"Kleingeistig", "weltfremd", "nicht radikal genug" Das sagen deutsche Werber zur Cannes Lions Reform

Dienstag, 14. November 2017
Die Reform der Cannes Lions geht vielen nicht weit genug
Die Reform der Cannes Lions geht vielen nicht weit genug
© Cannes Lions

Die französische Werbeholding Publicis gratulierte als erstes zur Cannes Reform. Sie habe fleißig daran mitgewirkt und werde deshalb auch nach Beendigung der Award-Pause wieder aktiv beim weltweit größten Kreativfestival mitwirken. Das werde wie bereits angekündigt allerdings erst 2019 der Fall sein. Nicht alle in der Branche teilen die Begeisterung von Publicis. Gerade hierzulande herrscht bei vielen Skepsis, ob sich tatsächlich maßgeblich etwas verändert wird. HORIZONT Online hat sich in der Branche umgehört und einige Statements eingesammelt.

Guido Heffels, Heimat

Heimat-Chef Guido Heffels
Heimat-Chef Guido Heffels (Bild: Heimat)
Was halten Sie von den angekündigten Veränderungen? Die Reform war abzusehen, doch ist sie kosmetischer Natur. Sie kann leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass in unserer Industrie einiges im Argen liegt. Glauben Sie, dass sich der Spirit des Festivals dadurch ernsthaft ändern wird? Cannes war ja schon immer der Ballermann der Werbeindustrie. Daran werden auch diese Reformen nichts ändern.

„Die Reform war abzusehen, doch ist sie kosmetischer Natur.“
Guido Heffels
Reagiert der Festivalveranstalter damit adäquat auf die Kritik oder nicht? 2018 wird sowieso ein Jahr der Veränderung sein, was derartige Wettbewerbe betrifft. Die Kritik hat die Organisatoren zum Kniefall gezwungen. Eine der Selbstkritik fähige Organisation hätte diese Schritte selber in die Wege geleitet. Ohne diese Entwicklung hätten wir 2018 wohl noch ein paar Kategorien mehr bekommen.

Welche der genannten Reform-Punkte finden Sie besonders gut? Sozialkampagnen gehören in eine eigene Kategorie. Endlich. Ich würde aber noch weiter gehen wollen: sie sollten für keinerlei Ranking relevant sein. Der Begriff „sozial“ täuscht leider nur unschwer darüber hinweg, dass hier mit massivem Eigennutz gewerkelt wird.  Eine Schaltung reicht, das war’s. Erzieltes Spendenvolumen und Einsendegebühren der Agenturen zu Wettbewerben stehen in einem kranken Missverhältnis.

Welchen Stellenwert hat Cannes noch für Sie? Der Mythos Cannes ist in den letzten Jahren stetig gesunken, es gibt einen Haufen Wettbewerbe, die ich für das Selbstverständnis der Branche gesünder und in der Beurteilung von Arbeiten angemessener halte. Weniger überhitzt und neurotisch.

Götz Ulmer, Jung von Matt

Götz Ulmer
Götz Ulmer (Bild: JvM)
Was halten Sie von den angekündigten Veränderungen? Es ist die richtige Richtung, aber leider noch lange nicht konsequent genug. Es fühlt sich an, als ob nur drübergespachtelt wird, statt mal richtig zu entrosten.

Glauben Sie, dass sich der Spirit des Festivals dadurch ernsthaft ändern wird? Nein, dafür ist es nicht radikal genug. Es bleibt das wichtigste Werbefestival, aber andere Awards sind mittlerweile als Kreativfestivals viel wichtiger (z.B. DA&D, One-Show). Alleine das Auswahlverfahren der Juries ist ein immer geldgetriebeneres Verfahren.

„Es fühlt sich an, als ob nur drübergespachtelt wird, statt mal richtig zu entrosten.“
Götz Ulmer
Welche der genannten Reform-Punkte finden Sie besonders gut? Die freien Tickets für Junioren. Allerdings nur für Agenturen, die 15 Arbeiten eingereicht haben. Man riecht leider immer noch, woher da der Wind weht. Mit der freudvollen Unterstützung purer Kreativität hat das leider mal gar nichts zu tun. Kleingeistig für so ein reiches Festival.

