Group-M-Chef Jürgen Blomenkamp "Für deutsche Vermarkter wird es sehr schwierig"

Donnerstag, 28. September 2017
Group-M-Chef Jürgen Blomenkamp
Group-M-Chef Jürgen Blomenkamp
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Es ist eine harte Aussage von Jürgen Blomenkamp, Deutschlands mächtigstem Mediaagentur-Manager: "Die deutschen Medienhäuser müssen radikal umdenken. Die einzige Möglichkeit, dem Trend Richtung Google und Co etwas entgegenzusetzen, ist der Aufbau eigener relevanter und skalierbarer Plattformen. Passiert das nicht, wird es absehbar sehr schwierig für die deutschen Vermarkter." Die bisherigen Ansätze seien "bei weitem noch nicht ausreichend", so der Chef von Group M - und entsprechend groß die Gefahr, "im Wettbewerb weiter zurückzufallen" und "an Relevanz für die Werbungtreibenden zu verlieren".
Die eigene Organisation hat Blomenkamp in den vergangenen Monaten massiv umgebaut: Mit M-Platform wurde eine neue IT-Infrastruktur für alle Group-M-Agenturen gelauncht, Mediacom und Mindshare bekamen neue Chefs, MEC und Maxus wurden zu Wavemaker fusioniert, mit Essence startet eine neue Digital-First-Mediaagentur. Das Meiste ging ziemlich geräuschlos vonstatten, nur bei Mediacom scheint es aktuell ziemlich zu knirschen - Unternehmenskenner rechnen damit, dass weitere Top-Leute den Hut nehmen werden, weil ihnen die neue Richtung mit Tino Krause an der Spitze nicht behagt. Für gewöhnlich hält sich Blomenkamp mit öffentlichen Aussagen zurück - umso genauer sollte man hinhören, wenn er sich doch einmal äußert. Im Interview mit Horizont Online nimmt der Group-M-Chef erstaunlich offen zu wichtigen Branchenthemen und der Ausrichtung von Group M Stellung. Seine zentralen Aussagen:

1. "Wir müssen einfacher werden. Deutlich einfacher."

Group M zentralisiert wichtige Bereiche unter dem Dach M-Platform, aber das ist noch nicht die ganze Geschichte. Blomenkamp: „Wir dürfen nicht bei Media stehenbleiben, sondern müssen auch Kreativagenturen und weitere Dienstleister in unsere Überlegungen einbeziehen.“ Im Klartext bedeutet das: Group M und die Werbeagenturen aus dem WPP-Bereich sollen viel enger als bisher zusammenarbeiten. Ziel der Übung: „Wir müssen den Kunden ein Angebot aus einem Guss liefern. Das ist für mich die wichtigste Aufgabe überhaupt.“
„Wir dürfen nicht bei Media stehenbleiben, sondern müssen auch Kreativagenturen und weitere Dienstleister in unsere Überlegungen einbeziehen.“
Jürgen Blomenkamp

2. Group M rüstet massiv auf bei Kreation und Content Marketing

Blomenkamps Credo lautet: „In einer digitalen Welt, in der man die Kreation aufgrund der technischen Möglichkeiten in realtime optimieren kann, wird die Trennung von Kreation und Media im Digitalen obsolet.“ Auch bei Content Marketing wolle man in den nächsten Jahren „massiv wachsen“.

3. "Wir sind offen für Kooperationen"

Den Pitch bei Procter & Gamble gewann Mediacom in diesem Jahr in einem Joint-Venture mit der Mediaagentur Pilot - ein absolutes Novum. Ist das ein Modell für die Zukunft? Blomenkamp schließt das ausdrücklich nicht aus: „Wir öffnen uns ganz bewusst für Kooperationen.“

4. "Der Blick auf Google und Facebook ändert sich"

Bisweilen hat man das Gefühl, die Werbungtreibenden vertrauen blind auf Google und Facebook als Berater für alles Digitale - sehr zum Leidwesen der Media-Networks. Blomenkamp ist „da nicht so pessimistisch“ und sagt: „Ich beobachte, dass sich die Sicht der Kunden auf die großen US-Player gerade deutlich verändert. Es wird inzwischen sehr viel besser verstanden, dass Google und Facebook eher große Medienhäuser sind und eben nicht Fullservice-Provider.“ Und dann sagt er noch einen Satz, der den Werbungtreibenden zu Denken geben soll: „Wir wissen: Wenn Kunden bei programmatischen Kampagnen auf die Infrastruktur von Google und Facebook setzen, werden diese Kampagnen auf Google und Facebook optimiert.“
Jürgen Scharrer
Bild: Thomas Fedra

