Chimney-Chef Arndt Dallmann "Agenturen kommen zu breitbeinig daher"

Freitag, 12. September 2014
Arndt Dallmann steht seit Ende Juni an der Spitze von Chimney
Arndt Dallmann steht seit Ende Juni an der Spitze von Chimney
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Chimney Arndt Dallmann


Viele Jahre führte Arndt Dallmann die Kreation renommierter Agenturen, jetzt steht er an der Spitze des Produktionsdienstleisters Chimney - und hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Zusammen mit der schwedischen Mutterfirma will er Chimney zu einem Komplettanbieter für Bewegtbild ausbauen und Content-Lieferant für Unternehmen werden. Dabei scheut der 50-Jährige nicht den Angriff auf Werbeagenturen und klassische Filmproduktionen. Im Interview mit HORIZONT erläutert Dallmann seine Pläne.

Warum reicht es heute eigentlich nicht mehr, eine Postproduktion zu sein?
Weil man davon allein kaum noch leben kann. Die Filmproduktionen und viele Agenturen machen das heute inzwischen selbst. Wir müssen unser Angebot also erweitern. Unser Ziel ist, auch in Deutschland ein Komplettanbieter für Bewegtbild zu werden: Idee, Umsetzung und Nachbearbeitung aus einer Hand.

Diesen Plan verfolgen auch einige Ihrer Wettbewerber.
Na klar, weil alle von dem massiven Preisverfall betroffen sind, der durch die Digitalisierung entstanden ist. Reine Postproduktion ist ein Auslaufmodell. Deswegen überlegen sich alle, wo sie noch Wachstum erzielen können. Zum Glück hat Chimney das Geschäft international schon sehr frühzeitig diversifiziert. Diesen Schritt wollen wir jetzt auch in Deutschland machen. Aber wir wollen den Spagat nicht übertreiben. Wir gucken immer sehr genau, was zu uns passt. Wenn wir beispielsweise eigene Regisseure anbieten, dann müssen das immer Vollprofis sein und keine Hobbyfilmer, die mit der Handkamera durch die Gegend rennen und ein paar Wackelbilder machen. Das ist ja auch eine Folge der modernen Technologie, nicht zuletzt der von Apple: Kreativität wurde demokratisiert. Heute bieten viele Leute Leistungen an, die früher nur Experten konnten.

Beklagen Sie das?
Nein, ich stelle es fest. Plötzlich gibt es ganz neue Talente im Markt. Dadurch gerät der eine oder andere Platzhirsch natürlich unter Druck. Auf der anderen Seite haben gerade die etablierten Anbieter, wie Chimney, sehr viel Expertise, die es ihnen ermöglicht, sich weiterzuentwickeln und Marken dabei zu helfen, den Verbrauchern relevanten Content, neuartig umgesetzt, anzubieten. Im Idealfall geht das so weit, dass wir die Marken dabei unterstützen, eigene Plattformen mit ihren Inhalten zu bespielen - jenseits der etablierten Medienangebote. Stichwort: Die Marke wird zum Medium, zur eigenen Kommunikationsinfrastruktur.

Das wirft die Frage auf, welche Marken überhaupt so interessante Inhalte haben, dass sich die Verbraucher wirklich damit beschäftigen wollen?
Es ist sicher nicht leicht, relevanten Content zu finden. Aber wenn man lange genug sucht, wird man etwas finden. Der Content ist in den Unternehmen vorhanden, diese Schätze müssen nur gehoben werden. Und wir haben dann die Expertise, wie man mit den Inhalten Geschichten erzählt. Und zwar so, dass die Zielgruppen der Unternehmen sich tatsächlich dafür interessieren.

Nämlich wie?
Wer dauerhaft Erfolg haben will, muss sich auch mal über den Tag hinaus Gedanken machen. Über neue Technologien, neue Erzählweisen. Wer begreift, dass eine Geschichte auf einem Smartphone anders inszeniert werden muss als im TV - dieser Marketingdirektor ist mit seiner Marke im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit vorn. Loyalität des Kunden entsteht nicht, indem man den Leuten ständig irgendwelche Snippets hinwirft und sagt: "Kauf mich."

Allein mit Leuten aus der bisherigen Postproduktion werden Sie diesem Anspruch kaum gerecht werden können. Manche Ihrer Wettbewerber holen sich deshalb Kreative aus anderen Bereichen, auch aus klassischen Agenturen, ins Haus. Sie auch?
Natürlich brauchen wir die Kompetenz dieser Leute. Aber richtig gute Kreative gehen heute sowieso kaum noch in Agenturen. Sie setzen auf ihre Stärke in einer Spezialdisziplin und suchen sich dafür den passenden Partner. Es gibt viele Leute mit einer hohen Affinität zum Thema Film. Die sprechen wir direkt an, erklären ihnen unser Modell, zeigen ihnen das Chimney-Netzwerk. Und siehe da, die meisten finden das ziemlich interessant.

Verstehen wir Sie richtig: Der langjährige Agenturkreative Arndt Dallmann sagt, die Arbeit in Agenturen ist heute nicht mehr sonderlich spannend?
Die jungen Leute wissen doch selbst, was heute in Agenturen los ist. Die fragen sich natürlich, ob das noch ein attraktiver und sicherer Job ist. Das ist bei uns anders. Mir hat neulich mal jemand gesagt: Bewegtbild ist wie eine Kakerlake - geht auch nach einem Atomkrieg nicht kaputt. Da ist was dran.

Dennoch wollen Sie im Bereich von Agenturen wildern, zumindest hört sich der Plan so an.
Das klingt ja nach böser Verschwörung à la Darth Vader. Die haben wir nicht vor. Wir arbeiten gut mit vielen Agenturen zusammen. Aber wir wollen schon in Bereiche gehen, die sie nicht oder nicht vollständig abdecken. Viele Agenturen kommen immer noch zu breitbeinig daher und sehen sich als etwas ganz Besonderes. Und merken dabei nicht, dass sich immer mehr Spezialanbieter entwickeln, die ihnen das Geschäft abgraben und an ihren Budgets knabbern. Das Anrecht der Agenturen auf bestimmte Aufgaben gibt es heute nicht mehr. Interview: mam/bu

Das vollständige Interview lesen HORIZONT-Abonnenten in der aktuellen Ausgabe 37/2014, die auch auf dem iPad oder - nach einmaliger Registrierung - als E-Paper gelesen werden kann. Nicht-Abonennten können hier ein HORIZONT-Abo abschließen.

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