Welchen Stellenwert hat Cannes noch für Sie? Es bleibt seit 22 Jahren meine größte Hassliebe in meinem geliebten Beruf.

Amir Kassaei, DDB Worldwide

Amir Kassaei
Amir Kassaei (Bild: DDB)
Ich glaube, dass nicht nur Cannes, sondern mittlerweile fast alle Award Shows (siehe Andy Awards und das Wegfallen aller Kategorien) verstanden haben, dass sie radikal umschwenken müssen, um die Glaubwürdigkeit von Awards und Award Shows wieder herzustellen.
„Es ist ein erster Schritt und ich hoffe, dass mehr und mehr Schritte folgen.“
Amir Kassaei
Vor diesem Hintergrund freut es mich, dass unsere Haltung und unsere Kritik gehört finden. Es ist ein erster Schritt und ich hoffe, dass mehr und mehr Schritte folgen. Auch das Eliminieren von Kreativ-Rankings. Endgültig und für immer.

Stephan Vogel, Ogilvy

Stephan Vogel
Stephan Vogel (Bild: Foto: Mara Moretti)
Cannes ist endlich aufgewacht. Die Zeit der Gier, der Platinum Pässe ist hoffentlich vorbei. Es ist wieder möglich, junge Kreative mitzunehmen, Speaker werden nach Leistung und nicht nach Lobby rekrutiert. Und die endlose Ausdehnung mit Subfestivals wie Health oder Innovation hat auch ein Ende. Ich hoffe, die Hotel-Mafia in Cannes kommt auch zu Bewusstsein und der Dosenbierpreis an der Croisette sinkt unter 10 Euro.

„Die Zeit der Gier, der Platinum Pässe ist hoffentlich vorbei.“
Stephan Vogel

Roland Rudolf, Cheil

Roland Rudolf
Roland Rudolf (Bild: Cheil)
Was halten Sie von den angekündigten Veränderungen? Wenig! „Drastisch“ sieht anders aus. 120 Unterkategorien streichen reicht bei weitem nicht. Bei aktuell über 700 Subkategorien (inklusive Health, Pharma, Entertainment & Innovation) ist die Streichung von 120 Subkategorien nicht viel mehr als Kosmetik, der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Und zu glauben, dass ein paar Eintrittskarten für Junioren die einreichenden Agenturen frohlocken lässt, ist schon etwas weltfremd – zumal alleine die Einreichungskosten für (mindestens) 15 Entries durchaus schon ein nennenswerter finanzieller Posten sind.

Glauben Sie, dass sich der Spirit des Festivals dadurch ernsthaft ändern wird? Nein. Auf keinen Fall. Das sind nur ein paar Stellschrauben. Das haben die Andy’s in den letzten Tagen schon etwas konsequenter angegangen. Da wird eine Arbeit einmal eingereicht und dann Kategorie-übergreifend bewertet. Das hat wenig mit Geldmacherei zu tun und mehr mit der Qualität der Beurteilung.

„Man geht eben nur soweit wie man meint, gehen zu müssen“
Roland Rudolf
Reagiert der Festivalveranstalter damit adäquat auf die Kritik oder nicht? Sicherlich wird auf die Kritik reagiert, allerdings auch nicht weitreichender gedacht und umgesetzt. Da würde noch mehr gehen. Aber man geht eben nur soweit wie man meint, gehen zu müssen. Nicht, dass das wirtschaftliche Fundament noch ins Wackeln gerät.

Welche der genannten Reform-Punkte finden Sie besonders gut? Die separate Beurteilung von Social Kampagnen. Das ist schon lange ein Diskussionspunkt. Ich bin gespannt, wie die Trennschärfe zu CSR formuliert wird.

Welchen Stellenwert hat Cannes noch für Sie? Es gibt andere Award Shows, die auf Grund unserer Positionierung spannender sind. Die Webbys zum Beispiel. 

