Konfuzius sagt "…Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen"

Freitag, 10. Oktober 2014
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)
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"Konfuzius sagt" heißt die neue Kolumne auf HORIZONT Online, in der Gastautor Till Wagner, Chairman bei Jung von Matt/Tonghui in Peking, eine Reihe von Beobachtungen aus dem Reich der Mitte liefert - immer auch aus dem Blickwinkel von dem chinesischen Philosophen Konfuzius, der seit 2500 Jahren die chinesische Gesellschaft und Politik mit seinen zeitlosen Einsichten prägt.
Von Till Wagner Zensur ist ein politisches Verfahren um Inhalte zu kontrollieren. Das gilt natürlich auch für das Internet. Das Ziel ist es, bestimmte Inhalte entweder zu kontrollieren, im eigenen Sinne zu steuern, oder Inhalte gar komplett zu unterdrücken. Die Reporter ohne Grenzen listen 40 Länder (2013), die das Internet "durchgängig zensieren". Unter ihnen die üblichen Verdächtigen: Burma, Kuba, Nord-Korea, Pakistan, Russland, Saudi-Arabien. Aber auch England und die USA schaffen es auf die unrühmliche  Liste. Und - natürlich - China.

Davon betroffen sind im Reich der Mitte nicht nur Youporn und Co., sondern etwa auch die im Westen führenden Social Marketing Plattformen Facebook, Twitter, YouTube. Gibt es hier nicht.  Selbst Google nur ab und zu. Das führt dazu, dass viele (meiner) China Besucher denken, sie reisen in ein internetfreies, dunkles Reich. Dabei ist das Gegenteil der Fall.

45% aller Chinesen, rund 619 Millionen, nutzen das Internet (also doppelt so viele Menschen, wie es amerikanische Staatsbürger gibt). 81% von ihnen gelangen über ihr Smartphone ins WWW.

QZone, das größte soziale Network in China, hat 625 Millionen aktive Nutzer. Pro Monat. Das sind mehr als 50% von Facebook weltweit.

WeChat, das chinesische Whatsapp, hat 355 Million aktive Nutzer pro Monat. Das sind 79% der globalen Nutzer von Whatsapp.

Youku und Tudou, die chinesischen Varianten von Youtube haben 400 Millionen Nutzer im Monat, dass sind 40% von Youtubes globalen Nutzern.

Auch die chinesische Variante von Paypal, Alipay, kann prahlen: sie hat doppelt so viele Nutzer wie das Original.

300 Millionen Chinesen , das entspricht in etwa allen Einwohner der Euro-Zone, shoppen online. Sie haben in 2013 gut 300 Milliarden Dollar Online ausgegeben. Das entspricht einer Wachstumsrate von 196%. In einem Jahr. Am (e-commerce) stärksten Umsatztag in den USA, dem "Cyberday"  (in 2013 der 2.12.), haben alle dort aktiven Internetanbieter zusammengerechnet nur vergleichsweise bescheidene 2 Milliarden Umsatz erzielen können. Taobao, die chinesische Kombination von eBay und Amazon, macht jedes Jahr den zweifachen Umsatz dieser beiden zusammen. Am berühmten "Single Day" (dem 11.11.) hat Taobao innerhlab von 24 Stunden 6 Milliarden $ Umsatz erzielt. Der Karstadt Konzern macht noch nicht einmal die Hälfte davon. Im Jahr, versteht sich.

Das alles hat seinen Grund: Egal ob App oder E-Commerce: Die chinesischen Anwendungen sind allesamt besser als das Original. Ich kann mit meiner WeChat App mein Taxi bezahlen. Bei Taobao kann ich direkt mit dem Anbieter chatten und den Preis verhandeln. JD, ein anderer riesiger E-Commerce Anbieter, garantiert mir eine Zustellung der Einkäufe binnen 3 Stunden.

Es geht also nicht um schlichtes Kopieren. Den Generalvorwurf. Im Ursprung geht es (wieder einmal) um die konfuzianische Lernmethode, die darauf beruht, dass der Schüler den Meister so gut wie eben möglich zu imitieren versucht. Das Ziel ist aber die Entwicklung eines eigenen Stils. Es geht also nicht um plumpe Fälschungen. Und sich an Marktführern zu messen ist auch nicht verwerflich. Vor allem, wenn der Schüler so besser und größer wird als das Vorbild. Trotz Zensur. Oder gerade deswegen?

韦 纳 贤 Wei Na Xían (a.k.a. Till Wagner)

Till Wagner begann seine Karriere vor genau 30 Jahren bei Ogilvy. Das internationale Network ermöglichte es ihm, Anfang der 90er Jahre für zwei Jahre in Hong Kong zu arbeiten. Dort bekam er auch seinen chinesischen Namen, geschrieben von der Texterlegende CC Tang. Die Rückübersetzung bedeutet in etwa: "Rekrutiert nur die Besten". Als Holger Jung ihn Ende 2011 bat, das erste Büro von Jung von Matt außerhalb von Europa mit auf zu bauen, konnte er nicht nein sagen. Seit Januar 2012 lebt und arbeitet Wagner als Chairman von Jung von Matt/Tonghui in Beijing.
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