Instagram-Logo im Expertencheck "Generisch und gesichtslos"

Mittwoch, 18. Mai 2016
Das alte (l.) und das neue Logo (r.) von Instagram
Das alte (l.) und das neue Logo (r.) von Instagram
Foto: Instagram

Vor einer Woche hat sich die Foto-Community Instagram ein neues Logo gegönnt. Weg vom Zeichen im Retro-Look, hin zu einem moderneren Aussehen. Doch im HORIZONT-Expertencheck kommt das neue Symbol nicht gut weg. Durchschnittlich 2,2 von 5 möglichen Sternen vergeben die Designer und Markenspezialisten.
Gerade einmal ein Stern ist das Logo beispielsweise Diplom-Designer Achim Schaffrinna und Blogger auf Designtagebuch.de wert. Für ihn hat die Facebook-Tochte ihr prägnantes Kamera-Icon gegen ein "austauschbares, non-skeuomorphistisches" Symbol ausgewechselt. In die gleiche Kerbe schlägt auch Lars Kreyenhagen. Für den Geschäftsführer von Karl Anders war der Retro-Look deutlich eigenständiger.
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Bild: Instagram

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Neues Logo Instagram trennt sich vom Retro-Look

Als "total beliebig" bezeichnet auch Christine Lischka, Managing Director von Serviceplan Design, das überarbeitete Instagram-Symbol. "Das Logo ist leider unkreativ, bietet grafisch nichts Neues und kommuniziert nichts Neues", so ihr Urteil. Farblich und grafisch könne man das Zeichen kaum noch von Logos wie iPhoto, Whatsapp oder iTunes auseinanderhalten. Es wirke schon heute "gestrig". Auch sie vergibt lediglich einen mageren Stern.

Florian Pfeffer, Partner von One/One Studio, fällt es ebenfalls schwer, sich für das Symbol zu begeistern: "Dafür ist es einfach zu sehr Allerwelts-Piktogramm und zu wenig eine eigenständige Idee." Für ihn spiegelt das neue Logo in keinster Weise die strategische Ausrichtung von Instagram wider, das für ihn schon lange nichts mehr mit Fotografie im eigentlichen Sinne zu tun hat. Die Plattform schicke sich vielmehr an, eine Hauptrolle im Online-Handel als Empfehlungs- und Affiliate-Kanal für Mode- und Lifestyle-Produkte zu spielen.

Die beste Bewertung gibt Rüdiger Goetz ab. Für den Geschäftsführer Kreation von KW43 Branddesign ist "das neue Zeichen durch seine starke Reduzierung ein wirkliches Zeichen". Die neutrale Stilistik mache es offen für jeden Inhalt und erhebe durch ihre piktogrammhafte Wirkung visuell Anspruch auf eine Standard-Applikation auf jedem Mobiltelefon. jeb

Lesen Sie hier die kompletten Urteile der Designexperten:

Achim Schaffrinna, Diplom-Designer Designtagebuch.de (1 Stern)

Achim Schaffrinna
Achim Schaffrinna (Bild: Designtagebuch.de)
Dotcom-Unternehmen wie Yahoo und Ebay haben es vorgemacht: eine über Jahre aufgebaute eigenständige visuelle Identität wird geopfert, um sich unter dem Vorwand bestmöglicher User Experience ein generisch aussehendes Logo zu geben. So auch Instagram, das sein prägnantes Kamera-Icon im Retro-Look gegen ein austauschbares, non-skeuomorphistisches Symbol ausgewechselt hat.

„Instagram hat sein prägnantes Kamera-Icon im Retro-Look gegen ein austauschbares, non-skeuomorphistisches Symbol ausgewechselt.“
Achim Schaffrinna, Designtagebuch.de
Die Reduzierung auf ein Minimum, auf das Wesentliche, ohne dabei Beliebigkeit entstehen zu lassen, ist die wohl größte gestalterische Herausforderung im (Kommunikations-)Design. Daran ist man bei Instagram gescheitert. Nun fehlt nur noch ein neuer Schriftzug, beispielsweise in der "Myriad" gesetzt, und die Beliebigkeit wäre perfekt.