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5. "Währungsdebatten teilweise naiv"

Es ist eines der zentralen Themen im Werbemarkt: Wie kann man Google und Facebook dazu bewegen, sich den Spielregeln im deutschen Markt anzupassen? Blomenkamps Sicht der Dinge hat politische Sprengkraft: „Es wäre naiv, zu glauben, wir könnten weltweit agierende Unternehmen wie Google und Facebook auf irgendwelche spezifisch deutsche Media- Währungs-Diskussionen verpflichten. Ich halte das für völlig unrealistisch.“

6. Werbungtreibende brauchen mehr Know-How

Die großen Werbungtreibenden sind gerade dabei, in eigene Datenmanagement-Systeme zu investieren und auch Media teilweise stärker in die eigene Hand zu nehmen - eine Gefahr für Mediaagenturen? Blomenkamps überraschende Antwort lautet: „ Ich finde, es passiert noch viel zu wenig. Das Marketing muss dringend in eigene Ressourcen investieren, wozu für mich auch zwingend gehört, die Hoheit über die Daten zu haben. Das kann man nicht an Agenturen auslagern - aber eben auch nicht an Google oder Facebook. Ich will nicht überkritisch sein, aber ich sehe eindeutig die Gefahr, dass die Unternehmen der Entwicklung nicht schnell genug hinterherkommen.“
„Das Marketing muss dringend in eigene Ressourcen investieren, wozu für mich auch zwingend gehört, die Hoheit über die Daten zu haben. Das kann man nicht an Agenturen auslagern - aber eben auch nicht an Google oder Facebook.“
Jürgen Blomenkamp

7. Der Trend geht noch stärker Richtung Performance

Wird das Marketing immer kurzfristiger, sind klassische Imagekampagnen auf dem Rückzug, weil es zunehmend um sofort messbare Sales-Effekte geht? Blomenkamp: „Ich bin eher auf der Seite derjenigen, die sagen: Kommunikation muss einen messbaren Beitrag zum Geschäftserfolg von Unternehmen liefern.“ Das klingt vernünftig, könnte in der Konsequenz aber bitter werden für klassische Medien, die vor allem für Markenaufbau genutzt werden.

Bleibt noch die Frage, wie es um die aktuelle Ergebnisstärke steht  - traditionell gelten die deutschen Group-M-Agenturen als überaus profitabel. Blomenkamp nennt keine konkreten Zahlen, räumt aber ein: „Es ist sicherlich so, dass der Markt insgesamt unter Druck ist und wir das auch in unseren eigenen Zahlen sehen.“ Dennoch sei er weiter sehr optimistisch, da es zunehmend gut gelinge, neue Geschäftsfelder aufzubauen. „Wir müssen uns massiv upgraden, wir müssen noch besser werden, wir müssen die Bedürfnisse unserer Kunden noch genauer verstehen und idealerweise proaktiv neue Lösungen und Konzepte bieten.“

Das Interview im Wortlaut:

Herr Blomenkamp, die Mediaagenturen stehen von allen Seiten unter Druck, OMG-Chef Florian Adamski rechnet damit, dass in den nächsten Jahren auch große, etablierte Player vom Markt verschwinden könnten. Wie bedrohlich ist die Lage? Der eigentliche Motor der Veränderung sind unsere Kunden, deren Geschäftsgrundlagen sich radikal verändern. Das hat natürlich massive Folgen auch für die Mediaagenturen. Werden große Networks deshalb verschwinden? Nein, das halte ich für völligen Quatsch. Klar ist aber auch: Es gibt keinen Automatismus und es drängen neue, starke Player auf den Markt. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn es auch in unserer Branche jetzt zu großen Verschiebungen kommt. Ordnung ist kein Wert an sich.

Große Werbungtreibende beginnen damit, Marketing und Media wieder stärker in die eigene Hand zu nehmen. Das kann Ihnen nicht gefallen. Im Gegenteil, ich halte das für den absolut richtigen Weg. Wir brauchen viel mehr Know-how auf Kundenseite.

