HORIZONT-Preisträger Matthias Schrader "Man muss die Kultur erhalten"

Donnerstag, 21. Dezember 2017
Matthias Schrader ist der Agenturmann des Jahres 2017
Matthias Schrader ist der Agenturmann des Jahres 2017
© Olaf Ballnus
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Matthias Schrader Accenture Sinner Schrader


Wer den HORIZONT-Agenturmann des Jahres Matthias Schrader zum Interview trifft, merkt schnell: Der Mann redet nicht gern über sich. Geht es dagegen um die Entwicklung der von ihm geführten Agentur, den Markt und die Anforderungen der Kunden, ist er kaum zu stoppen. Wer gedacht hat, dass der 50-Jährige nach dem Verkauf an Accenture kürzer treten will, hat sich getäuscht. Schrader ist voll engagiert. Genug Zeit für die Agentur hat er jedenfalls. Er bekennt: "Ich habe keine Hobbys."
Sie gelten als zurückhaltender und bescheidener Managertyp. Aber was würde Matthias Schrader in einer Laudatio über Matthias Schrader sagen? Das ist eine gemeine Frage. HORIZONT nötigt uns schon, einen Preisträgerfilm zu machen. Ich grübele schon die ganze Zeit, was ich da eigentlich machen und über mich erzählen soll.
Umso besser, dann sind Sie ja vorbereitet und können unbeschwert loslegen. Eben nicht. Totaler Blackout. Ich bin total schlecht in solchen Dingen.

Okay, dann versuchen wir es anders: Was glauben Sie, warum sind Sie Agenturmann des Jahres 2017 geworden? Ich verstehe die Auszeichnung nicht als Lebenswerkpreis, sondern als Anerkennung für das, was wir dieses Jahr erreicht haben. Das hat sicherlich auch mit unserem Zusammenschluss mit Accenture zu tun, der beispielhaft für eine übergeordnete Entwicklung steht.

Bevor wir näher darauf eingehen, würde ich gern wissen, was für Sie die Meilensteine von Sinner Schrader sind. Ganz wichtig ist, dass wir immer versucht haben, uns zu häuten und mit dem Markt weiterzuentwickeln. Ich unterscheide drei Phasen: In der ersten Phase, der Hochzeit der New Economy, haben wir vor allem für Start-ups gearbeitet. Nach dem Platzen der Blase waren wir dann in erster Linie für die digitalen Schnellboote großer Unternehmen tätig. Diese Phase lief bis vor zwei, drei Jahren. Seitdem geht es vor allem darum, die Konzerne selbst bei ihrer digitalen Transformation zu begleiten. Das berührt auch die Frage, wie man sich als Agentur aufstellen muss.
„Ich verstehe die Auszeichnung nicht als Lebenswerkpreis, sondern als Anerkennung für das, was wir dieses Jahr erreicht haben. Das hat sicherlich auch mit unserem Zusammenschluss mit Accenture zu tun, der beispielhaft für eine übergeordnete Entwicklung steht.“
Matthias Schrader
Vermutlich könnten Sie abendfüllend darüber reden, aber was genau hat sich dadurch verändert? Die Spannung kommt vor allem daher, dass die Aufgaben viel größer werden. Auf einmal sind 150 bis 200 Mitarbeiter mit einem einzelnen Projekt beschäftigt. Das erfordert eine ganz andere Ernsthaftigkeit, Professionalität und auch Prozesssicherheit, als sie das traditionelle Agenturgeschäft kennt. Auf der anderen Seite muss man trotzdem innovativ bleiben und zeigen, dass eine Agentur den Unterschied macht.

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Wodurch zeichnet sich die andere Herangehensweise von Agenturen denn aus? Kreation, innovatives Denken und Handeln, die Fähigkeit, nicht zu standardisieren, sondern individuelle, kundenzentrierte Lösungen zu entwickeln. Das ist die Kompetenz, die jetzt durch die Übernahme von Digitalagenturen addiert wird. Eine sinnvolle Ergänzung entsteht aber nur, wenn die andere Kultur der Agenturen erhalten bleibt. Wenn man die kaputt macht, hat man am Ende nur ein bisschen Umsatz dazugekauft.
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© HORIZONT

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Aber wie kann eine 500-Mann-Firma wie Sinner Schrader in einem globalen Konzern mit 450.000 Mitarbeitern wie Accenture ihre Kultur erhalten – und auch noch die der wesentlich größeren Einheit verändern? Den Riesenapparat sieht man im Tagesgeschäft nicht. Accenture ist eine komplett dezentrale Organisation. Die Agenturen werden in einem Studio-Modell geführt, also mit Einheiten, wo Softwareentwickler, Kreative und Berater mit einer Deckelung von 100 bis 150 Menschen pro Standort unter einem Dach sitzen. Das sind überschaubare Einheiten, in denen es noch familiäre Strukturen geben kann. Man sollte immer eine Idee haben, wie der Mensch heißt, den man an der Kaffeemaschine trifft. Diese Studio-Kultur zu erhalten, ist der feste Wille von Accenture.

Dennoch muss Sinner Schrader seinen Namen aufgeben, warum? Weil wir für unsere Kunden Lösungen entwickeln, die in relativ kurzer Zeit weltweit implementiert werden. Dabei muss man eng mit den einzelnen Märkten zusammenarbeiten. Für die deutschen Unternehmen mag es komfortabel sein, wenn sie uns unter dem Namen Sinner Schrader kennen. Auf Veranstaltungen mit unseren internationalen Kunden hören wir jedoch mehr die Frage "Sinner – who?". Deswegen ergibt es Sinn, weltweit mit der Marke Accenture Interactive aufzutreten.

Sie revidieren also Ihre Einschätzung von 2014, als Sie in HORIZONT schrieben: "Implementierungshäuser wie Accenture entstauben ihre Powerpoint-Decks und poolen ihre Services wieder breitbeinig unter den Labeln Digital und Interactive"? Nein. Wäre die Situation anders, hätten sie uns ja nicht gekauft.

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„Alle, die durch den Neuen Markt gegangen sind und schon mal dreistellige Millionenbeträge auf dem Papier besaßen, haben mit diesem Thema psychologisch abgeschlossen. Man kann nur zwei Steaks am Tag essen.“
Matthias Schrader
Lassen Sie uns zum Abschluss noch mal über Matthias Schrader reden. Manche Beobachter dachten, der Verkauf Ihrer Agentur an Accenture sei für Sie der Einstieg in den Ausstieg. Falsch? Ja, ich bin ja gerade erst bei Accenture eingestiegen.

Als Privatier, der irgendwo auf Mallorca oder Ibiza sein Geld zählt, kann man sich Sie auch schlecht vorstellen. Dennoch: Mit dem Verkauf der Agentur haben Sie ein hübsches Sümmchen eingestrichen. Haben Sie sich davon etwas Besonderes gegönnt? Ich bin total langweilig. Ich habe keine Hobbys. Vielleicht ein bisschen fotografieren. Ansonsten kümmere ich mich seit 20 Jahren nur um die Agentur. Und was das Geld angeht: Alle, die durch den Neuen Markt gegangen sind und schon mal dreistellige Millionenbeträge auf dem Papier besaßen, haben mit diesem Thema psychologisch abgeschlossen. Man kann nur zwei Steaks am Tag essen.

Und was tun Sie, wenn Sie sich mal nicht um die Agentur kümmern? Na ja, ich habe auch eine Familie. Meine beiden jüngsten Kinder sind sechs und acht, da hat man als Vater durchaus noch eine Fangemeinde zu Hause.

Interview: Mehrdad Amirkhizi

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