Bezeichnend ist die auf diese Weise entstandene Umkehrung der Realität: Während Datensammler wie Facebook (zu dem Instagram gehört) und Google über ihre Aktivitäten immer präzisere, detailreichere Profile von uns Nutzern schaffen, werden deren Logos zunehmend generischer und gesichtsloser.

Lars Kreyenhagen, Geschäftsführer Karl Anders (3 Sterne)

Lars Kreyenhagen
Lars Kreyenhagen (Bild: Karl Anders)
Nun also auch Instagram. Neues Logo, neues Glück. Nachdem ja bereits vor einiger Zeit die App auf Flat Design umgestellt wurde, folgt nun das Logo. Ich selbst kann mit dem Relaunch wenig anfangen. Wohl aber mit dem Case Film. Der ist echt gut und bekommt von mir 5 Sterne Deluxe.

Die neue Bildmarke gefällt mir leider gar nicht, der alte Retro-Look war deutlich eigenständiger und auch wesentlich harmonischer im Einsatz mit der Wortmarke. Die neue Konstellation will nicht so recht zusammenpassen. Aber vielleicht zieht die Wortmarke demnächst auch nach. Ich hätte da ein paar Vorstellungen, wie es werden könnte, hoffe aber nicht, dass sich das bewahrheiten wird.

Spaß macht das Spiel mit dem Logo, die Community findet Gefallen daran sich selbst eine eigene Version des Logos zu gestalten. Das ist ein moderner und zeitgemäßer Umgang mit einer Marke, das gefällt mir und lässt mich am Ende dann doch 3 Sterne vergeben. Nicht Fisch, nicht Fleisch.

Florian Pfeffer, Partner One/One Studio (2 Sterne)

Florian Pfeffer
Florian Pfeffer (Bild: One/One Studio)
Farbverläufe sind das neue Schweinsleder. Es fällt schwer, sich für das neue Logo von Instagram zu begeistern. Dafür ist es einfach zu sehr Allerwelts-Piktogramm und zu wenig eine eigenständige Idee. Das Auffälligste ist seine Wort-Wörtlichkeit. Aber Begeisterung ist möglicherweise der falsche Maßstab für Corporate Design. 

„Für mich hat Instagram schon lange nichts mehr mit 'Fotografie' im eigentlichen Sinne zu tun.“
Florian Pfeffer, One/One Studio
Der skeuomorphistische Charakter der bisherigen Gestaltung hat sich mir noch nie erschlossen und ich bin froh, dass das Geschichte ist. Damit folgt das nun abgelöste Instagram-Zeichen dem in Schweinsleder gebundenen Kalender früherer Betriebssysteme von Apple und dem Bücherregal aus schlecht nachgemachtem Birkenfurnier der iBook-App aus dem iOS6 in den digitalen Sperrmüll.

Das neue Zeichen verstehe ich aber ebenso wenig wie das alte. Für mich hat Instagram schon lange nichts mehr mit "Fotografie" im eigentlichen Sinne zu tun. Die Plattform schickt sich vielmehr an, eine Hauptrolle im Online-Handel zu spielen als Empfehlungs- und Affiliate-Kanal für Mode- und Lifestyle-Produkte. Eine solche Entwicklung und strategische Ausrichtung muss sich nicht unbedingt in einem Zeichen wiederfinden, aber ich hätte mir etwas mehr Eigenständigkeit und Charakter gewünscht. Der Affe von Mailchimp versendet (hoffentlich) auch nicht meine Newsletter, aber er ist zumindest ein lustiger Typ und zwinkert mir verschwörerisch zu.

Eine seiner wichtigsten Aufgaben erfüllt das Piktogramm aber: trotz seiner Beliebigkeit fällt es im Reigen meiner Apps durch seine Schnörkellosigkeit auf – auch wenn ich nach dem Öffnen der App stets aufs Neue irritiert bin. Sind meine Finger wirklich so dick geworden, dass ich immer wieder daneben klicke oder hat die Nutzeroberfläche tatsächlich überhaupt nichts mit dem neuen Zeichen zu tun?

