Konfuzius sagt "...alle Dunkelheit der Welt kann das Licht einer einzigen Kerze nicht auslöschen“

Freitag, 05. Dezember 2014
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)
Der chinesische Führerschein von Till Wagner (Foto: privat)

"Konfuzius sagt" heißt die Kolumne auf HORIZONT Online, in der Gastautor Till Wagner, Chairman bei Jung von Matt/Tonghui in Peking, eine Reihe von Beobachtungen aus dem Reich der Mitte liefert - immer auch aus dem Blickwinkel von dem chinesischen Philosophen Konfuzius, der seit 2500 Jahren die chinesische Gesellschaft und Politik mit seinen zeitlosen Einsichten prägt.

Nachdem ich in der letzten Folge ordentlich gemeckert habe, es ist Zeit für Wiedergutmachung. Nicht, weil es politisch korrekt wäre. Aber die Liste die positiven Seiten an einem Leben in Peking überragen eindeutig die negativen. Auch deswegen waren die folgenden Top 10 schneller zusammen gestellt als die Flop 10.

1. Das Essen. Absolute Weltklasse. Wirklich. Es gibt alleine 8 sehr unterschiedliche Regionalküchen. Die eine besser als die andere. Meine Favoriten: Hunan (scharf) und Yunnan (schärfer). Wer mich hier besucht hat, geht nie wieder zu einem Chinesen in Deutschland.

2. Rooftop Bars. Wir haben eigentlich weder einen Frühling noch einen Herbst, dafür aber einen sehr langen Sommer. Die lauen Sommerabende verbringt man am schönsten in einer der tausenden Rooftop Bars der Stadt. Es gibt sie überall: auf Hochhäusern, an Seen und in der Altstadt (den Hutongs).

3. Apropos: Die Hutongs. Wortwörtlich: Enge Gassen. Noch enger bebaut. Es gibt noch etwa 3.000 dieser traditionellen Wohnbebauungen in Peking. Hier leben 50% aller Pekinesen. Sie haben unglaublichen Charme, verschwinden aber leider nach und nach. Denn sie müssen neuen Hochhäusern Platz machen.

4. Try and Error. Nirgendwo sonst auf der Welt wird soviel Neues gestartet, wie hier in Peking. Ständig begegnet man neuen Geschäftsideen. Und wer eine Idee hat, findet leicht Investoren. Auf der anderen Seite werden Ideen, die nicht funktionieren, auch schnell wieder begraben. So bleibt Platz für die nächste.

5. Jeder begegnet einem mit sehr viel Respekt. Das führt dazu, dass man sehr viel Freundlichkeit begegnet. Im Restaurant, im Taxi, im Businessalltag. Den Respekt kann man auch verspielen, aber erst einmal gilt: lächeln.

6. Man will hier kein Auto fahren. Aus tausend Gründen. Muss man aber auch nicht. Ein Taxi wartet immer. Und kostet fast nichts. In der (Innen-)Stadt selten über zwei Euro. Die U-Bahn (mit knapp 500 Kilometer Gesamtstrecke) kostet 30 Cent, egal, wie weit man fährt. Eine Busfahrt kostet ab 4 Cent.

7. Man hat immer die Wahl. Man kann sehr teuer essen gehen. Oder (wirklich gut) für 1,50 Euro. Man kann Hermes tragen. Oder einen Maßanzug für 100 Euro.  In der Regel reicht aber eine Shorts. Man kann für 4.000 Euro eine Flasche Laffite kaufen, oder für 30 Cent einen Liter Bier.

8. Nur zwei Jahreszeiten. Die aber dann richtig. Es gibt, wie gesagt, keinen echten Frühling, kein echten Herbst. Dafür einen sehr heißen  und sechs Monate langen Sommer und einen sehr kalten (aber meist ebenso trockenen) Winter. Peking liegt südlicher als Rom...

9. Gerade wenn man, wie ich, auf einem Auto-Etat arbeitet, ist Peking ein Paradies. Hier sieht man SLS, Lamborghinis, Bentleys, Teslas, Rolls Royce und viele andere Exoten. Auf der Straße. Jeden Tag. In allen Farben.

10. Der letzte meiner Favoriten ist kein Chinese. Sondern Japaner. Ist hier aber sehr präsent. Er hört auf den merkwürdigen Namen Uniqlo. Sollte man sich merken. Denn Uniqlo hat sich fest vorgenommen, Zarah und H&M alt aussehen zu lassen. Ist ihnen in Asien schon gelungen. Wer sich selbst überzeugen will ohne einen Kontinentalflug zu buchen, dem sei empfohlen, in Berlin vorbei zu schauen. Dort in der Tauentzienstraße ist der bislang erste und einzige "Slow Fashion"-Store in Deutschland.

Zài Jiàn!

韦 纳 贤 Wei Na Xían (a.k.a. Till Wagner)

Till Wagner begann seine Karriere vor genau 30 Jahren bei Ogilvy. Das internationale Network ermöglichte es ihm, Anfang der 90er Jahre für zwei Jahre in Hong Kong zu arbeiten. Dort bekam er auch seinen chinesischen Namen, geschrieben von der Texterlegende CC Tang. Die Rückübersetzung bedeutet in etwa: "Rekrutiert nur die Besten". Als Holger Jung ihn Ende 2011 bat, das erste Büro von Jung von Matt außerhalb von Europa mit auf zu bauen, konnte er nicht nein sagen. Seit Januar 2012 lebt und arbeitet Wagner als Chairman von Jung von Matt/Tonghui in Beijing.

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