Und das passiert gerade? Ich finde, es passiert noch viel zu wenig. Das Marketing muss dringend in eigene Ressourcen investieren, wozu für mich auch zwingend gehört, die Hoheit über die Daten zu haben. Das kann man nicht an Agenturen auslagern - aber eben auch nicht an Google oder Facebook. Ich will nicht überkritisch sein, aber ich sehe eindeutig die Gefahr, dass die Unternehmen der Entwicklung nicht schnell genug hinterherkommen. Das ist auch deswegen bedenklich, weil Marketing und Vertrieb immer mehr zusammenwachsen. Es wäre ein großer Fehler, virtuelle Regalflächen outzusourcen.

Google, Facebook und Amazon gehören absehbar 80 oder noch mehr Prozent des digitalen Werbemarktes. Da stellt sich schon die Frage, wozu man Mediaagenturen überhaupt noch braucht. Ich bin da nicht so pessimistisch und beobachte, dass sich die Sicht der Kunden auf die großen US-Player gerade deutlich verändert. Es wird inzwischen sehr viel besser verstanden, dass Google und Facebook eher große Medienhäuser sind und eben nicht Fullservice-Provider für alle Probleme in der digitalen Welt. Wenn wir uns glaubwürdig als neutrale Berater positionieren, die in der Lage sind, Kommunikationslösungen über alle Kanäle hinweg effizient zu orchestrieren, muss uns die Dominanz von Google und Co keine zu großen Sorgen bereiten, sondern bietet uns sie Chance, die besten Lösungen aus der Vielfalt auszuwählen.

Es ist auffallend, wie sanft Sie mit Google und Co umgehen. Wäre es nicht eine dringende Aufgabe der Mediaagenturen, von den US-Player mehr Transparenz und das Einhalten von in Deutschland geltenden Standards zu fordern? Es wäre naiv, zu glauben, wir könnten weltweit agierende Unternehmen wie Google und Facebook auf irgendwelche spezifisch deutsche Media- Währungs-Diskussionen verpflichten. Ich halte das für völlig unrealistisch. Umso wichtiger ist es, dass Mediaagenturen für Transparenz und Vergleichbarkeit sorgen. Darin sehe ich tatsächlich eine unserer Kernaufgaben. Und es ist ja auch nicht so, dass wir uns dem nicht stellen würden. Was ich zudem für ganz entscheidend halte: Wir müssen einfacher werden für unsere Kunden. Deutlich einfacher. Für mich ist das die wichtigste Aufgabe überhaupt.

Was meinen Sie genau damit? Mediaagenturen haben in den vergangenen Jahren immer mehr Spezialdisziplinen angedockt, dadurch ist ein extrem breit gefächertes Angebot mit sehr vielen Silos entstanden. Was wir jetzt brauchen, ist eine gemeinsame Infrastruktur, ohne dabei die Eigenständigkeit unserer Agenturen zu beschneiden. Und eigentlich dürfen wir nicht bei Media stehenbleiben, sondern müssen auch Kreativagenturen und weitere Dienstleister in unsere Überlegungen einbeziehen. Am Ende steht das Ziel, den Kunden ein Angebot aus einem Guss zu bieten.

Inwieweit müssen Mediaagenturen dafür eigene Ressourcen in Kreation und Content aufbauen? In einer digitalen Welt, in der man die Kreation aufgrund der technischen Möglichkeiten in realtime optimieren kann, wird die Trennung von Kreation und Media im Digitalen obsolet. Insofern brauchen wir zweifellos einen sehr starken Link in die Kreation hinein.

 Besteht die Lösung darin, enger mit Kreativagenturen zusammenzuarbeiten oder eigene Ressourcen aufzubauen? Ich glaube, wir müssen beides tun. Es geht auch nicht darum, unsere Welt zum Kunden zu bringen, sondern sehr individuelle Lösungen zu entwickeln. Dazu gehört zum einen, noch mehr eigene Infrastruktur für Kreation und Content aufzubauen, und zum anderen, sehr viel enger mit anderen Agenturen zu kooperieren. Bevorzugt mit Partnern aus unserem WPP- Network, aber auch außerhalb.