Christine Lischka, Managing Director Serviceplan Design (1 Stern)

Christine Lischka
Christine Lischka (Bild: Serviceplan)
Das "alte Instagramm-Logo" war sympathisch, nahbar, leicht dechiffrierbar aber bestimmt kein Meisterwerk des Graphik Designs. Und es wäre demnächst langweilig geworden, also ist ein Relaunch nachvollziehbar. Nachzuvollziehen ist auch die erweiterte Positionierung vom "reinen Bild-Archiv" hin zu einer Kommunikationsplattform.

„Das Logo ist unkreativ, bietet grafisch nichts Neues und kommuniziert nichts Neues.“
Christine Lischka, Serviceplan Design
Und dennoch ist ein oberstes Gebot für die Gestaltung von Logos, die ja letztlich die Essenz eines Corporate Designs sind, Uniqueness. Und unique ist das neue Logo leider überhaupt nicht. Es passt sich ein in die Reihe der I-photo, whatsApp, i-tunes Logos und ist leider total beliebig. Farblich kann man die genannten Logos kaum noch auseinanderhalten und grafisch ist nun auch alles gleich. Das Logo ist leider unkreativ, bietet grafisch nichts Neues und kommuniziert nichts Neues. Es wirkt heute schon gestrig, das ist das eigentlich Dramatische. Ich frage mich, wann dieser typische reduzierte, grellfarbige, abgerundete Ecken-App-Style endlich mal wieder durchbrochen wird. Der Eindruck, jeder kopiert jeden, drängt sich leider förmlich auf. Instagram hätte die Chance gehabt, etwas Neues und Mutiges, Qualitatives und Uniques zu schaffen. Leider vertan.

Rüdiger Goetz, Geschäftsführer Kreation KW43 Branddesign (4 Sterne)

Rüdiger Goetz
Rüdiger Goetz (Bild: KW43 Branddesign)
Das neue Instagram-Logo ist bemerkenswert. Aber weniger das Zeichen selbst als vielmehr der Vorgang an sich. Kein Zweifel: Ein Redesign war notwendig. Das neue Zeichen ist durch seine starke Reduzierung ein wirkliches Zeichen, die neutrale Stilistik macht es offen für jeden Inhalt und erhebt durch ihre piktogrammhafte Wirkung visuell Anspruch auf eine Standard-Applikation auf jedem Mobiltelefon.

Soweit so gut. Die Umsetzung ist kreativ und konzeptionell nachvollziehbar, aber nicht außergewöhnlich. Außergewöhnlich ist jedoch der Veränderungsgrad für diese Art von Unternehmen. Denn mit dem neuen Instagram-Logo hat einer der großen Social Media-Player den Mut bewiesen, seinen Markenauftritt spürbar zu verändern. Und das obwohl ausgerechnet diese Marken in den letzten Jahren nicht gerade eine sehr hohe und mutige visuelle Markenführungskultur beweisen haben. Vielleicht aus reiner Erfolgs-Ignoranz oder aus einer zur Schau gestellten Antihaltung gegenüber klassischen Marken und deren "Old Economy"-Marketingkultur? Vielleicht aber auch, und viel wahrscheinlicher sogar, aus einer berechtigten Angst über die maßgeblich durch sie und ihre Dienste so leicht global mobilisierbare öffentliche Empörung.

Digitale Informationstechnologie hat dem einzelnen eine Stimme und Plattform sowie die Überzeugung gegeben, dass die Welt genau auf seine Meinung gewartet hat. Eine große kulturelle Leistung – aber auch mit gewaltigen Bumerang-Effekt. Denn je größer und sichtbarer das System, insbesondere bei den maßgeblichen Protagonisten der Social Media-Kultur, desto mehr Aufmerksamkeit und folglich mehr statistisch unausweichlich skalierte Ablehnung. Als lustvolle Gemeinschaftserfahrung entwickelt sich diese besonders im "Social Media-Habitat" kraftvoll. Ihre schrille und plakative Hysterie ist dabei meist nicht repräsentativ und verzerrt die realen Verhältnisse, wird aber in ihrer Bedeutung und Gefahr oft überschätzt. Diese Wirkung könnte die eher mutlosen und halbherzigen Versuche von Facebook und Co erklären, ihre Marken von typischen Kinderkrankheiten semi-professioneller Markenkompetenz zu befreien.

