I work for Goods Dieser Werber auf Weltreise tauscht Arbeitskraft gegen Kost und Logis

Freitag, 22. Mai 2015
Florian Kretschmann ist "Werber auf Weltreise"
Florian Kretschmann ist "Werber auf Weltreise"
Foto: Florian Kretschmann / I work for Goods

Der Frankfurter Kreative Florian Kretschmann hat Ende des vergangenen Jahres ein ebenso spannendes wie mutiges Projekt gestartet: Er bereist ferne Länder und bietet dortigen Agenturen seine Arbeitskraft an - als Gegenleistung erhält er Nahrung und Unterkunft. Derzeit hält sich der 31-Jährige in Buenos Aires auf, von dort aus hat er die Fragen von HORIZONT Online zu seinem Projekt beantwortet.

Wie bist du auf die Idee gekommen, herumzureisen und dich für deine Arbeitskraft mit Kost & Logis bezahlen zu lassen? Florian Kretschmann: Die Welt zu bereisen, um neue Orte und Menschen kennen zu lernen, begeistert mich schon lange. Da ich es als freier Konzepter & Texter gewohnt bin, ortsunabhängig für Agenturen und Kunden zu arbeiten, war es für mich der nächste Schritt, meine Leidenschaft für gute Geschichten und Ideen einfach mitzunehmen. Wir leben in einer Zeit, in der es oft keine Rolle spielt, wo man seinen Schreibtisch aufstellt, was zählt ist das Ergebnis. Meiner Erfahrung nach haben das bereits viele Kunden begriffen. Mein Laptop und ein paar schlaue Tools helfen mir dabei mich überall schnell zu vernetzen. Um am anderen Ende der Welt möglichst unkompliziert auf neue Agenturen und Kunden zugehen zu können, entwickelte ich das Projekt "I work for Goods – Traveling with Ideas". Als Austausch für meine kreativen Leistungen, nehme ich statt Verträgen und Geld, einfach das entgegen, was mir angeboten wird: so zum Beispiel das Ticket zur An- und Weiterreise, Verpflegung oder eine Unterkunft.

Wie hast du deinen Trip vorbereitet? Überhaupt nicht. Naja fast, ich habe natürlich mein Flugticket nach Südamerika ohne Rückflug gebucht und ein paar Monate vorher mit einem kolumbianischen Übersetzer Spanisch gelernt, damit ich mich direkt verständigen konnte. Da ich jedoch bis zum letzten Tag in Deutschland für einen Job gebucht war, hatte ich kaum Zeit mich intensiv vorzubereiten. Meinen Rucksack habe ich erst am Abend vor dem Abflug zwischen Abschiedsbier und Umarmungen mit Freunden gepackt. Laptop, Sakko und Badehose – mit dieser 'Ausrüstung' bin ich von Dschungel bis Agenturmeeting auf alles vorbereitet – wobei sich das auch oft vermischt. Ich denke das schwierigste war, sich mental darauf einzustellen, ohne genaues Ziel für unbestimmte Zeit von Heimat, Familie und Freunden getrennt zu leben.
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Wie hat dein Umfeld auf die Idee reagiert? Fragen wie: 'Wo fängt deine Reise an?', 'Wie sind deine Stationen?' oder 'Wann kommst du wieder?' konnte ich nicht beantworten. Mir wurde also eher Verwunderung und Skepsis entgegen gebracht. Mir war es jedoch wichtig, ohne konkrete Planung zu starten, denn so entstehen einfach die spannendsten Geschichten.

Wo hast du bislang gearbeitet und an welchen Projekten? Meinen ersten Auftrag habe ich nach kurzer Eingewöhnung in das atemberaubende Buenos Aires von der Werbeagentur :aschen erhalten. Für einen Computerhersteller durfte ich bei der Markteinführung eines neuen Mobiltelefons für Brasilien mitarbeiten. Von Produktnaming, Claim bis zu den Kampagnenmotiven konnte ich mich frei entfalten und sogar den Produktnamen formen. Die Agentur hat auch in Santiago de Chile einen Sitz, wo ich demnächst wieder einsteigen werde. In meinem nächsten Projekt habe ich für die Organisation 'Cinema Independiente Cubano' gearbeitet. Eine Gruppe kubanischer Filmemacher, welche dem kubanischen Film und seinem Nachwuchs eine internationale Bühne verleihen wollen. Dafür habe ich das gesamte Corporate Design entwickelt, eine Webseite erstellt und geholfen das kubanische Filmfestival in Buenos Aires und Barcelona mit Plakaten zu bewerben. Weiter ging es kulinarisch: Durch einen Zufall lernte ich den Starkoch Borja Blazquez kennen, der gerade dabei ist, sein erstes Gourmet-Restaurant zu eröffnen. Ich unterstütze ihn dabei mit der Entwicklung seines persönlichen Signets, einer Webseite und der Gestaltung der gesamten Restaurant-Ausstattung. Aktuell helfe ich dem jungen Startup 'Mashamour' dabei, sich mit ihrem Veganen und Raw Food orientierten Lieferdienst in Argentinien zu etablieren. Neben meiner Beratung und ausgiebiger Verkostung entwickle ich auch das Firmenlogo sowie die Webseite. An köstlicher und gesunder Ernährung fehlt es mir also nicht.
Dieses Plakat gestaltete Kretschmann für das kubanische Filmfestival in Buenos Aires
Dieses Plakat gestaltete Kretschmann für das kubanische Filmfestival in Buenos Aires (Bild: Florian Kretschmann / I work for Goods)


Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht? Buenos Aires ist als eine der pulsierendsten Metropolen Südamerikas mit unfassbaren 13 Mio. Einwohnern eine Hochburg der Werbung, Kultur und Vielfältigkeit. In den von mir besuchten Agenturen wird auf höchstem kreativen Niveau gearbeitet. Das ist unglaublich inspirierend, genau wie die Menschen und Projekte denen ich begegne. Durch die verschiedenen Arbeitssituationen eröffnen sich immer neue und spannende Geschichten, ich treffe auf dankbare und glückliche Gesichter und neue Freunde, werde zu Festen, Yacht-Fahrten oder Dinnern eingeladen. Meinen Arbeitsplatz suche ich mir selbst aus, ob im historischen Café um die Ecke oder im Coworking-Space zusammen mit Startups oder anderen Freelancern und digitalen Nomaden aus der ganzen Welt. Durch diese Arbeitsweise entstehen ständig neue Synergien und Perspektiven, die nicht nur den eigenen kreativen Horizont erweitern, sondern letztendlich auch den Kunden davon profitieren lassen. Ich denke durch die heutigen Möglichkeiten der Vernetzung, wird die selbstbestimmte und ortsunabhängige Arbeitsweise mehr als nur ein Pseudo-Selbstverwirklichungstrip mit Latte Machiato – es wird die Zukunft der Arbeitswelt.

Gab es auch Phasen, in denen es nicht gut lief? Wie überbrückst du finanzielle Durststrecken? Am Anfang war es nicht immer leicht meine Idee an den Mann zu bringen. So habe ich erst mal ein paar Emails verschickt und befreundete Agenturen wie Leo Burnett oder Publicis direkt besucht um Kontakte herzustellen. Mit der Zeit ergab dann ein Kontakt den anderen. Klar gibt es immer mal Phasen ohne Aufträge, worüber ich jedoch eher froh bin, um mehr zu reisen und den Kontinent entdecken zu können. Ohne planbares Einkommen zu leben ist nicht immer einfach. Zumal Deutschland nicht aus der Welt ist und laufende Kosten bezahlt werden müssen. Ein kleines Polster sollte man sich also schon anlegen. Weiterhin habe ich jedoch auch Aufträge für deutsche Agenturen und unterstütze die Kollegen meines in Wiesbaden ansässigen Kreativ Kollektivs 'Operative Ästhetik' bei der Arbeit mit unseren Kunden. Das einzige Problem dabei ist die Zeitverschiebung, der Arbeitstag beginnt dann eben um vier Uhr morgens mit einem Mate.

„Mir war es wichtig, ohne konkrete Planung zu starten, denn so entstehen einfach die spannendsten Geschichten.“
Florian Kretschmann
Welche Reaktionen hast du bislang bekommen? Gibt es auch negatives Feedback? Wenn ja: welcher Art? Es kommt schon mal vor, dass ich von meinem Projekt erzähle und mir gesagt wird, dass es doch ziemlich blöd sei kostenlos zu arbeiten. Manchmal verstehen mögliche Projektpartner das Konzept auch nicht und bekommen Angst, sie müssten für mich kochen oder mit mir ihr Bett teilen. Ich erkläre es dann gern nochmal. Ehrlich gesagt bin ich aber überrascht, wie viel positives Feedback bei mir ankommt. Ob aus dem lokalem Umfeld oder von Fans des Projekts via Facebook aus der ganzen Welt. Ich freue mich über den Zuspruch, wie inspirierend die Idee sei, dass sie das auch gerne machen würden oder mir ein nächstes Projektziel in Ihrem Land anbieten.

Wie wird es mit I work for Goods weitergehen? Das Schwierige ist, sich wieder von einem Ort zu trennen, wenn man sich gerade eingelebt hat. Doch auf meiner Liste stehen noch einige Länder die ich entdecken möchte. Da es keine konkrete Planung für das Projekt gibt und es darauf ankommt wo ich als nächstes gebucht werde, kann ich meine Reiseroute noch nicht bestimmen. Ich werde jedoch weiter Richtung Norden bis nach Kolumbien reisen und stelle mir vor, das Projekt in Asien fortzuführen. Ich freue mich also über Kommentare, Nachrichten und mögliche nächste Ziele. Eins ist sicher, Frankfurt wird mich früher oder später wieder haben, denn ganz ohne Äbbelwoi geht es doch nicht! Die Fragen stellte Ingo Rentz

Der Kreative:

Der studierte Kommunikationsdesigner Florian Kretschmann (31) aus Wiesbaden reist mit seinem Projekt "I work for Goods" um die Welt, um seine Ideen gegen Kost & Logis einzutauschen. Als Freelancer für Konzeption und Text arbeitet er seit mehreren Jahren für deutsche Agenturen wie Leo Burnett, Syzygy, Razorfish.

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