 Das birgt doch jede Menge Konfliktpotenzial. Die WPP-Kreativagenturen werden nicht begeistert sein, wenn Group M jetzt auch bei Kreation mitspielen will. Wenn ich über Kreation spreche, dann vor allem über Digital- und Echtzeit- Kampagnen. Die großen Imagekampagnen bleiben die Domäne der klassischen Werbeagenturen. Im Bereich Programmatic müssen wir aber sicher noch stärker als bisher auch eigene Kreations- und Content-Konzepte anbieten. Entscheidend ist für mich aber vor allem, dass wir innerhalb von WPP noch sehr viel stärker disziplinübergreifend zusammenarbeiten, um es für die Kunden einfacher zu machen. Das passiert ja heute bereits sehr gut bei einzelnen Kunden. Ich bin sicher: Solche Modelle werden wir in Zukunft noch sehr viel häufiger sehen.

 Braucht es dafür eine durchgreifende Organisationsreform? Publicis scheint da viel radikaler als WPP vorzugehen. Was auf dem Papier schön aussieht, kann in der Praxis auch schnell zu einem ineffizienten Administrations-Apparat führen, der am Ende Flexibilität und Geschwindigkeit kostet. Ich glaube, die Zusammenarbeit muss sehr stark aus der Motivation der Beteiligten kommen. Und die spüre ich bei WPP allenthalben. Das versetzt uns in die Lage, individuelle Set-Ups für unsere Kunden zu entwickeln.

Sprechen Sie heute mehr mit den Chefs der WPP-Kreativagenturen als früher? Absolut. Wir haben regelmäßig horizontale Treffen, zuletzt auf der Dmexco, und verstehen inzwischen viel besser, wo es mögliche gemeinsame Schnittstellen gibt. Wir arbeiten heute auf einem ganz anderen Level zusammen als noch vor zwei, drei Jahren. Sind wir schon am Ende der Reise angelangt? Nein, ganz sicher nicht.

Wie massiv rüsten Sie bei den Group-M-Agenturen bei Kreation und Content denn konkret auf? Wir sind gerade dabei, einzelne Content-Bereiche in einem zentralen Hub zu bündeln. Inzwischen kümmern sich bei uns rund 90 Spezialisten zu 100 Prozent um Content. Zu 95 Prozent handelt es sich dabei um digitalen Content. Das zeigt, wie ernst wir das Thema nehmen. Und keine Frage: Wir wollen in diesem Bereich in den nächsten Jahren massiv wachsen!

In den großen Content-Marketing-Debatten nehmen viele die Mediaagenturen nicht wirklich ernst... Ich glaube, man muss begreifen, dass sich die grundsätzliche Formel geändert hat. Früher wurde Kommunikation von links nach rechts gedacht - ich hatte einen Mediaplan, der wurde exekutiert und irgendwann wurde die Kommunikation von meiner Zielgruppe hoffentlich gesehen. Damit war unser Job mehr oder weniger erledigt. Heute geht Kommunikation in zwei Richtungen, ich erreiche immer noch die Zielgruppe, sehe aber im gleichen Moment, wie sie reagiert. Genau das ist für mich die eigentliche dramatische Veränderung. Diese Entwicklung bringt uns als Mediaagenturen theoretisch in eine sehr gute Ausgangsposition, da wir diejenigen sind, die die Werbemittel ausliefern. Die zweite wichtige Erkenntnis ist: Wie gut der Rückkanal funktioniert, hängt nicht nur vom Touchpoint ab, sondern ganz entscheidend auch vom Inhalt. Den Mediaagenturen kommt daher zwangsläufig die Aufgabe zu, auch bei Content-Fragen ein zentraler Ansprechpartner unserer Kunden zu sein.

Lassen Sie uns über die neue Aufstellung von Group M in Deutschland sprechen. Mit Wavemaker und Essence schicken Sie gleich zwei neue Agenturen ins Rennen. 2017 ist für uns das Jahr der großen Veränderungen. Neben der Gründung von Wavemaker und Essence haben wir in diesem Jahr [m]PLATFORM gelauncht und damit unsere komplette technologische Infrastruktur zusammengeführt. Wenn wir in fünf Jahren zurückblicken, werden wir sagen: 2017 war für Group M ein besonders wichtiges und erfolgreiches Jahr.

Wie viel Geld hat Group M in [m]PLATFORM investiert? Ich will keine genaue Summe nennen, kann Ihnen aber sagen, dass weltweit circa 3.000 Menschen für [m]PLATFORM arbeiten. In Deutschland sind es 250 Mitarbeiter. [m]PLATFORM spielt eine absolute zentrale Rolle für die strategische Ausrichtung unserer Gruppe.