„Instagram hat damit nicht nur endlich ein angemessenes Zeichen, sondern auch Mut zu angemessener Marken- und Marketingkultur bewiesen.“
Rüdiger Goetz, KW43 Branddesign
Die scheinbar radikale visuelle Veränderung ist zudem weit weniger radikal als sie im ersten Eindruck erscheint und damit die Empörung der weltweiten Instagram- und Social Media-Community bei Weitem übertrieben. Denn: Die Symbole wurde beibehalten, die Geometrie ist fast identisch, die Bezugnahme auf die App-Grundform ebenso. Der markante Schriftzug blieb weitgehend unverändert. Er besitzt sicherlich ebenso viel, wenn nicht sogar noch mehr, Signalkraft für die Marke, als das alte Zeichen. In der Kombination mit dem Logo ist er dann auch die einzige formale Schwachstelle, da die beiden Elemente stilistisch nicht homogen bzw. als visuelle Einheit wirken. In der von Instagram selbst promoteten Animation zur Vorstellung des Wechsels des Brandings wird der bunte Hintergrund mit Bezugnahme auf ein Detail des ursprünglichen Zeichens hergeleitet. Nicht wirklich überzeugend als zwingendes Argument, aber die Farbwirkung im neuen Zeichen ist auch so gestalterisch verständlich, da sie das eher neutrale Zeichen um eine kreative und lebendige Qualität ergänzt. Hier wurde gekonnt und präzise kalkulierend Risiko und Chance abgewogen, ein notwendiger Schritt entschieden und mutig vollzogen. Instagram hat damit nicht nur endlich ein angemessenes Zeichen, sondern auch Mut zu angemessener Marken- und Marketingkultur bewiesen.

Katie Taylor, Executive Creative Director Brand Union Germany (4 Sterne)

Katie Taylor
Katie Taylor (Bild: Brand Union)
Instagram hat ihr Logo verändert. Klar, wir drehen alle durch! Natürlich trauern wir dem Verlust jenes niedlichen und nostalgisch kolorierten Quadrats mit den gespielten Proportionen nach - jenem Bild, das der Spaßfaktor-Firma Polaroid zu neuem Leben verhalf.

Die Tränen flossen, als Polaroids beinahe verschwanden. Praktisch waren sie nie. Wir liebten sie trotzdem. Wir freuten uns wie die Kirchenknaben, als Instagram sie zu huldigen begann und wir waren außer uns, als dieses Tribut eine 360 Grad Wendung vollzog und als fast perfekte Kopie in Polaroids Socialmatic erschien. Wann hat ein Logo je so etwas vollbracht?

Ja, das neue Logo ist schlicht, modern, zeitgenössisch und es leuchtet harmonisch auf meinem Home-Screen. Instagrams APPs sind nun ästhetisch geordnet (auch wenn ich die schlichte Kreis-Quadrat-Winkel Geometrie der ehemaligen Dreiheit vermisse). Und ja, die Idee, für die Entwicklung des neuen Logos das alte Logo aus der Erinnerung frei zu zeichnen, ist eine hübsche Geschichte und der Filmclip gehört zu den Besten, den ich je gesehen habe. Aber seien wir ehrlich. Der neckische Umgang mit - unserem - Instagram kann uns bei einer solchen Reduktion nur abhanden kommen. Wer schafft es schon, den Reiz des weichen Kunstleders und des glänzenden Objektivs - bewaffnet mit lediglich einem schwarzen Kugelschreiber - neu zu kreieren?

Instagrams Veränderung lässt uns Schlimmes ahnen. Wir zittern vor Angst, denn unser süßer Freund, der uns stets in Selbstzufriedenheit wog, scheint sich komplett verändert zu haben. Nie wieder schicken wir endlose und unmissverständliche Huldigungen Richtung Instagram, in denen wir niedliche Törtchen backen und winzige Täschlein häkeln... Die ein wenig kuriose aber wunderbare Liebesaffäre kann ich mir nach dieser stilistischen Auffrischung nicht mehr vorstellen. Aber vielleicht war es auch an der Zeit, endlich erwachsen zu werden.
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