Jobs in Agenturen "Wir sollten alle halbtags arbeiten!"

Mittwoch, 25. Mai 2016
Nicolas Kittner arbeitet für Agenturen, Start-ups und große Unternehmen
Nicolas Kittner arbeitet für Agenturen, Start-ups und große Unternehmen
Foto: nicolaskittner.com
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Sein Vorwurf dürfte vielen Agenturchefs gar nicht schmecken: Die meisten Agenturen würden ineffizient arbeiten, meint der Hamburger Kreativdirektor und UX-Designer Nicolas Kittner. In seinem kürzlich veröffentlichten Artikel auf Medium.com fordert er Agenturen außerdem auf, die tägliche Arbeitszeit zu halbieren. Wie er auf diesen provokanten Vorschlag kommt, erklärt er im Gespräch mit HORIZONT Online.
In Ihrem Artikel auf Medium.com fordern Sie, dass in Agenturen nur noch halbtags gearbeitet werden sollte, um produktiver und effizienter zu sein. Das klingt nach verklärter Romantik. Ist es vielleicht auch. Aber ich behaupte, dass man kreativen Output auch in der Hälfte der bisherigen Zeit hinbekommt – also in sieben statt zwölf Stunden. Vielleicht sogar auch in vier. Eine zeitliche Limitation führt meiner Meinung nach dazu, dass man effizienter arbeitet – und weniger Lebenszeit im Büro vertrödelt. Kreative Ideen entstehen aber doch nicht auf Knopfdruck. Manchmal braucht man zwischendurch Ablenkung. Wenn man aber nur halbtags arbeitet, reduziert das enorm die Zeit, in der kreativer Output möglich ist. Ja, das stimmt. Aber es ist ja auch legitim, die Arbeit gedanklich mit nach Hause zu nehmen. Vielen kommt zuhause plötzlich der Geistesblitz. Das macht auch jeden guten Kreativen aus. Das ist jedoch etwas anderes, als wenn man zwölf Stunden am Schreibtisch hocken muss, nur weil es im Arbeitsvertrag festgeschrieben ist oder alle anderen Kollegen es auch so machen. Außerdem besteht die tägliche Arbeit eines Kreativen schlicht und ergreifend aus Handwerk. Gute Ideen braucht man natürlich, aber das ist nicht das, was die meisten von morgens bis abends tun.

Sie behaupten also, die meisten Agenturen arbeiten ineffizient? Das dürften Ihre Arbeitgeber aber gar nicht gerne hören. Im Grunde ja.

Sie haben es bereits angesprochen: Die Denke, nur wer anwesend ist, arbeitet auch, ist sehr stark verbreitet. Muss diesbezüglich nicht erst einmal ein Paradigmenwechsel stattfinden? Auf jeden Fall. Wenn Homeoffice mit Freizeit gleichgesetzt wird, ist das ein Problem. Diese Haltung ist komplett überholt. Die Policy "vor 19 Uhr verlässt keiner seinen Schreibtisch" darf es nicht mehr geben. Ich glaube aber gar nicht einmal, dass die physische Präsenz am Arbeitsplatz das größte Problem ist. Das größte Problem ist die Ineffizienz, die primär durch die vorherrschenden Prozesse in den Agenturen hervorgerufen wird.

Für Agenturmitarbeiter mit direktem Kundenkontakt ist Ihre Forderung nach der Reduzierung der Arbeitszeit aber doch schlichtweg unpraktikabel. Der Kunde und seine Bedürfnisse bestimmen die Arbeit in Agenturen. Kunden den schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben, das ist zu einfach. Hier ist das Management der Agenturen gefragt. Wenn sie den Unternehmen klar machen, dass es eine Kernarbeitszeit gibt und man ab 17 Uhr nur noch in äußersten Notfällen erreichbar ist, dann werden diese das auch akzeptieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele Kunden gibt, die damit ein ernsthaftes Problem hätten. Eine gute Agentur vertritt eine Haltung und steht auch dafür ein.

Sie plädieren für die Abschaffung von Meetings. Aber die Teilnahme an den meisten ist vorgegeben, der Tagesablauf also fremdbestimmt. Klar, Meetings müssen sein, um sich auszutauschen und abzustimmen. Generell aber gilt: Viele und lange Besprechungen sind ein Problem. Dem kann man ganz einfach Abhilfe schaffen, in dem man meetingfreie Tage einführt oder Zeiten, in denen solche Termine nicht stattfinden dürfen. Im Ausland sieht man bereits erste Agenturen, die das aktiv umsetzen wie zum Beispiel Wieden + Kennedy in London. Sie müssen sich viel bewusster mit den Themen Effizienz,  Abläufe und Prozesse beschäftigen und diese aktiver planen, anstatt das Ganze einfach so laufen zu lassen und hinnehmen, dass die tägliche Arbeit immer wieder durch zeitraubende Meetings unterbrochen wird.

Können Sie abschließend ein paar Tipps geben, wie man effizienter arbeiten kann? Möglichst alle Ablenkungsquellen ausschalten: keine Email, kein Facebook, kein Twitter, keine ausschweifenden Gespräche an der Kaffeemaschine. Manchmal hilft auch einfach: Kopfhörer auf, um quasselfreudigen Kollegen zu signalisieren: Ich habe jetzt keine Zeit für Smalltalk. Dann überlegen, an welchem Ort man am besten arbeiten kann. Es gibt Leute, die arbeiten von zuhause aus am effizientesten, aber auch Leute, die dort überhaupt nicht produktiv sein können. Das sowie die Gestaltung des Arbeitsplatzes – ob clean oder überladen mit persönlichen Dingen - sollte jeder für sich selbst entscheiden können. Interview: Jessica Becker

Zur Person

Nicolas Kittner ist UX-Designer und Kreativdirektor aus Hamburg. Bis Februar 2016 arbeitete er als Creative Director Konzept bei Plan.Net Hamburg und Liquid Campaign. Dort hat er Konzept- und UX-Teams aufgebaut und für unterschiedliche Kunden digitale Services und Markenerlebnisse entwickelt. Seitdem ist er als Freelancer für Agenturen, Startups und große Unternehmen.
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