Sie haben zuletzt mit Ihren Personalentscheidungen ziemlich viel Mut bewiesen. Sebastian Hupf wird Chef von Wavemaker, Tino Krause hat Paul Remitz an der Spitze von Mediacom abgelöst, beide stehen für ein neues Denken. Ganz so einfach scheinen sich die Dinge aber nicht zu entwickeln: Bei Mediacom soll es intern gerade ziemlich ruckeln. Dass es nach einem Wechsel an der Führungsspitze individuelle Diskussionen gibt, ist doch normal. Das ändert aber nichts daran, dass wir gerade eine total motivierte Mediacom sehen.

Wie sind Ihre Wachstumspläne für Essence? Die sind sehr ehrgeizig. Man hat nicht oft die Chance, auf einem weißen Blatt Papier komplett neu anzufangen. Essence wird uns helfen, unser digitales Wachstum zu beschleunigen. Mit Google haben wir einen fantastischen und maximal inspirierenden Startkunden. Die stark technikgetriebene Digital-First-Ausrichtung von Essence wird somit auch eine extrem stimulierende Wirkung für unsere Gruppe insgesamt haben.

Über konkrete Zahlen wollen Sie nicht sprechen? Essence ist seit 2005 eine global erfolgreiche Agentur mit nun mehr als 1.100 Mitarbeitern weltweit. Für Deutschland ist es noch zu früh, um konkrete Wachstumsziele zu nennen, aber wir wollen die Agentur schnell zum Laufen bringen.

Sie haben gesagt, ein zentrales Ziel sei es, zum Kunden hin einfacher zu werden. Gehört dazu auch eine Agentur wie Twentyfive, die Sie zusammen mit Pilot für den Kunden Procter & Gamble gegründet haben? Ja, absolut. Mein Credo lautet: Wenn wir konsequent aus dem Kunden heraus denken, kommen wir auch zu den richtigen Lösungen. Insofern rechne ich damit, dass wir in Zukunft deutlich mehr solche Modelle wie Twentyfive sehen werden. Wir öffnen uns ganz bewusst für Kooperationen.

Die jüngsten WPP-Zahlen haben die Branche aufgeschreckt. Sind die goldenen Zahlen für die Kommunikationsbranche vorbei? Das glaube ich nicht. Ein Problem, mit dem wir aber alle zu kämpfen haben, ist der Umstand, dass trotz eines hervorragenden wirtschaftlichen Umfelds die Werbespendings nicht mehr organisch wachsen. Das erhöht natürlich auch den Druck, Pitches zu gewinnen. Für die weitere Entwicklung bin ich aber dennoch zuversichtlich. Wenn es uns gelingt, Kommunikations- Lösungen zu finden, die nachweisbar das Geschäft unserer Kunden stimulieren, werden auch die Werbespendings wieder steigen. Mit anderen Worten: Wenn wir erfolgreich arbeiten, wird das fast automatisch wieder zu höheren Spendings führen. Gerade für den digitalen Bereich gilt: Wir müssen Kommunikation in echtes Geschäft übersetzen.

Das klingt gut, kann in der Konsequenz aber bitter für klassische Medien werden. Die logische Folge von dem, was Sie sagen, ist ein noch stärkerer Fokus auf Performance Marketing, das sofort messbare Ergebnisse liefert. Langfristiger Markenaufbau und klassischer Imagewerbung spielen da nur noch eine untergeordnete Rolle. Ich sehe diese Gefahr nicht und bin eher auf der Seite derjenigen, die sagen: Kommunikation muss einen messbaren Beitrag zum Geschäftserfolg von Unternehmen liefern. Wenn ich Geld für Werbung ausgebe und es kommt in kurzer Zeit doppelt zurück, ist das doch nicht verkehrt. Im Übrigen sehe ich auch keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Performance und Branding: Wenn ich ein konsistentes Markenbild als Klammer habe, können auch kurzfristige Maßnahmen auf das Image einzahlen.

Wie wird sich der Media-Mix aus Ihrer Sicht weiter entwickeln? Digital legt weiter zu und im Digitalen wird die Übernacht von Google, Facebook und Amazon noch größer, als sie heute schon ist? Ich glaube an sehr langfristige Trends. Die analogen Medien digitalisieren sich, auch das klassische Fernsehen wird absehbar Teil des digitalen Werbemarktes sein. Wir kommen in eine 90:10-Situation.

