar hat der Erfolg der Serie auch damit zu tun.

Es wurde von jungen, alleinstehenden Männern erfunden, deren Leben in einer Sackgasse steckt. Sie haben kein Geld, oder sehen vielleicht nicht so hübsch aus, wie sie meinen, dass es für ein erfolgreiches Leben notwendig ist.  Sie haben oft nicht die so wichtigen Verbindungen, keine reiche Familie im Hintergrund; ihre Karriere läuft nicht rund. Deswegen fällt es ihnen auch schwer, eine Frau zu finden. Die braucht es aber um das ultimative Ziel eines jeden Chinesen zu erreichen: eine Familie zu gründen.

Sich selbst einen Diaosi zu nennen, hilft. Denn die Selbstironie nimmt etwas vom gesellschaftlichen Druck. Wenn man zeigt, dass man nur wenig verlieren kann, ist eine Niederlage nur noch halb so schlimm. Und wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt, werden es die anderen hoffentlich ebenso tun.

Das ist gerade in einer Gesellschaft mit extremen Erwartungshaltungen an junge Männer fast schon eine Überlebensformel.  Das Diaosi-Phänomen reflektiert  insofern nicht nur die Kultur der Jugend, sondern auch größere soziale Fragen.

So wird es aufgrund des Ein-Kind-Dogmas schon bald 30 Millionen mehr Männer im heiratsfähigen Alter geben als Frauen. Gute Zeiten für die Diaosi. Und ein Trost für alle, die nicht unbedingt Knallerfrauen sind.

韦 纳 贤 Wei Na Xían (a.k.a. Till Wagner)

Till Wagner begann seine Karriere vor genau 30 Jahren bei Ogilvy. Das internationale Network ermöglichte es ihm, Anfang der 90er Jahre für zwei Jahre in Hong Kong zu arbeiten. Dort bekam er auch seinen chinesischen Namen, geschrieben von der Texterlegende CC Tang. Die Rückübersetzung bedeutet in etwa: "Rekrutiert nur die Besten". Als Holger Jung ihn Ende 2011 bat, das erste Büro von Jung von Matt außerhalb von Europa mit auf zu bauen, konnte er nicht nein sagen. Seit Januar 2012 lebt und arbeitet Wagner als Chairman von Jung von Matt/Tonghui in Beijing.
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