Jung von Matt "Hier kriegt man nichts geschenkt"

Donnerstag, 07. Juli 2016
Peter Figge, Holger Jung und Thomas Strerath (v.l.)
Peter Figge, Holger Jung und Thomas Strerath (v.l.)
Foto: Olaf Ballnus
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Peter Figge Jung von Matt Thomas Strerath Holger Jung


Zehn Monate nach dem offiziellen Start ist es so weit: Thomas Strerath äußert sich im ersten gemeinsamen Interview mit Co-Chef Peter Figge, flankiert von Mitgründer und Aufsichtsrat Holger Jung, zu seinen Erfahrungen bei Jung von Matt – und skizziert zusammen mit seinem Vorstandskollegen, wo die Reise für die Agenturgruppe hingehen soll. Für ein umfassendes Zwischenfazit ist es laut Strerath zwar noch zu früh. Gleichwohl räumt er ein, dass angesichts der Effie-Affäre und eines verunglückten Interviews zum Thema Arbeitskultur der Start "nicht optimal" war. "Ich habe Fehler gemacht, die ich lieber nicht gemacht hätte", so der Agenturmanager.

Thomas Strerath, Peter Figge und Holger Jung über ...

... die Zwischenbilanz von Thomas Strerath:
Strerath: Ich habe schnell gelernt: Man kriegt hier nichts geschenkt. Den Leuten ist erst mal völlig egal, wer man ist und was man vorher geleistet hat. Wer nichts zum Erfolg der Agentur beiträgt, findet nicht statt, egal auf welcher Hierarchiestufe er steht. Und das gefällt mir. Für eine Zwischenbilanz ist es noch zu früh. Ich weiß, wie lange es dauert, in einer Organisation anzukommen. Aber klar: Die Berichterstattung über das Interview und die Effie-Geschichte waren desaströs, da gibt es nichts zu deuteln. Insofern war der Start natürlich nicht optimal.

Jung: Mit dem Abstand, den ich habe, kann ich über manch angebliche Affäre nur den Kopf schütteln. Mich hat an Thomas’ Start überhaupt nichts irritiert. Hier stehen Menschen an der Spitze, die auch mal quertreiben und polarisieren, nicht solche, die nur im Strom mitschwimmen und bloß nicht auffallen wollen. ... die interne Anerkennung der Führung:
Figge: Ich bin von unserem Team extrem begeistert. Dunkelgrün zu sein bedeutet, voll mitzuziehen. Das sind natürlich nie 100 Prozent, aber wenn es nicht so viele wären, stünden wir nicht da, wo wir sind. Solche Resultate schafft man nicht mit einer demotivierten Mannschaft.

Jung: Um vollen Rückhalt und Anerkennung zu bekommen, braucht es Zeit. Das war bei Peter nicht anders. Korpsgeist und emotionalen Durchgriff hat man in einer Agentur wie Jung von Matt nicht auf Anhieb. Das dauert. Wichtig ist: Man muss etwas Außergewöhnliches leisten – wie der einarmige Fliesenleger. Da, wo die Gesellen rummuddeln, muss der einarmige Meister kommen und zeigen, wie es geht. Nur so wird man Identifikationsfigur: Extraklasse beweisen.

Strerath:
Man kann die besten Werte, Prozesse und Strukturen haben, wenn der Erfolg ausbleibt, ist alles nichts. Gerade in einer Agentur wie dieser. Am wichtigsten für mein persönliches Ankommen ist aber das Thema Vertrauen. Die meisten Leute sehen Veränderungen skeptisch, auch hier. Wenn sie aber sehen, dass wir im Sinne der Agentur agieren, entsteht Vertrauen.

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 ... die Unterschiede im Führungsstil:
Strerath: Die Zeiten haben sich geändert. Früher wurde zwar auch diskutiert, aber dann kam ein Holger Jung und sagte, wo es lang geht. Alle sind ihm gefolgt. Geschäftsführer bei Jung von Matt zu sein, war anders als heute. Wir glauben nicht mehr an solche Kompassfunktionen eines Einzelnen, sondern an Partnerkultur. Das heißt aber auch: Wir erwarten heute mehr von unseren Geschäftsführern. Es wird für uns alle anspruchsvoller.

Figge:
Früher war Jung von Matt ein Boot, dann eine Flotte mit fünf Schiffen. Heute sind es 20. Bis das letzte begriffen hat, dass es backbord drehen soll, ist das wahrscheinlich nicht mehr aktuell. Wir brauchen also Unternehmertypen, die eigenständig Entscheidungen treffen können und wollen. Unsere Partner sehen uns zum Teil gar nicht als ihre Chefs.

... Veränderungen in der Kultur der Agentur:
Holger Jung: Der Beat ist immer noch so wie damals. Die Marke ist sich extrem treu geblieben, auch wenn sie das Spielfeld und ihre Fertigkeiten massiv ausgeweitet hat. Jung von Matt ist anpassungsfähig wie moderner Stahl, aber eben nicht gusseisern.

Thomas Strerath: Die Marke Jung von Matt steht für den Anspruch auf kreative Exzellenz und den Regelbruch. Das gilt immer! Das kann wie früher eine einzelne Kampagne betreffen oder die Lösung komplexer Probleme, wie Kunden sie heute erleben. Hinzu kommt: Diese Agentur tendiert in ihrer Kultur zur Bockigkeit. Das wichtigste Wort ist Nein – das widerspricht natürlich der Mentalität vieler Dienstleister und womöglich auch der Erwartung vieler Kunden. Eine Marke wie Jung von Matt wirkt erst mal anstrengend und wenig kollaborativ.

Peter Figge: Eine starke Kultur muss zusammenhalten und gleichzeitig bereit sein, sich zu öffnen. Ansonsten wird sie untergehen. Trotzdem haben wir Werte, die unverrückbar sind: Zupacken, dicke Bretter bohren, no nonsense, extreme Produktliebe, Zuverlässigkeit, Eigenverantwortung. Team heißt hier nicht: Toll, ein anderer macht's. Jung von Matt ist extrem haltungsgetrieben. Das bleibt auch so.
„Jung von Matt ist anpassungsfähig wie moderner Stahl, aber eben nicht gusseisern.“
Holger Jung


... den Vorwurf, Jung von Matt trickse bei Awards, zum Beispiel zuletzt in Cannes:
Jung: Ich habe das ganze Gesabbel ehrlich gesagt nicht verstanden. Wir waren noch nie so weit weg von Tricksereien wie dieses Jahr. Und wenn ich das aus meiner Erfahrung, auch als früherer GWA-Präsident, mal so sagen darf: Alle pinkeln in den Pool, nur wer das Pech hat, erwischt zu werden, kriegt Ärger.

... die These, Technologie- und Digitalkompetenz sei heute wichtiger als Kreatvität:
Figge: Wir sehen das anders. Wenn prozessuale und technologische Waffengleichheit hergestellt sind – und das wird früher oder später der Fall sein –, landet man immer wieder bei den Themen Kreativität und Idee. Das heißt nicht, dass Technologie und Prozesse unwichtig sind, im Gegenteil, aber sie machen nicht den Unterschied.

Strerath:
Wenn die Ausoptimierung vorbei ist, wird Kreativität zum letzten unfairen Wettbewerbsvorteil. Das ist auch der Grund, weswegen die großen IT-Beratungsgesellschaften sowie die Googles und Facebooks dieser Welt diese Ressource einkaufen. Den Ausschlag gibt am Ende der kreative Regelbruch. Deshalb ist es unsere Aufgabe, in allen Bereichen, in denen wir tätig sind, das kreative Herz ins Zentrum zu stellen. mam
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