90 Prozent der Werbespendings werden Digital? Ja.

Und ein Großteil davon geht an Google und Co.? Das ist in der Tat der zweite große Trend, den wir sehen: Google, Facebook und Amazon legen massiv zu, während die meisten anderen Vermarkter kaum vom Shift Richtung Digital profitieren.

Und diese Entwicklung ist unumkehrbar? Das würde ich nicht sagen. Der entscheidende Punkt ist: Non-Google- Facebook-Amazon-Medienhäuser müssen gemeinsame Plattformen bauen. Das ist absolut notwendig, um im Wettbewerb nicht weiter zurückzufallen.

Genau das passiert ja seit einigen Monaten - die deutschen Player arbeiten fieberhaft an neuen Daten-Allianzen. Stimmt, aber das muss alles sehr viel schneller und breiter gehen, die deutschen Medienhäuser müssen radikal umdenken. Die einzige Möglichkeit, dem Trend Richtung Google und Co etwas entgegenzusetzen, ist der Aufbau eigener relevanter und skalierbarer Plattformen. Passiert das nicht, wird es absehbar sehr schwierig für die deutschen Vermarkter, weil sie einfach an Relevanz für die Werbungtreibenden verlieren. Die Bereitschaft, das wirklich zu tun, ist aus meiner Sicht noch bei weitem nicht ausreichend vorhanden.

Group M Germany gilt seit Jahren als verlässlicher Renditebringer. Aktuell liegen die Gewinne aber deutlich unter den Vorjahren, richtig? Sie wissen, dass ich hier keine konkreten Zahlen nennen kann. Aber es ist sicherlich so, dass der Markt insgesamt unter Druck ist und wir das auch in unseren eigenen Zahlen sehen. Aber das ist ja keine Entwicklung, die über Nacht gekommen wäre. Insofern halte ich sie auch absolut für beherrschbar.

Aber der Trend, mit sinkenden Margen leben zu müssen, wird sich fortsetzen? Ich glaube überhaupt nicht an einen solchen Automatismus. Was stimmt, ist, dass wir neue Geschäftsfelder entwickeln müssen. Deshalb bauen wir konsequent unsere Strukturen um, investieren massiv in Technik und tun alles, um unsere Beratungs-Kompetenz weiter zu erhöhen. Wenn uns das gelingt, ergeben sich auch viele neue Chancen. Insofern bin ich sehr optimistisch, was die Zukunft von Group M betrifft. Aber noch einmal: Der Weg, den wir vor uns haben, ist hart und sehr herausfordernd.

Lassen Sie uns noch über Ihre eigene Zukunft sprechen. Nach dem Abschied von Matthias Brüll sind Sie de facto in Personalunion Chairman und CEO von Group M Germany. Ich fühle mich im Moment pudelwohl und total motiviert. Es ist ein schönes Gefühl, dass wir alles, was wir uns für dieses Jahr vorgenommen haben, tatsächlich umgesetzt haben. Wir haben hier auch wieder einen unglaublich starken Team-Spirit, das motiviert natürlich zusätzlich.

 Sie gelten als jemand, der sich gerne neuen strategischen Großprojekten stellt. Glauben Sie, dass Sie in fünf Jahren noch hier in Düsseldorf sind - oder doch eher in New York, London oder Tokio? Ganz ehrlich: Das weiß niemand, ich selbst am allerwenigsten. Es stimmt, dass ich großen Spaß daran habe, Neues zu machen. Insofern ist es schon wahrscheinlich, dass ich mich irgendwann anderen Aufgaben zuwenden werde. Aktuell denke ich aber wirklich überhaupt nicht darüber nach, was und wo das sein könnte. Ich hätte mir auch vor drei Jahren niemals vorstellen können, als Chairman nach Düsseldorf zurückzukehren. Im Nachhinein hat sich das als eine sehr gute Entscheidung erwiesen, vor allem das letzte Jahr hat mir unglaublich Spaß gemacht. Insofern: Die Dinge entwickeln sich und ich freue mich auf das, was kommt.

Haben Sie schon einen Namen für einen möglichen neuen CEO von Group M im Kopf? COO Karin Ross wird hoch gehandelt. Wir sind in der glücklichen Situation, wirklich sehr gute Talente in der Gruppe zu haben. Daher mache ich mir an der Stelle wirklich die geringsten Sorgen. 

Text und Interview: Jürgen Scharrer
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