Jean-Remy von Matt im Handelsblatt-Interview "Der Wettbewerbsdruck hat uns willfährig gemacht"

Donnerstag, 06. Oktober 2016
Jean-Remy von Matt auf dem Titel des "Handelsblatt Magazins"
Jean-Remy von Matt auf dem Titel des "Handelsblatt Magazins"
Foto: Handelsblatt

Starwerber Jean-Remy von Matt hat dem "Handelsblatt Magazin" ein ausführliches Interview gegeben. In dem mit Bildern seines neuen Domizils in Berlin auf zwölf Seiten präsentierten Gespräch redet der Co-Gründer der Agenturgruppe Jung von Matt neben seinem Ausflug in die Architektur über die Veränderungen in der Agenturbranche. Seiner Zunft stellt der 63-Jährige dabei kein gutes Zeugnis aus.

Ähnlich wie aktuell der internationale TBWA-Chef Troy Ruhanen bezeichnet von Matt den Ansehensverlust der Werber als hausgemacht. Die Agenturbranche habe viel Autorität verspielt, sagt er in dem am Freitag erscheinenden Interview. "Der Wettbewerbsdruck hat uns willfährig gemacht, sodass wir oft nicht mehr beraten, sondern nur noch liefern. Mein Idealbild war immer, dass wir Werber wie der Beifahrer eines Rallye-Piloten unseren Kunden ständig zurufen, wo es langgeht. Inzwischen sitzen wir oft nur noch quengelnd hinten im Kindersitz", so von Matt.

Werbung habe ihre Ur-Funktion, Markttransparenz zu schaffen und die Verbraucher über Produkte, deren Eigenschaften und Verfügbarkeit zu informieren, an Google verloren. Sie selbst reagiere darauf, indem sie immer intransparenter werde. Zum Beispiel mit "Content Marketing, Native Advertising oder Branded Entertainment - was im Ergebnis alles Schleichwerbung ist", findet der Kreative. Man sei genau dort gelandet, "wo man uns schon vor 50 Jahren vermutet hat - als geheime Verführer", sagt von Matt in Anspielung auf das gleichnamige Buch von US-Konsumkritiker Vance Packard aus dem Jahr 1957.
„Mein Idealbild war immer, dass wir Werber wie der Beifahrer eines Rallye-Piloten unseren Kunden ständig zurufen, wo es langgeht. Inzwischen sitzen wir oft nur noch quengelnd hinten im Kindersitz.“
Jean-Remy von Matt
Kritik übt der Agenturchef darüber hinaus am Absicherungswahn in Konzernen, heutigen Pitchverfahren und zahllosen Viral-Friedhöfen im Internet. Von Matt: "Das ist die Gnade des Internets: Die Algorithmen machen Misserfolge unsichtbar. Wir sehen immer nur die Handvoll Erfolge, aber nie das Massengrab der Flops." Seiner eigenen Agentur gibt der Werber aktuell die Note 2-, dem Branchendurchschnitt eine 3,6. Auf die unvermeidliche Frage, wie er sich seinen Abschied aus der von ihm gegründeten Firma vorstelle, antwortet von Matt: "Gar nicht." mam

Meist gelesen
stats