Wird Cheil weiterhin Sponsor der Lions bleiben? Das wird sich zeigen.

Armin Jochum, Thjnk

Armin Jochum
Armin Jochum
Was halten Sie von den angekündigten Veränderungen? Wir leben in inflationären Zeiten. Die meisten Kreativwettbewerbe haben sich, um Monetarisierung ihres Geschäftsmodells bemüht, über die Jahre in ein ziemlich wahnsinniges und unförmiges Ding verwandelt. Die Reform des bedeutendsten Kreativwettbewerbs der Welt ist deshalb von größter und absolut richtungsweisender Bedeutung. Überzeugt haben mich vor allem Klarheit und Fokus der Maßnahmen.

„Die Reform ist von größter und absolut richtungsweisender Bedeutung.“
Armin Jochum
Welchen Stellenwert hat Cannes noch für Sie? Cannes Löwen sind, trotz aller Bemühungen der anderen Shows, immer noch die härteste Währung in Sachen Kreativität. Ein Cannes-Löwe bleibt. Und strahlt weit über den Tag der Preisverleihung hinaus.

Welche der genannten Reform-Punkte finden Sie besonders gut? Eigentlich ist die Farbe eines Löwen egal. Das neue Punktesystem schafft allerdings eine neue, erfreulich klare Skalierung, die massiv Auswirkung auf Rankings zeigen wird. Am meisten überzeugt mich allerdings die konsequente Separierung von Social Cases - bereits bei der Jurierung. Das verschiebt eine wichtige Achse - und schärft wieder den  Blick für die eigentliche Kategorie. Apropos: die neuen Kategorien sind endlich zeitgemäß, die 5-Tage-Woche gibt Cannes wieder die Würde zurück. 2018 cannes kommen.

Matthias Spaetgens, Scholz & Friends

Matthias Spätgens, Scholz & Friends
Matthias Spätgens, Scholz & Friends (Bild: Scholz & Friends)
Was halten Sie von den angekündigten Veränderungen? Die Fülle an Veränderungen erweckt den Eindruck, dass es die Cannes Lions mit der Erneuerung ernst meinen. In den letzten Jahren ist eine Blase aus immer mehr Wettbewerben, Kategorien und steigenden Gebühren entstanden. Aus dieser Blase entweicht nun Luft. Ein Cannes Löwe ist in unserer Branche eine besondere Währung. Es ist gut, wenn sein Wert wieder steigt.

Glauben Sie, dass sich der Spirit des Festivals dadurch ernsthaft ändern wird? Die Anzahl der Unterkategorien sinkt zwar; gleichzeitig kommen aber wieder neue Hauptkategorien hinzu und die Einsendegebühren wurden noch nicht veröffentlicht. Das Gesamtbild bleibt noch diffus und eine abschließende Bewertung ist schwierig. Auf jeden Fall zeigt sich: der Weckruf von WPP und andere Playern ist angekommen.

„Ein Cannes Löwe ist in unserer Branche eine besondere Währung. Es ist gut, wenn sein Wert wieder steigt.“
Matthias Spätgens
Welche der genannten Reform-Punkte finden Sie besonders gut? Wenn man sich anschaut, dass dieses Jahr eine einzelne Arbeit 29 Löwen gewonnen hat, ist die Begrenzung einer Einreichung auf sechs Kategorien schon beachtlich. Auch die Konzentration auf fünf Tage finde ich erfreulich. In den letzten Jahren hatte man eher das Gefühl, sich in Cannes zu verpassen statt sich zu begegnen.

Welchen Stellenwert hat Cannes noch für Sie? Das Cannes Lions Festival ist die kreative Werbe-Weltmeisterschaft. Darüber wird sogar mal in der F.A.Z. berichtet. Und wer an einem Wettbewerb teilnimmt, strengt sich ein bisschen mehr an. Damit hilft er, die kreative Qualität unserer Branche zu verbessern. Die Cannes Lions können Initialzündung für kreative Karrieren sein und sind ein toller Branchen-Treffpunkt. Es ist gut, dass es das Spektakel gibt.

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