Kampf um Kreativtalente "Der Arschloch-Faktor ist bei großen Agenturen deutlich höher"

Dienstag, 17. Mai 2016
Andreas Liehr, Geschäftsführer von Huth + Wenzel
Andreas Liehr, Geschäftsführer von Huth + Wenzel
Foto: Huth + Wenzel

Sehr viele junge Kreative wollen große Namen wie Jung von Matt, Serviceplan oder Ogilvy im Lebenslauf stehen haben. Im Kampf um den Nachwuchs haben kleine, inhabergeführte Agenturen deswegen oft das Nachsehen. Andreas Liehr, Geschäftsführer der Frankfurter Agentur Huth + Wenzel, will im Interview mit HORIZONT Online eine Lanze für kleine Agenturen brechen und führt aus, dass es nicht immer nur von Vorteil ist, die Dickschiffe in der Branche als Arbeitgeber zu bevorzugen.

Herr Liehr, Jung-von-Matt-Vorstand Thomas Strerath hatte in einem Interview mit der Managementberatung Detecon einen Einblick in die Arbeitskultur seiner Agentur gewährt. Strenge Pünktlichkeitsregeln, wenig Teamarbeit und die Inkaufnahme von sozial unverträglichen Mitarbeitern, sofern diese für kreative Exzellenz sorgen - um nur einige Aspekte zu nennen. Da ist Ihnen eine kleine Hutschnur geplatzt, richtig? Solche Arbeitsweisen halte ich für nicht mehr zeitgemäß. Wir, und das gilt für viele Inhaberagenturen, sind das genaue Gegenteil. Bei uns herrscht eine völlig andere Unternehmenskultur. Bei uns muss man seine Ellenbogen an der Eingangstür abgeben. Teamarbeit steht im Mittelpunkt. Wir wollen, dass die Leute kollegial miteinander umgehen. Einzelkämpfer brauchen wir nicht. Schon bei Einstellungsgesprächen achten wir darauf, dass die Mitarbeiter gut zusammenpassen.

Aber mal ehrlich: Teamarbeit und kollegialer Umgang  - das behauptet doch, von Strerath einmal abgesehen, jede Agentur von sich. Auch die großen. Das sind keine spezifischen Merkmale, die nur für kleine Agenturen gelten. Doch, das glaube ich schon. Bevor ich bei Huth + Wenzel anfing,  habe ich für verschiedene Networks gearbeitet. Aufgrund der vielen Hierarchieebenen muss man dort viel häufiger Ellenbogen zeigen. Der Arschloch-Faktor ist dort deutlich höher.

Welche Gründe gibt es noch, warum kleine Agenturen häufig als potenzieller Arbeitgeber unterschätzt werden? Natürlich gibt es Kreativtalente, die in ihrem Lebenslauf eine große, namhafte Networkagentur haben wollen. Aber die Leute, die sich bei uns bewerben, haben sich bewusst für ein kleines Unternehmen entschieden, weil sie sich wirklich einbringen wollen – und bei uns auch können. Wir haben flachere Hierarchien und kürzere Entscheidungswege. Gerade jüngere, unerfahrenere Mitarbeiter werden deutlich früher in den gesamten Prozess eingebunden. Sie sind keine kleinen Rädchen, die in einem großen Apparat lediglich zuarbeiten dürfen.

Stichwort Work-Life-Balance. Ein oft genannter Begriff, wenn es um die Wahl des Arbeitgebers geht. Inwiefern ist diese bei kleineren Agenturen besser? Schwer zu sagen. Bei uns gibt es gewiss nicht weniger zu tun. Ich glaube einfach, dass der Umgang untereinander menschlicher ist. Wir können individueller auf unsere Mitarbeiter eingehen. Ich kenne alle persönlich. Bei uns gibt es auch viele Teilzeitkollegen. Kleinere Agenturen sind in dieser Hinsicht unkomplizierter.

Wie viele ihrer 35 Mitarbeiter sind in Teilzeit tätig? Aktuell etwa ein Viertel. Das hat in den vergangenen Jahren eindeutig zugenommen. Gute Mitarbeiter lassen sich nicht mit 500 Euro mehr Gehalt locken, sondern indem man ihnen unter anderem flexible Arbeitszeitmodelle ermöglicht.

Gibt es bei Ihnen Goodies wie Massage-Gutscheine oder gratis Pizza? Nein, das haben wir aufgrund unserer Agenturkultur nicht nötig. Bei uns gibt es gratis Kaffee, Bier und Apfelwein. Und wir grillen regelmäßig zusammen.

Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten sind für Absolventen ebenfalls wichtig. Diese sind bei größeren Agenturen doch eher gegeben - schon allein dadurch, dass es viel mehr Managementposten gibt. Das sehe ich nicht so. Ich bin ein gutes Beispiel dafür, dass man auch in einer inhabergeführten Agentur zum Geschäftsführer aufsteigen kann.

Wie oft kommt es bei Ihnen vor, dass gute Mitarbeiter zu großen Agenturen gewechselt sind? Aus den vergangenen Jahren fällt mir kein Beispiel ein. Natürlich haben uns auch Mitarbeiter verlassen. Aber nicht, weil sie zu Networkagenturen gegangen sind. Es passiert eher umgekehrt. Zu uns kommen Leute, die zuvor bei Wettbewerbern wie Ogilvy oder Razorfish gearbeitet haben.

Welche Bedeutung haben Kreativpreise für Huth + Wenzel? Für viele Jungkreative ist die Möglichkeit, mit ihren Ideen Awards gewinnen zu können, ebenfalls ein wichtiges Argument bei der Agenturwahl. Kreativwettbewerbe stehen bei uns nicht im Fokus. Wer sich darauf konzentrieren will, ist bei uns bei der falschen Adresse. Aber ich habe in den letzten Jahren ohnehin beobachtet, dass die Bedeutung von Awards bei Jungkreativen gesunken ist.

Frankfurter Agenturen haben es sogar doppelt schwer, da die Mainmetropole im Gegensatz zu Hamburg oder Berlin nicht gerade als sexy Kreativstandort gilt. Warum sollten Kreative dennoch hierher kommen? Ich selbst stamme auch nicht aus Frankfurt. Als ich frisch von der Uni hier angekommen bin, fand ich es fürchterlich. Es war die Stadt der Banker. Wollte man abends in einen Club, waren Anzug und Lederschuhe Pflicht. Am Mainufer herrschte gähnende Leere. Nach Stationen in Hamburg, Düsseldorf und London kehrte ich vor zehn Jahren wieder hierher zurück. Seitdem bin ich begeistert. Die Stadt hat eine enorme Entwicklung durchgemacht. Sie besitzt nach Berlin die zweitbeste Kulturszene in Deutschland. Und was ich besonders gut finde: Hier kann man alles schnell mit dem Fahrrad erreichen.

Interview: Jessica Becker

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